Ahorn

Kabarett Roswitha Scherer-Gehrig präsentierte ihr Erfolgsprogramm „Allein ist man weniger zu zweit“ im Lernhaus Ahorn

Bertha, Gundula und Fräulein Sauerstein

Archivartikel

Geistreich, ideenreich, wortreich – so präsentierte sich die „Angela Merkel des Kabaretts“ Rosi Scherer mit ihrem ersten Soloprogramm „Allein ist man weniger zu zweit“ in Eubigheim.

Eubigheim. Nach 17 Jahren MOS-kitos hat sich nicht nur die Besetzung halbiert, auch der Name wurde verschlankt. Aus Roswitha Scherer-Gehrig wurde kurzerhand Rosi Scherer, und um mögliche Spekulationen vorwegzunehmen: „Nein, ich bin nicht geschieden“, so die Künstlerin Augen zwinkernd.

Ein schwarzer Vorhang als Bühnenbild, zwei Stühle, ein knallroter Schal, mehr brauchte es im Lernhaus Ahorn nicht, die Wandlungsfähigkeit und Wortgewalt Scherers zogen das Publikum umgehend in den Bann. So wurde dessen uneingeschränkte Aufmerksamkeit ungeteilt auf die ganz in schwarz gekleidete Akteurin gelenkt.

Spontan und schlagfertig

Geschickt, spontan und schlagfertig interagierte sie immer wieder mit ihren Zuschauern, die sich bereitwillig auf dieses Abenteuer einließen. Zugute kamen ihr hierbei die räumliche sowie die persönliche Nähe zum Publikum, spielte sie doch vor heimatlicher Kulisse. Mit ausdrucksstarker Mimik und Gestik wechselte sie ihre Rollen, mal als verlegen, unsicher wirkende, aber liebenswerte Freundin Bertha, mal als exaltiert, hyperaktiv ohne Punkt und Komma redende Mesnerin Gundula oder als belehrende, übertrieben akzentuiert sprechende „Rita Sauerstein, VHS-Dozentin, Jungfrau, Sternzeichen Waage“.

Durchweg gelang es der Kabarettistin mittels Körperhaltung, stimmlichen Nuancen sowie des knallroten Schals nahtlos zwischen den einzelnen Rollen hin- und herzuwechseln. Diese unterschiedlichen Rollen ermöglichten, die verschiedensten Themen auch aus verschiedensten Blickwinkeln zu beleuchten.

„Jeanne d’Arc des Beichtstuhls“

Klar, dass Mesnerin Gundula, „die Jeanne d‘Arc des Beichtstuhls“, die mit ihrem Temperament das Weihwasser zum Brodeln brachte, prädestiniert war, in Sachen Kirche aus dem Nähkästchen zu plaudern. Zwar ist sie bei „Sonne, Regen oder Schnee uff de Bee“, doch machte sie sich angesichts des „unter die Kniescheibe gerutschten Interesses an kirchlichen Veranstaltungen“ große Sorgen um ihren Arbeitsplatz.

Ob Missbrauchsskandal, Luxusbauten oder Veruntreuung, Scherer legte schonungslos den Finger in die Wunden, forderte aber gleichzeitig „die Kirche“ nicht über einen Kamm zu scheren und als „geistiges Yoga“ gar ein Remake des Rosenkranzes. Sozialkritisch betrachtet wurde die gesellschaftliche Rolle der Frau, die der Figur Bertha auf den Leib geschrieben war.

Waschen, putzen, kochen, gärtnern, Kinder erziehen – alles sind Leistungen, die nur allmählich als solche Anerkennung finden, beispielsweise in der Mütterrente und die „frau“ selbstbewusst einfordern darf. Sie appellierte an ihr weibliches Publikum, mal an sich zu denken, denn „Marmorstein und Eisen bricht gilt schon lange nicht mehr“ in Zeiten, in denen jede dritte Ehe geschieden wird. Dennoch kamen auch hier die Lachmuskeln nicht zu kurz. Scherers intellektuelles Zusammenspiel von Gesellschaftskritik und Humor sorgte für eine wohldosierte, aufs Publikum abgestimmte Mischung, die dieses zum Denken und Lachen gleichermaßen animierte – gelungenes Kabarett.

Fräulein Sauerstein durfte sich mit Höflichkeit, Benehmen und Bildung auseinandersetzen. Bei der Generation, die nur noch mit gesenktem Haupte durch die Lande zieht und der „Kabel aus den Ohren wachsen“, findet die Face-to-Face-Kommunikation schlichtweg nicht mehr statt. Wörter bilden, Gefühle ausdrücken oder gar Gedichte rezitieren ist in Zeiten des Smartphones nicht mehr angesagt.

Emojis tun’s auch, doch stellte Scherer sachlich fest: „Wir haben zuerst lesen, schreiben, rechnen gelernt, um die Maschinen bedienen zu können.“

Und sie wagt den Blick über die Grenze zu den Nachbarn, denn „Frankreich hat die Handys wieder aus dem Unterricht verbannt.“ Mit einem beeindruckenden, fetzigen Rap prangert sie „Smileys und Likes als verlorene Worte“ an und fordert: „Setzt eure Gespräche mit der Sprache fort!“ Überhaupt zeigte die Akteurin in dem zweistündigen niveauvollen Programm ihre Wandlungsfähigkeit.

Eben noch gerappt, glänzt sie kurz darauf als „Dancing Queen“, spielt Flöte oder Ukulele, singt, schauspielert und präsentiert sich als Multitalent. Charmant verpackt greift sie Altersarmut, Übergewicht, Social Freezing oder Özil auf und stellt nüchtern fest, dass auch dieser nichts aus seinen Fehlern gelernt habe.

Die Mischung aus Kabarett, Musik und Schauspiel kam bei den Zuschauern bestens an. Und so erfüllten diese nur allzu gerne Scherers Wunsch:„Bleiben Sie hier, trinken Sie noch ein Viertele, allein oder am besten zu zweit.“ Ermöglicht hat dieses kulturelle Highlight der Förderverein des Lernhauses Ahorn mit seiner Vorsitzenden Ulrike Merkert.