Ahorn

Fasching Prunksitzung der Eubigheimer „Boachscheißer“ bot ein vierstündiges buntes Programm

„Wir lieben Fasching und lieben das Publikum“

Archivartikel

„Wir lieben Fasching und lieben das Publikum . . .“ sangen die „Boachscheißer“ am Ende des vierstündigen Programms. Diese Liebe kam durchweg authentisch rüber, man nahm sie ab.

Eubigheim. Zu rhythmischen Beats stürmten Katharina Hilscher und Felix Dötter auf die Bühne und legten einen fetzigen Tanz hin, bei dem das Publikum sofort auf Betriebstemperatur kam. Doch was als Flashmob geplant war, blieb beim einsamen Paartänzchen, denn sämtliche „Boachscheißer“ waren beim ersten Neidelsbacher Rosenmontagsumzug ebendort versackt. Doch dank eines Videoeinspielers von Thomas Walz durfte sich das Narrenvolk entspannt zurücklehnen und verfolgen, wie der nicht enden wollende Strom der „Boachscheißer“ im Kleinbus verschwand und postwendend zum herrlich dekorierten Narrentempel mit dem imposanten Bühnenbild gefahren wurde.

Nachdem die Aktiven sich endlich auf der Bühne versammelt hatten, widmeten sich die Moderatoren ihrer wahren Bestimmung. Katharina (Sternzeichen Fisch, Lieblingstier rot-süß-Schörlchen) und Felix (Sternzeichen Waage, Lieblingstier Zapfhahn) führten souverän und humorvoll durch das Potpourri aus Heiterkeit und Frohsinn.

Während einer Schunkelrunde von Werner Schifferdecker, der zwischen den Auftritten das bestens gelaunte Publikum unterhielt, verwandelte sich die Bühne in den Frisörsalon „Haarbrakadabra“, dessen Chefin (Lea Kämmerer) kurzfristig nach Hause beordert wurde. Die zwei äußerst motivierten, etwas überdrehten Azubis Isa (Lisa Wagner) und Bella (Eva-Maria Geiger) nutzten diese unerwartete Chance und stürzten sich mit Feuereifer auf die betagten Kundinnen Anneliese (Carolin Haueisen) und Hilde (Marie Dötter), deren Haartracht nicht nur farblich auf eine harte Probe gestellt wurde.

Ein „heißer Bauarbeiter“ (Adrian Schreck) erwies sich indessen in Worten und Blicken – „er guckt übel auf meine Brüste“ – als zu sexistisch, doch bevor die beiden noch Schlimmeres anrichteten, unterband die zurückgekehrte Chefin das kunterbunte Treiben. Als Glücksfeen zogen Roland Englert, Norbert Merkert und Christian Scholz die Gewinner des Preisrätsels, wobei Letzterer für 25 lange Jahre arbeitsintensive Pressearbeit für die „Boachscheißer“ gewürdigt wurde.

Taxi auf der Bühne

Ein Taxi samt Zentrale beanspruchte die Bühne. Unter psychedelisch anmutendem nahöstlichem Gedudel schwang der Elvis liebende Taxifahrer Ali (Hans-Peter Scherer) lasziv die Hüften, doch angesichts seines modischen Fauxpas wie grauer Jogginghose und Trainingsjacke beherrschte sich die Damenwelt gerade noch. Die Dialoge zwischen Ali, seinem Fahrgast (Linda Dünzl) und dem allwissenden Fräulein in der Zentrale (Katharina Merkert) boten allerlei interkulturelle Missverständnisse. Der Termin bei der Betriebskrankenkasse BKK wurde schreckensbleich mit der PKK in Verbindung gebracht und über allem und jedem stand stets das große Herzensanliegen Alis, nach Memphis zu Elvis zu fahren, doch hatte sein Fahrgast Glück im Unglück, denn „nix mehr fahre Memphis, Sprit is leer.“

Die verborgenen voyeuristischen Fantasien bedienten köstlich Jennifer und Dominik Lang als Ehepaar Hilde und Sepp Mimmelmoser, und das Publikum fragte sich augenzwinkernd, wie’s denn bei den Langs daheim so zugeht. Die resolute Gattin, die ihrem unbedarften, naiven Gemahl mit dem „Wohlstandsgewölbe“ und den erhöhten „Chosterlinwerten“ den Glauben ans Christkind raubte, stellte am Ende ernüchtert fest: „Ich tät´s nimmer machen, mir einen stationär daheim aufnehmen, ä bissle ambulant tät lange!“

Für Sicherheit sorgte die Showtanzgruppe des Spvgg Sindolsheim mit ihren flotten Detektiven, die dem Verbrechen keine Chance ließen. Klar, dass das begeisterte Publikum dieses Gefühl besonders genoss und eine Zugabe forderte. Mit Nähkästchengeplauder über ihre Fußball spielenden Männer warteten Lisa (Offner) und Carmen (Ihle) bei ihrem Stadtbummel nach Bad Mergentheim auf. Carmen wollte dort ihre 30 Jahre alte Schreibmaschine wegen eines hängenden „F“ in Reparatur geben. Aufgrund des rasant fortscheitenden Computerzeitalters fing die ebenfalls 30-jährige Lisa rein gar nichts mit diesem antiquierten, ihr völlig unbekannten Schreibgerät an. Vergeblich suchte sie nach einem Akku, CD-Laufwerk, Monitor oder der Steuerung+Alt+Entfernen-Kombination.

