Ahorn

Land und Leute Der 15-jährige Bassit Agbere aus Schillingstadt hat viele Talente – eines davon ist Klavierspielen

„Zurücklehnen bringt einen nicht nach vorne“

Archivartikel

Bassit Agbere ist ein ganz erstaunlicher junger Mann mit vielen Talenten. Vor allem aber ist er Perfektionist.

Schillingstadt. Zwei Stücke. Genau zwei Stücke am Klavier reichten ihm, um sich direkt in die Herzen seiner Zuhörer zu spielen. Wer Bassit Agbere Anfang Januar beim Neujahrsempfang der Gemeinde Ahorn in Schillingstadt erlebte, war berührt und erstaunt, wie viel Gefühl der gerade mal 15-Jährige an den Tag legte.

Das Treffen mit Bassit in seinem Heimatort Schillingstadt findet an einem Mittwoch statt. Nur da hat er nachmittags frei. Sonst drückt er immer bis 16.15 Uhr die Schulbank am GTO in Osterburken.

Irgendwie erwartet man an diesem grauen Mittwochnachmittag, dass er nun vom Wohnzimmersessel aus berichtet, wie er schon als Vierjähriger unbedingt Klavier spielen wollte und mit sechs Jahren endlich Unterricht bekam. Die Wunderkind-Geschichte eben. Doch damit kann der große junge Mann nicht dienen. „Vor knapp vier Jahren war ,Can’t hold us’ von Macklemore mein Lieblingslied. Das Klavierintro zu Beginn gefiel mir so gut, dass ich es unbedingt spielen können wollte“, beginnt er zu erzählen.

Also schaute er sich auf YouTube Video-Tutorials an und übte bei einem Freund, der ein E-Piano besaß. „Ich habe lange gebraucht, bis ich es einigermaßen konnte. Meine Fingertechnik war miserabel“, erinnert sich Bassit lachend.

In jeder freien Minute geübt

Am GTO nutzte er jede freie Minute im Musikanbau, um sich dort an den Flügel zu setzen und zu üben. Sein damaliger Musiklehrer bekam das mit und fragte ihn, ob er nicht „richtigen“ Unterricht nehmen wolle. „Noten lesen konnte ich einigermaßen, mit Blockflöte hatte ich mal im Kindergarten angefangen – mein musikalisches Interesse war bis dahin eigentlich eher gering“, gibt der 15-Jährige zu.

Doch die Lust, dieses Intro richtig spielen zu können, ließ ihn Schnupperstunden an der Musikschule Bauland in Osterburken nehmen und an einen für ihn geeigneten Lehrer geraten: „Er ist jung, kompetent und hat maßgeblich dazu beigetragen, dass ich weitergemacht habe.“ Bassit imponiert, wie locker sein Lehrer ist und sich auch dem Rock, Pop und Jazz nicht verschließt: „Freunde, die ebenfalls Klavierunterricht nehmen, sind oft an klassische Stücke gebunden. Wäre das bei mir so gewesen, wäre ich wahrscheinlich nicht dabeigeblieben“.

Seinen ersten Erfolg hatte Bassit bei einem öffentlichen Vorspiel mit „Alles nur geklaut“ von den Prinzen. Auftritte vor Publikum machen ihm „eigentlich“ nichts aus. „Nur direkt davor zittern mir dann doch die Knie“, gesteht der 15-Jährige. Und er fügt hinzu, dass er am allerliebsten ohne Noten spielt: „Wenn man die Melodie im Kopf hat, weiß, wie sie funktioniert, geht das gut. Ich fühle das Lied mit. Vom Blatt abzuspielen ist nicht so mein Ding.“

Wenn man sich mit ihm unterhält, er einen hineinlässt in seine Welt, glaubt man nicht, einem Teenager gegenüberzusitzen. Bassit Agbere spricht wohlüberlegt und weiß schon jetzt ziemlich genau, was er will. Er ist sehr musikalisch, mag Sprachen und Naturwissenschaften. Nur in Kunst, glaubt er, sei er nicht so gut.

Über seine beruflichen Pläne sagt er: „Es stehen mir noch alle Wege offen. Das ist einerseits unglaublich toll, aber auch beängstigend – eben, weil man so viele Möglichkeiten hat. Sobald man sich für einen Weg entscheidet“, so befürchtet er, „verschließen sich viele andere Türen.“

Große Liebe zum Film

Zunächst einmal will er sein Abitur machen, vielleicht ein Jahr im Ausland verbringen und dann studieren. Andererseits ist da seine große Liebe zum Film. Spätestens seit „La La Land“ und dem Stück „Mia & Sebastian’s Theme“ ist der junge Mann aus Schillingstadt „infiziert“: Das Zusammenspiel von Handlung und Musik berührt ihn, lässt ihn nicht mehr los.

Deshalb könnte er sich auch vorstellen, Regisseur zu werden oder Soundtracks für Filme zu schreiben. Doch im nächsten Satz rudert er schon wieder zurück: „Ich bin mir bewusst, dass man als Künstler nur sehr schwer leben kann, deshalb wird das wahrscheinlich ein Hobby bleiben.“

„Ich bin ein Perfektionist“

Die Frage, ob er sich selbst als ehrgeizig betrachtet, beantwortet er mit einem weiteren wohlgeschliffenen Satz: „Ich bin ein Perfektionist. Das ist manchmal sehr hinderlich, weil man nie zufrieden ist. Doch es trägt dazu bei, dass man sich weiterentwickelt. Sich zurückzulehnen bringt einen nicht nach vorne.“

Das macht er übrigens auch in seiner knapp bemessenen Freizeit nicht. Bassit ist Mitglied in der GTO-Big Band, besucht dort auch die Gitarren-AG und steht beim JF Ravenstein im Tor. „Ich weiß“, sagt er noch im selben Atemzug, „Klavierspieler und Torhüter sind eine tolle Kombination.“

Nach wie vor nimmt er Klavierunterricht. „Immer, wenn ich geübt habe, freue ich mich darauf“, sagt er und lacht.

Musiklehrer mit Visionen

Der zuvor erwähnte Musiklehrer hatte die Talente des jungen Mannes schon lange erkannt: „Er sagte mal zu mir, er wolle später von Bassit Agbere, dem großen Pianisten, lesen“, erinnert er sich schmunzelnd.

Sportlich ist Bassit, der im Juli 16 wird, übrigens auch. Bei den Bundesjugendspielen war er Jahrgangsbester. „Allerdings“, sagt er und grinst, „habe ich die Versammlung verpasst und bin auch nicht auf dem Bild zu sehen. Die Durchsage hatte ich ganz einfach nicht gehört – ich spielte in der Pause Klavier“.