Ahorn

Lernhaus Ahorn Der Schauspieler Steffen Schlösser begeisterte mit „Faust – der Tragödie erster Teil“ als „One-Man-Show“

Ein Stück mit „Bildungsauftrag“

Archivartikel

„Faust – der Tragödie erster Teil“ wurde von Schauspieler Steffen Schlösser als Ein-Mann-Stück im Lernhaus Ahorn aufgeführt.

Eubigheim. „Ich bin total baff“, so eine Zuschauerin überwältigt am Ende der Veranstaltung, um dann sofort erklärend hinzuzufügen „90 Minuten am Stück, ohne Punkt und Komma hochkarätige Texte vorzutragen – bewundernswert!“

Ermöglicht hat dieses kulturelle Highlight der Förderverein des Lernhauses, der neben Angeboten für die Schüler regelmäßig der breiten Bevölkerung Unterhaltung und Informatives aus Kunst, Kultur oder Gesundheit bietet.

Der sich zu Beginn fragende Zuschauer, wie es denn möglich sei, Goethes monumentales Werk als Ein-Mann-Stück und gar noch in 90 Minuten auf die Bretter zu bringen, wurde rasch eines besseren belehrt.

Wagnis gelang

Schlössers Spielfreude, seine Wandlungsfähigkeit, seine raumgreifende Präsenz ließen dieses Wagnis gelingen, ohne die Ernsthaftigkeit des Inhalts ins Lächerliche zu ziehen.

Ein schwarzer Vorhang als Bühnenbild, ein Tisch, ein Stuhl, ein Koffer, mehr brauchte es nicht, um das Studierzimmer, Auerbachs Keller oder die Hexenküche in Szene zu setzen. So thronte beispielsweise beim berühmten „Prolog im Himmel“ der von strahlendem Licht umwaberte Herr der Welt entrückt auf dem Tisch, um gleich darauf von diesem zu hüpfen und devot buckelnd als Mephisto mit verschlagener Stimme das Zwiegespräch fortzuführen, um beim nächsten Stichwort als „Lord himself“ wieder sportlich auf eben diesen zu springen und mit getragener Aura den Raum zu dominieren.

Raumgreifende Agitation

Durchweg gelang es dem Schauspieler mittels Mimik, Gestik, Körperhaltung oder stimmlichen Nuancen nahtlos zwischen den einzelnen Charakteren hin- und herzuwechseln.

Und sollte eine weitere Figur erforderlich sein, so bediente er sich ungeniert des Publikums, das dank Schlössers raumgreifender Agitation bestens eingebunden war.

Ob Gretchen, die rasch einen Zettel mit Goethes Originalversen aus Schlössers Hosentasche erhielt, oder Gretchens Bruder Valentin, der mit Leidenschaft und Enthusiasmus in seiner unvorhergesehenen Rolle aufging – dem Mimen gelang es vortrefflich, durch solch humoristische Einlagen Unterhaltung zu schaffen, ohne dabei ins Lächerliche abzugleiten.

Das Zusammenspiel von Originaltexten und prosaischen Überleitungen machte das Geschehen nachvollziehbar und brachte die Dichtkunst Goethes gepaart mit der Sprache des 21. Jahrhunderts den Menschen nahe.

So wurde aus Famulus Wagner kurzerhand ein „Nerd“, aus dem überdurchschnittlich gebildeten Dr. Faustus einer, „der so richtig was auf der Pfanne hat“. Darüber hinaus gelang es dem Künstler, das Publikum in das Schauspiel einzuflechten, sei es beim Osterspaziergang mit einem lautmalerischen „Brrr“ bei eisigen Begriffen oder bei seinen Abfragen zum Trojanischen Krieg, zur Höhe und Lage des Brockens, zur Symbolik des Pentagramms, um nur einige beispielhaft zu nennen.

Der sympathische und aufgeschlossene Mime, der mit Fug und Recht von einem Stück mit „Bildungsauftrag“ spricht, versäumte es am Ende nicht, seinen zahlreichen Schauspielkollegen aus dem Publikum zu danken und seinen redlich verdienten üppigen Applaus mit ihnen zu teilen. Somit konnten seine Gäste – frei nach Goethe – zufrieden jauchzend und klüger als zuvor den Heimweg antreten.