Ahorn

Land und Leute Die 76-jährige Marianne Quenzer betreibt in Schillingstadt das Lebensmittelgeschäft – und das zu sehr kundenfreundlichen Öffnungszeiten

Der „Gemischtwarenladen“ ist ihr Leben

Archivartikel

Marianne Quenzer ist eine richtige Institution in Schillingstadt. Nicht nur, weil man bei ihr alle Dinge für den täglichen Bedarf kaufen kann.

Schillingstadt. Im Herbst wird die rüstige Dame 77. Ein Alter, das man ihr wahrlich nicht ansieht. An die Rente zu denken, dazu hat sie gar keine Zeit. Sechs Tage die Woche steht Marianne Quenzer in ihrem Laden. Um 6 Uhr steht sie auf. „Dazu“, sagt sie und lächelt, „brauche ich keinen Wecker“. Der Rhythmus, den ihr das Geschäft vorgibt, ist ihr längst in Fleisch und Blut übergegangen. Deshalb wird man von ihr wohl auch nie eine Klage hören. „Nur manchmal“, gibt sie zu, „denke ich morgens: Eigentlich könntest du noch ein bisschen länger liegen bleiben“.

Ohne sie würde etwas fehlen

Doch das ist nicht möglich. Schließlich wird zweimal in der Woche schon frühmorgens die Ware angeliefert, und außerdem putzt sie den Laden auch noch selbst. Unterstützt wird sie von ihren Töchtern Monika und Katja. Doch die Seele des Ganzen, das ist Marianne Quenzer selbst. Ohne sie würde etwas fehlen in Schillingstadt.

Als wir uns frühmorgens um 8.30 Uhr zum Gespräch treffen, herrscht schon reger Betrieb im Geschäft. Ein Kunde freut sich, dass „die Zeitung“ da ist, um über Marianne Quenzer zu berichten. „Wir sind so froh an ihr. Hoffentlich bleibt sie uns noch lange erhalten“, sagt er.

Fürs Interview mit den FN hat Marianne Quenzer Fotoalben herausgesucht. Während sich ihre Tochter Monika um den Laden kümmert, zeigt sie Schwarzweißbilder vom Gebäude. Eine Bank steht auch heute noch davor, so wie damals. Auf einem Bild sind ihre Großmutter und ihre Tante zu sehen, auch deren Leben war durch das Geschäft geprägt.

Wie lange es den „Gemischtwarenladen“ im schönsten Sinne überhaupt schon gibt, ist nicht überliefert. Marianne Quenzer weiß aber von einem Mann, der 1920 geboren wurde: „Soweit er sich zurück erinnern kann, gab es den Laden.“

In dem Gebäude wurde die rüstige Dame auch geboren. Bevor sie heiratete, hieß sie Marianne Weber. Schon als Kind half sie mit. „Früher kam die Edeka noch mit dem Auto. Da habe ich immer geholfen, die Kisten hineinzutragen“, erinnert sie sich. Das Angebot von damals lässt sich mit dem heutigen nicht vergleichen: „Es gab Zucker, Salz, Mehl, Öl, Essig, eine einzige Sorte Schokolade und große Gläser mit Bonbons. Außerdem waren damals noch Geschirr und Handarbeitswaren im Sortiment.“

1955 baute ihre Tante Hilda Weber den Laden um. „Es ging immer ein bisschen aufwärts“, erzählt Marianne Quenzer. „Irgendwann gab es drei, dann fünf Sorten Schokolade. Es kam immer mehr dazu, weil die Leute es so verlangten.“ Bis 1964 betrieb die Familie auch noch Landwirtschaft, und im Herbst ging es stets in der Mosterei ihres Bruders rund: „Da gab es immer lange Warteschlangen“. Der Vater war als Kupferschmied gut ausgelastet.

Im Kugelstoßen top

Wo Not am Mann war, hat Marianne Quenzer ohne zu murren mitgeholfen: „Das hat immer Spaß gemacht“. Zum Ausgleich trieb sie gerne Sport, war sogar im Kugelstoßen auf dem dritten Platz in der badischen Bestenliste und spielte in Oberwittstadt im Damenfußballteam mit.

Von den Vereinsausflügen mit dem TV Schillingstadt schwärmt sie noch heute.

20 Jahre leitete sie darüber hinaus die Frauengruppe in Schillingstadt. Der Gemeinschaft, die mittlerweile von Maria Bader geleitet wird, gehört sie immer noch an.

Marianne Quenzer hat fünf Töchter. Die älteren Beiden sind im „Weber-Haus“, wie sie das Gebäude liebevoll nennt, auf die Welt gekommen. Eine Tochter lebt in Düsseldorf, alle anderen sind in der Gegend geblieben.

Anfang der 90er Jahre übernahm Marianne Quenzer das Geschäft von ihrer Tante Hilda Weber. Heute bietet sie alle Dinge für den täglichen Bedarf an. Aus dem „Edeka-Auto“ wurde längst ein kompletter Lkw, der vom unterfränkischen Gochsheim aus auch Schillingstadt ansteuert. „Ein Vertreter hat mir einmal gesagt, dass es bis nach Heidelberg keinen vergleichbaren Laden mehr gibt.“, berichtet Marianne Quenzer.

Ganz egal, ob sie mit dem großen Konzern zu tun hat („Im Winter musste ich mich einmal über die gefrorenen Gurken beschweren, die sie mir vor die Türe gestellt hatten“) oder mit den Menschen vor Ort in Schillingstadt: Die fitte Frau kommt mit allen gut klar.

Und wenn es ihre Zeit erlaubt, unterhält sie sich auch gerne mal mit ihren Kunden. Schließlich ist ihr Geschäft auch so etwas wie der Dorfmittelpunkt – übrigens mit für einen Ort wie Schillingstadt sehr kundenfreundlichen Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 8.30 bis 12 und von 14 bis 19 Uhr, samstags „nur“ bis 18 Uhr. Sie mag die Menschen, hört ihnen gerne zu und hat auch bei Sorgen ein offenes Ohr.

„Ich schwätz’ net hin und her“

Aber sie ist auch verschwiegen. Etwas Neues wird man bei ihr nicht erfahren oder, um es treffend mit Marianne Quenzer auszudrücken: „Ich schwätz‘ net hin und her.“

Und so wird sie weiter arbeiten, solange es geht. „Man muss viel mitdenken und kalkulieren“ gibt sie zu und spricht von der „Arbeit hinter der Arbeit“. Der Laden hält sie fit, das weiß sie selbst am allerbesten.

Das schmucke kleine Geschäft – es ist ihr Leben.