Adelsheim

Gedenkkonzert in Adelsheim Familienchor eröffnete die musikalische Matinee zu Ehren der Baronin Helga von Adelsheim / „Conte Trio“ begeisterte die Zuhörer

Virtuosität und expressive melodische Gestaltung

Archivartikel

Adelsheim.Mit einer musikalischen Matinee, welche die evangelische Stadtkirche auf ganz besondere Weise zum Klingen brachte, wurde an Freifrau Helga von Adelsheim von Ernest erinnert.

Die im Februar gestorbene Baronin von Adelsheim wäre am 24. Oktober 100 Jahre alt geworden. Kinder, Enkel, Urenkel und weitere Verwandte trafen sich am vergangenen Wochenende in Adelsheim, wo die verwitwete Gräfin Helga von Bernstorff mit ihrem zweiten Ehemann, Freiherrn Joachim von Adelsheim von Ernest, in den Jahren 1960 bis 1998 überwiegend lebte.

Nach dessen Tod verbrachte sie mehr Zeit in Gartow/Niedersachsen, dem Wohnsitz der Bernstorffs. Dort wurde sie auch beigesetzt. Auf dem Adelsheimer Friedhof erinnert eine Grabplatte an die Verstorbene.

Familienchor zum Auftakt

Pfarrerin Angelika Bless begrüßte die Zuhörer zum Konzert und zündete für Helga von Adelsheim eine Kerze an, verbunden mit einem Gebet. Groß sei die Leidenschaft der Baronin für die Musik gewesen. Auch Hausmusik habe stets eine große Rolle in der Familie gespielt, so Pfarrerin Bless. Diese Begeisterung habe Helga von Adelsheim an ihre Nachkommen weitergegeben, was gleich darauf ein Vokalensemble aus Kindern, Enkeln und Urenkeln mit einem geistlichen Lied von Felix Mendelssohn bewies. Mit vorzüglich gestalteter a-cappella-Kunst wurde der Reigen der musikalischen Darbietungen eröffnet.

Danach war die „Bühne“ im Altarraum frei für Isabel von Bernstorff am Flügel, Elena Graf an der Violine und Leo Schmidt am Violoncello, alle drei mehrfach ausgezeichnete Profimusiker mit internationaler Erfahrung. Vier hochrangige Werke der Gattung Klaviertrio aus der Zeit zwischen 1791 und 1891 standen auf dem Programm. Dem Anlass entsprechend waren die Stücke von elegischem Charakter.

Elegischer Charakter

Das „Zigeunertrio“ von Joseph Haydn bildete den Anfang. Von Zigeunermusik war in diesem 1791 in London verfassten Werk zunächst nichts zu vernehmen. Im Andante-Zeitmaß, aristokratisch vornehm, hebt die Musik unter Führung des Klaviers an mit einem sanften G-Dur-Thema, dem ein wehmütiges Thema in g-Moll gegenübergestellt wird. Wiener klassische Variationskunst vom Feinsten wird danach kontrastreich entfaltet, virtuoses Lauf- und Akkordwerk inbegriffen.

Im folgenden „Poco Adagio“ im lichten E-Dur, eigentlich eine Cavatina, wird mit instrumentalen Mitteln italienische Gesangskunst gezaubert. Dem beeindruckenden, reich verzierten Thema des Klaviers folgt die noch schönere Antwort der Geige in A-Dur, bevor sich die drei Partner gleichzeitig oder imitatorisch dem „Cantabile“ widmen.

Der Kontrast kann kaum größer sein, wenn im Finale das „Rondo all’ Ongarese“ im Presto wie ein Sturm hereinbricht. Jetzt war der Balkan zu hören: der ungarische Volkston, das stilisierte bäuerlich-vitale Spiel, das brachiale kraftvolle Forte, die Liebe zum prallen Leben, die ausgelassenen Tänze, die abrupten Dur-Moll-Wechsel, die extremen Tempi an der Grenze des Spielbaren mit den typischen Schwankungen und die sonstigen Überraschungseffekte.

