Adelsheim

Evangelischer Bezirksfrauentag Sozialgerontologin Ulla Reyle aus Tübingen spricht am 27. März in Sennfeld zum Thema „Wer loslässt, hat die Hände frei“

„Frauen sind Veränderungsexpertinnen“

Beim evangelischen Bezirksfrauentag am 27. März spricht Ulla Reyle über das Thema Loslassen. Im FN-Interview erklärt sie, warum es ihrer Meinung nach Frauen leichter fällt, loszulassen.

Sennfeld. Beim Bezirksfrauentag des evangelischen Kirchenbezirks Adelsheim-Boxberg am Mittwoch, 27. März, in Sennfeld spricht in diesem Frühjahr Ulla Reyle aus Tübingen. Die Diplom-Sozialgerontologin, Supervisorin und geistliche Begleiterin hat sich das interessante Thema „Wer loslässt, hat die Hände frei“ vorgenommen. Die Fränkischen Nachrichten unterhielten sich vorab mit der Referentin aus dem Schwäbischen.

Frau Reyle: „Wer loslässt, hat die Hände frei“, heißt Ihr Vortrag in Sennfeld. Was tragen Menschen denn so alles mit sich herum, das sie loslassen könnten?

Ulla Reyle: Oft besteht der Ballast aus den vielen Dingen, die sich im Lauf des Lebens so angesammelt haben und der die Häuser, die Keller, die Speicher füllt. Oft sind es aber auch Erwartungen an sich selbst und veraltete Rollenbilder, die einem das Leben schwermachen.

Eigentlich kann man von „unnötigem Ballast“ sprechen, der einen hindert, frei zu leben?

Reyle: Was „unnötig“ ist, lässt sich von außen nicht erkennen, das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Geht das Loslassen immer so einfach?

Reyle: Ganz bestimmt nicht. Loslassen gehört mit zu den schwierigsten Herausforderungen, vor allem im zunehmenden Alter.

Wie überzeugen Sie Leute, dass ein Perspektivwechsel ihr Leben bereichern und zufriedener machen kann?

Reyle: „Überzeugen“ will ich niemand. Eher möchte ich mit Menschen ins Gespräch kommen und mit ihnen ihre Lebenserfahrungen, ihr Lebenswissen teilen. Und da spüren viele Menschen, dass eine Neuorientierung hilfreich ist für ein Leben mit weniger innerem und äußerem Gepäck.

Fällt es Frauen leichter loszulassen als Männern? Hängt es vielleicht auch vom Thema ab?

Reyle: Ja, ich denke schon, dass vor allem Frauen, die Kinder erzogen oder auch ihre Eltern oder Schwiegereltern gepflegt haben, „Veränderungsexpertinnen“ sind und gelernt haben, immer wieder neu loszulassen. Und sie haben gelernt, sich dazu Hilfe zu holen.

Es hat manchmal auch Vorteile, an lieb gewonnenen Dingen oder Traditionen festzuhalten. Oder sehen Sie das anders?

Reyle: Niemand erwartet ja, alles auf einmal loszulassen. Viele Dinge, die wir besitzen, sind mit wertvollen Erinnerungen besetzt und wir möchten diese vielleicht auch an die nächste Generation weitergeben. Das Gleiche gilt für liebgewordene Traditionen.

Können Sie aus Ihrer Erfahrung heraus schildern, wohin Menschen mit „freien Händen“ aufbrechen, welche Möglichkeiten sich ihnen eröffnen?

Reyle: Wer loslässt, hat die Hände frei. Vielleicht für ein neues Interesse oder ein neues Hobby, oder für ein neues Engagement. Vielleicht auch für eine verstärkte spirituelle Orientierung, für Zeiten der Stille und Naturbeobachtung.

Haben Sie ein kurzes Beispiel dazu aus ihrem Leben?

Reyle: Ich habe vor kurzem meinen 70. Geburtstag gefeiert, voller Dankbarkeit darüber, wie gut es mir geht. In einem so langen Leben hat man viele Gelegenheiten, loszulassen: meine drei erwachsenen wunderbaren Kinder, meinen geliebten Mann, meine Rolle als Pfarrfrau und Dozentin an der Dualen Hochschule. Und ich habe die Hände frei bekommen für die Arbeit in meiner eigenen Praxis, für vielfältige Begegnungen, die dabei entstehen, für die Pflege von alten und neuen Freundschaften, für vielfältiges gesellschaftliches Engagement. Und vor allem für eine Vertiefung meiner Gottesbeziehung.