„Mein Kater sagt, das letzte Bier war schlecht“ stand auf Plakaten, die Bühne wurde zum Behandlungszimmer für die „Anonymen Alkoholiker mit Gesangstherapie“. Therapeut Justus (Gregor Englert) am E-Piano und Professor Dr. Karl Aschnikow (Marco Offner) an der Gitarre versuchten ihr Möglichstes, die süchtigen Patienten Ludmilla Schüttlerova (Tanja Dötter), Chrischtel Mett (Franziska Wrana) und Ismir Übel (Bernhard Offner) am Cajon zu therapieren. Doch die drei drehten das Rad des alltäglichen Wahnsinns noch einen Zacken weiter und stellten mit ihrer Beratungsresistenz eine harte Nuss für die Therapeuten dar.

Als musikalisch sehr anspruchsvoll präsentierte sich die erste Begegnung der beiden Frauen, die 16 Musiktitel in ihren Begrüßungsdialog verwoben und die Songtexte sich wie Bälle gegenseitig zuwarfen. „Wir ham Grund zum Feiern“ von Otto, „An Angel“ von der Kelly Family, das „Bobfahrerlied“, bei dem das Publikum mit dem „Popo Hopsa machen“ musste oder Ohrwürmer wie „Leaving on a jet plane“ und natürlich der Wiesn-Hit „Cordula Grün“ , brachten das Publikum in Wallung, den durchschlagenden Behandlungserfolg jedoch nicht und das resignierte Therapeutenpaar ging in die nächste Kneipe auf ein Bier – was sonst!

Räumlichkeiten umgenutzt

Die Umnutzung der Räumlichkeiten des ehemaligen Gasthauses „Lamm“ in das Fitnessstudio „Mc Flizzi“ mit Strohbüschelsteppern und Holzkohlehanteln weckte die Neugier des närrischen Auditoriums. Für das verliebte Pärchen Kerstin Schmitt und Leon Strenkert endete der ambitionierte Besuch in gar schwerwiegenden Differenzen, da der Gemahl lieber an der Bar bei einem „Hopfensmoothie“ seinen Ansetzarm trainierte und die Gesellschaft des Trainers (Felix Dötter), des Landwirts (Thomas Walz) und des muskelbepackten Studiobesitzers „Haus Arnold“ (Michael Dötter), der seiner Gattin vorzog.

Auch die „dicken Freundinnen“ Annika Dötter und Katharina Hilscher schossen mit viel Selbstironie verbale Pfeile in Richtung der einzig eifrigen Sportlerin (Lara Stein), die als Veganerin „essbehindert“ sei, während sich die beiden Genussmenschen an ihrer Familienpizza labten. Akrobatische Partnerübungen wie die Brücke, der Springbrunnen oder die Sonnenblume belohnte das Publikum mit lautstarkem Gejohle. Rot und schwarz dominierte die Bühne, Gänsehautfeeling breitete sich aus als 36 „Dancing Moskitos“ zeigten, wie gefährlich „Der Pakt mit dem Teufel“ sein kann. Mit lautstarkem Jubel wurde dieser grandiose Augenschmaus gefeiert.

Nicht nur bei ARD und ZDF, auch bei den „Boachscheißern“ saß das Publikum in der ersten Reihe, denn die pantomimische Darstellung „Kino in der ersten Reihe“ trieb den Zuschauern die Tränen in die Augen. Unter Filmmusikklängen nahmen die chice Dame (Beate Friedrich), ihr stets Popcorn futternder Ehemann (Felix Englert), das mit einer Chipstüte bepackte junge Mädchen (Melanie Gehrig) sowie der Tattergreis (Jörg Zink) ihre Plätze ein, so dass für das gleichgeschlechtliche Liebespaar (Adrian Schreck und Sven Dünzl) jeweils nur noch die äußersten Plätze übrig blieben. Unter grandioser Mimik und Gestik las man in den Gesichtern wie in einem Buch und die schauspielerischen Leistungen von Liebe, Sehnsucht, Abscheu, Ekel oder Vorfreude waren fast körperlich spürbar und wurden vom tobenden Narrenvolk mit viel Applaus belohnt.

Dieses war nun bereit für das Finale, für das Franziska Wrana und Präsident Bernhard Offner zu den Mikrofonen griffen und „Wir sind Boachscheißer und sind gut drauf“ anstimmten. Dass dies tatsächlich so ist, merkte man allein schon an der Tatsache, dass außer den beiden Tanzeinlagen das gesamte Programm von den „Boachscheißern“ selbst gestaltet wurde – ein untrügliches Zeichen für die stimmige Chemie im Verein. Mit einem musikalischen Kompliment „ihr seid das beste Publikum auf Erden, mit euch kann so ein Abend nur großartig werden“ endete zwar dieser Kulturpunkt, der Abend indes noch lange nicht.