Durchatmen war angesagt nach diesem rasanten Auftakt. Genau 100 Jahre nach Haydns „Zigeunertrio“ vollendete Antonin Dvorák eines seiner bekanntesten Werke, das Klaviertrio Nr. 4. Es ist das sogenannte „Dumky-Trio“, ein großartiges Tongemälde aus heroischer Trauer und übermütigem Trotz, in das wie aus der Ferne Töne einer kindlich-reinen Erinnerung herüberklingen.

Die Auseinandersetzung mit den slawischen „Dumky“ (elegischen Balladen in Gedichtform, ein Trauergesang) bedingte, dass sich der Komponist frei machen musste von traditionellen Zwängen. Sechs Sätze umfasst das Werk. Die Zählung wird allerdings erschwert durch weitere Unterteilung und fließende Übergänge.

Ideale Akustik

Die Sätze dieses Trios sind freie instrumentale Nachbildungen solcher volkstümlichen Dumky-Gesänge. Wehmut, Ernst, Trauer und Schwermut überwiegen. Heiterkeit und Lust findet man selten, und wenn sie sich einmal einstellen, dann ist die Freude entfesselt, der Temperamentsausbruch wild.

Die Interpretation durch das „Conte Trio“ im akustisch idealen Ambiente der Stadtkirche ließ keine Wünsche offen. Besonders erwähnenswert sind die Darstellung der Stimmungssphären, die große Tonintensität, die expressive melodische Gestaltung, die extreme dynamische Bandbreite mit bisweilen sinfonischen Dimensionen, die kontrastierenden Momente, das Melos der solistisch hervortretenden Instrumente, insbesondere der strömende Gesang des Violoncello.

Wer glaubte, dass eine klangliche Steigerung danach nicht mehr möglich sei, sah sich getäuscht. Das „Trio élégiaque Nr. 1 g-Moll“ von Sergei Rachmaninow entstand in nur vier Tagen im Januar 1882 und wurde in Moskau mit dem 19-jährigen Komponisten uraufgeführt. Das Werk sprengt in klanglicher Hinsicht die kammermusikalischen Dimensionen. Die Musik ist primär vom Klavier her konzipiert, das Spektrum der Klangfarben ist weit, es wirkt oft orchestral und ist stark virtuos.

Ensemble in bestechender Form

Sechs Satzbezeichnungen bestimmen das Werk: „lento lugubre“, „piu vivo“, „con anima“, „appassionato“, „tempo rubato“, „risoluto“; den Abschluss bildet ein „marcia funebre“, ein Trauermarsch nach russischem Vorbild.

Interessant auch, was sich Rachmaninow für die Konzeption dieses Sonatensatzes ausgedacht hat: Die Exposition besteht aus zwölf Episoden, welche in der Reprise – vom Cello eindrucksvoll eröffnet – in umgekehrter Reihenfolge wiederkehren. Das Ensemble präsentierte sich weiter in bestechender Form, überwältigend die Umsetzung, brillant die Virtuosität.

Mit Franz Schuberts „Notturno in Es-Dur“ (D 897) von 1828 näherte sich die Kammermusik-Matinee ihrem Ende. Der einzeln überlieferte Satz trägt die Bezeichnung „appassionato“; er beginnt und endet auffallend introvertiert im Pianissimo.

Mit zwei eingängigen Melodien im Spannungsfeld von wuchtiger Kraft, fließender Weichheit und vollständigem Wohlklang wird feinsinnig, kompositorisch anspruchsvoll und gefühlsintensiv romantisches Lebensgefühl versprüht: Unerfüllbare Sehnsucht, Entgrenzung, Weltschmerz und Transzendenz. Lang anhaltender Beifall erfüllte den Kirchenraum.

Im Anschluss waren alle Kirchenbesucher im Schlosshof im beheizten Zelt zu einem Empfang eingeladen. Bei der Bewirtung waren Mitgliedern des Vereins „Adelsheim leuchtet“ in Einsatz.