Bad Mergentheim

Amnesty International XXL-Buchskulptur steht noch bis zum 17. Juli auf dem Marktplatz / Feierliche Aufstellung

30 Artikel mahnen die Menschenrechte an

Die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ wurde 1948 von den Vereinten Nationen verabschiedet. Die Mergentheimer Amnesty International-Gruppe weist auf deren Bedeutung hin.

Bad Mergentheim. Als am Dienstagnachmittag ein Lkw mit einer ganz besonderen Fracht auf dem Bad Mergentheimer Marktplatz ankam, da nahmen schon die ersten Passanten Notiz von dem überdimensionalen Buch. Am Mittwoch schließlich feierte die Amnesty International-Gruppe Bad Mergentheim die Aufstellung der XXL-Buchskulptur im Herzen der Kurstadt. Diese Skulptur stellt nicht irgendein Buch dar, und sie soll auch nicht generell zum Lesen animieren – die geöffneten Seiten präsentieren jedoch einen durchaus lesenswerten Inhalt, nämlich die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“. Vor nun bald 70 Jahren, am 10. Dezember 1948, verabschiedeten die Vereinten Nationen diese fundamentale Erklärung. Und nach wie vor gibt es weltweit viele Staaten, in denen die Menschenrechte nicht geachtet werden oder stark gefährdet sind.

Stefan Kneifl von der ai-Gruppe Bad Mergentheim machte in seiner Begrüßung deutlich, dass die Bad Mergentheimer Gruppe Teil eines Netzwerks von etwa 500 Amnesty-Gruppen in Deutschland ist. „Wir sind Teil einer Bewegung, in der sich weltweit mehr als sieben Millionen Menschen als ai-Mitglieder oder Unterstützer für die Achtung und Verwirklichung der Menschenrechte einsetzen.“ Die Grundlage dieser Arbeit ist die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“. „Den Vätern und Müttern dieser Erklärung war 1948 sehr wohl bewusst, dass es nicht mit der Verkündung getan ist, sondern dass es darauf ankommt, sie in jedem Land, in jeder Stadt, in jedem Dorf, in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz und in jeder Familie mit Leben erfüllt werden muss, damit sie Wirklichkeit werden kann“, erläuterte Kneifl. Das besondere Jubiläum begleitet ai mit der Skulptur-Tour durch die ganze Bundesrepublik. „Wir freuen uns, dass unsere Gruppe und damit Bad Mergentheim als eine der ersten Städte ausgewählt wurde.“

Trotz vieler Erfolge sei es weiterhin nötig, in Sachen Menschenrechte wachsam zu sein, betonte Kneifl. Staaten, die die Menschenrechte nicht achten, gewönnen an Einfluss, und selbst demokratische Staaten schränken die Menschenrechte zunehmend ein, zudem werden Menschenrechtsaktivisten in immer mehr Staaten bedrängt und verfolgt. Ein Beispiel konnte Kneifl aktuell nennen, nämlich den Tschetschenen Oyub Titiev. Der Leiter der NGO (Nicht-Regierungs-Organisation) „Memorial“ sitzt in seiner Heimat in Untersuchungshaft. Die ai-Gruppe hatte dazu entsprechende Schreiben an den Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin, vorbereitet, und zahlreiche Passanten nutzten die Gelegenheit, sich über diesen Fall (und andere) zu informieren und Briefe und Petitionslisten zu unterschreiben.

Dass die hartnäckige Einzelfall-Arbeit der Bad Mergentheimer Gruppe auch von Erfolgen gekrönt sein kann, belegt der usbekische Menschenrechtsaktivist Azam Farmonov – er wurde nun nach fast zwölf Jahren aus der Haft entlassen. „Wir widmen uns nun einem neuen Einzelfall, nämlich der Iranerin Narges Mohammadi.“ Die Physikerin und Journalistin war Geschäftsführerin und stellvertretende Leiterin des Zentrums für Menschenrechtsverteidiger und wurde wegen dieses Engagements zu 16 Jahren Haft verurteilt, wie Kneifl darlegte.

Der Sprecher der ai-Gruppe Bad Mergentheim dankte der Stadtverwaltung mit Oberbürgermeister Udo Glatthaar an der Spitze für die Bereitschaft und Unterstützung zur Aufstellung der Buchskulptur. „Der OB hat sofort zugesagt.“ Außerdem könne die Gruppe ein weiteres Jubiläum begehen, denn der zum 60. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte eingeweihte Menschenrechtspfad im Arkauwald bestehe nun seit zehn Jahren.

Für den erkrankten OB sprach Bürgermeister-Stellvertreter Andreas Lehr. Er dankte der ai-Gruppe für ihren „großartigen Einsatz für die Menschenrechte“ und schloss dabei neben den anwesenden Gruppenmitgliedern „alle, die mitmachen und mitgemacht haben“ ausdrücklich ein. Die vor 70 Jahren verkündete „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ sei zweifellos ein „Meilenstein“ gewesen, sagte Lehr. 70 Jahre „erscheinen uns als langer Zeitraum, doch die Menschenrechte sind schon viel länger in der Diskussion“. Bereits im 14. und 15. Jahrhundert, vor allem aber mit der Aufklärung und der französischen und amerikanischen Revolution wurden sie zu einem wichtigen Thema. Gleichwohl seien sie bis heute „stets gefährdet“ und auch in Deutschland gebe es entsprechende Tendenzen – Lehr nannte beispielhaft „Selbstjustiz“ sowie „Ehrenmorde“ und schnitt auch das „Arbeitsleben“ an, wo immer wieder skrupellose Arbeitgeber Gesetze und Tarife grob missachten.

Die ai-Gruppe spiele „eine ganz entscheidende Rolle“ beim Engagement für die Menschenrechte, denn: „Sie bringen und halten das Thema beständig in der Öffentlichkeit“, sagte Lehr. Die Menschenrechte „gehen uns alle an, und wir alle stehen in der Verantwortung, sie umzusetzen und zu bewahren“. Ein Blick ins aufgestellte XXL-Buch sei da durchaus hilfreich, schließlich gelte es, „gemeinsam ein Signal auszusenden“.

Musikalisch umrahmt wurde der Festakt von einem Posaunenquartett der Jugendmusikschule – zwei Schüler und zwei Lehrer präsentierten passende Stücke. Außerdem sprachen Dietrich Grebbin, Stefan Kneifl und Christa Zechlin einzelne Artikel der Menschenrechtserklärung an – auch hier war der Tenor klar: Die Menschenrechte sind es wert, durchgesetzt, beachtet und geschützt zu werden, unabhängig von der politischen Großwetterlage oder aktuellen Stimmungen.

Die Buchskulptur steht noch bis zum 17. Juli auf dem Marktplatz, interessierte Betrachter können die 30 Artikel also in Ruhe studieren.