Bad Mergentheim

Drittes Reich Achter Sammelband in der Reihe „Täter Helfer Trittbrettfahrer“ erschienen / Texte von Wissenschaftlern und Laien

115 Autoren arbeiten NS-Biographien auf

Über NS-Belastete aus dem Norden des heutigen Baden-Württemberg ist ein neuer Sammelband erschienen. Die Biographie des Mergentheimer Kreisleiters Reinhold Seiz stammt von dem Historiker Hartwig Behr.

Bad Mergentheim. In der Buchreihe „Täter Helfer Trittbrettfahrer“, mit Biographien von NS-Belasteten aus dem heutigen Baden-Württemberg ist nun der achte Band erschienen. Verschiedene Autoren stellen 23 Personen vor, die in der Zeit des Nationalsozialismus zum Beispiel als Mitglieder von NS-Organisationen wichtige Funktionen im Norden des jetzigen Bundeslandes innehatten. Unter anderem finden sich darunter der Mergentheimer Kreisleiter Reinhold Seiz und Fürst Ernst II. zu Hohenlohe-Langenburg. In den teils mehr als 20 Seiten langen Texten geht es um das Leben der belasteten Personen vor, während und (sofern sie dessen Ende überlebt haben) nach dem Dritten Reich.

Die Biographien sind nicht zwingend von Historikern geschrieben. „Jeder kann mitmachen, die Autoren müssen nur wissen, wie man mit Quellen arbeitet“, erklärt Herausgeber Wolfgang Proske im Gespräch mit unserer Zeitung die Idee des Projekts. Bei der Auswahl der Autoren gab es laut Proske nur ein Ausschlusskriterium: „Es dürfen keine Rechtsradikalen sein.“ Entsprechend fänden sich unter den Schreibern Menschen aus vielen Schichten der Bevölkerung. Neben Historikern seien zum Beispiel Künstler vertreten. Umfang und Qualität der Texte sind daher unterschiedlich. Gestützt haben sich die Autoren unter anderem auf das Bundesarchiv und Staatsarchive. „In lokalen Archiven sind Akten zu Funktionären teils vernichtet. Und Zeitzeugen sind inzwischen aufgrund ihres Alters nicht mehr unbedingt verlässlich“, begründet Proske diese Vorgehensweise. Teils zitieren die Autoren aber auch aus Fachbüchern.

Die Auswahl der Belasteten erscheint teils etwas willkürlich, was laut Proske aber Absicht ist: „Wir wollen nicht nur Parteifunktionäre vorstellen, sondern zum Beispiel auch Beamte, die sich schuldig gemacht haben, indem sie Listen von Juden und deren Eigentum erstellt haben.“ Teils hätten die Autoren auch über Personen geschrieben, die einem ihrer Vorfahren in der Zeit des Dritten Reichs Unrecht angetan hätten. „Wir wollen keine Darstellungsform von der Erinnerung ausschließen“, erklärt Proske.

Kompetente Verfasser

Die Texte über NS-Belastete aus Tauberfranken und Hohenlohe stammen von kompetenten Verfassern. So hat der Historiker Hartwig Behr die Biographie des Mergentheimer Kreisleiters Seiz geschrieben. Behr hat sich auch schon in Vorträgen mit dem Leben des Zeichenlehrers und späteren NS-Funktionärs befasst. Über Fürst Ernst II. zu Hohenlohe-Langenburg, der den Nationalsozialismus vor allem durch öffentliches Werben unterstützte, und dessen Tochter Prinzessin Alexandra, die sich unter anderem als „Kreisfrauenschaftsführerin“ engagierte, hat der Kirchberger Journalist Ralf Garmatter geschrieben.

Lokaler Bezug

Herausgeber Proske ist Sozialwissenschaftler und war bis zum letzten Jahr Lehrer für Geschichte in Heidenheim. Im Unterricht habe er festgestellt, dass die Schüler viel interessierter waren, wenn ein lokaler Bezug zu historischen Ereignissen bestand. Jedoch habe es hierbei kaum Literatur zum Thema „Drittes Reich“ gegeben. 2008 gründete Proske daher eine private Initiative, die seit 2010 die Buchreihe „Täter Helfer Trittbrettfahrer“ herausgibt. 115 Autoren haben bisher daran mitgewirkt. Insgesamt sind laut Proske zehn Bände geplant. Teils überschneiden sich die darin behandelten Gebiete. So ist etwa in Band drei „NS-Belastete aus dem östlichen Württemberg“ auch der aus Schrozberg stammende Bahnhofsvorsteher von Auschwitz, Adolf Barthelmäs, zu finden.