Bad Mergentheim

Historisches Nach Missernten und Hunger atmeten 1818 – vor 200 Jahren – die Menschen auch im Kreis Mergentheim allmählich auf

Als sich der Himmel wieder lichtete

Im Jahr 2018 wird in den Medien sicherlich stark an die Ereignisse erinnert werden, die vor 100 Jahren die Menschen bewegten, an das Ende des Ersten Weltkrieges und an den Untergang der deutschen Monarchie, vielleicht auch an die Spanische Grippe, die innerhalb von zwei Jahren mehr Opfer forderte als der Krieg, der vier Jahre und drei Monate dauerte. Auch der Dreißigjährige Krieg, der vor 400 Jahren begann, wird wahrscheinlich ein Thema sein, auch „1968“. Was sich aber vor 200 Jahre ereignete, 1818, das wird wohl eher nicht in den Blick kommen, obwohl sich damals in weiten Teilen des Welt nach einer Katastrophenperiode der Himmel allmählich wieder lichtete und neue Entwicklungen einsetzten – besonders in Württemberg.

Blättert man in dem Jahrgang 1818 des „Mergentheimer Intelligenzblatts“, dem Vorgänger der Tauber-Zeitung, so fällt einem historisch interessierten Leser eine ungewöhnliche „Öffentliche Bekanntmachung“ am 29. August auf: „Um die in einzelnen Gegenden des Königreichs noch sehr vernachläßigte Obstbaumzucht zu befördern, haben Ihre Majestät die Königin sich veranlaßt gefunden, zwei Preise, jeden zu 20 Dukaten, für diejenigen auszusetzen, welche nach Verfluß von 4 Jahren die meisten veredelten Kern- und Steinobst-Stämme in einer Gegend erzeugt haben werden, in welcher die Baumzucht noch nicht als Gewerbe getrieben wurde (...)“. Dieser Text der „Central - Stelle des landwirtschaftlichen Vereins“ ist aus mindestens zwei Gründen bemerkenswert, einerseits weil zu einem Wettbewerb im Königreich Württemberg – auch im neuwürttembergischen Gebiet – aufgerufen wird und andererseits weil dies die Königin tut.

In Ernst Marquardts „Geschichte Württembergs“ (1961) heißt es über eines der neuen, nach 1806 hinzugekommenen Gebieten des Königreichs: „Das Kernstück von Württembergisch Franken ist das Hohenloher Land. (…) Es ist ein wahres Gottesländchen zwischen Kocher, Jagst und Tauber (…) mit seinem gesegneten Boden, der in Fülle Getreide, Obst und Wein trägt.“

Vulkanasche hielt Sonnenlicht fern

Im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts aber ging es auch den Bewohnern dort nicht gut. Die napoleonischen Kriege und die damit verbundenen Einquartierungen kosteten die Orte und ihren Bürgern unermesslich viel Geld und Gut. Es gab zudem einige schlechte Ernten.

Aber es sollte noch schlimmer kommen, ohne dass die Menschen sich erklären konnten, warum eine Katastrophe über sie hereinbrach. Viele hielten es für eine Gottesstrafe, dass das Wetter im Jahre 1816 fast nichts gedeihen ließ, dass es „ein Jahr ohne Sommer“ war. Sie wussten nicht, dass im fernen Indonesien am 10. April 1815 der Vulkan Tambora ausgebrochen war, der so viel Asche in die Luft geschleudert hatte, dass in weiten Teilen der Welt 1815 und 1816 Sonnenlicht und -wärme weitgehend absorbiert wurde und folglich kaum etwas wuchs. Von diesem Unglück waren vor allem auch Süddeutschland und die Schweiz betroffen. Das führte dort zu Hungerkatastrophen. Wie die Lage von Mitte 1816 bis Mitte 1817 für die Menschen in Mergentheim war, hat Alice Ehrmann-Pösch 2015 in dem Band „Geschichte(n) aus Bad Mergentheim. Schwerpunkt Gesundheitswesen“ ausführlich beschrieben.

Die Spätfolgen des Vulkanausbruchs und der Missernte 1816 kann man zwar so gut wie gar nicht in den Mergentheimer Gemeinderatsprotokollen jener Jahre finden, hingegen aber in Chroniken, die in der Stadt abgefasst wurden, und auch im „Mergentheimer Intelligenzblatt“, das jeden Samstag erschien. Dessen Verbreitungsgebiet ging über das ehemalige Oberamt hinaus; es scheint bis Öhringen, Gerabronn und Crailsheim im Süden sowie Tauberbischofsheim und Heidingsfeld im Norden zu reichen. Dabei muss bemerkt werden, dass das Blatt keine Zeitung im heutigen Sinn ist, also keine Berichte und Kommentare von Journalisten enthält, sondern eher ein Amts- und Anzeigenblatt von Behörden war. Von Privatleuten sind nur einige Inserate zu finden.

Schon in der ersten Nummer von 1818 machte der „Königliche Polizeikommissar“ von Muschgay bekannt: „Im verflossenen Jahr wurden durch die hiesige Lokalpolizei 197 Personen des Bettelns halber arretiert und zum Theile abgestraft, zum Theile aber auch an die betreffenden Ortsobrigkeiten zur ferneren polizeilichen Verfügung eingeliefert. Unter dieser Gesammtzahl sind begriffen 35 Personen aus der Stadt, 114 aus anderen Orten des Königreichs und 48 Ausländer.“ Mit diesen werden in erster Linie Badener oder Bayern gemeint sein, die ihr Heil jenseits der Landesgrenze suchten.

Bettler und ausgesetzte Kinder

Man ahnt, dass viele dieser Menschen nicht aus Faulheit, sondern aus Not andere Personen um Brot anflehten, obwohl dies bei Strafe verboten war. Das Öhringer Oberamt ließ einen Steckbrief einrücken, in der Hoffnung, dass ein fortgelaufener Junge festgenommen und in seinen Heimatort gebracht werde: „Der Sohn des Johann Eberhard Burkert, Burgers und Webers zu Pfedelbach, 13 Jahre alt, hat sich schon seit Jakobi v. J. vom Hause entfernt und lauft dem Bettel nach.“ Vielleicht ist auch die Aussetzung von Kindern in dem Zusammenhang zu sehen. In Gaubüttelbrunn wurde zum Beispiel ein Junge ausgesetzt gefunden. Das Kind sei „2 ½ Jahre alt, mißt 2 Schuhe 7 Zoll, … ist von schwächlicher hagerer Körper-Konstitution … und scheint seit seiner Geburt sehr schlecht genährt. Es ist indessen beherzt, spricht schon deutlich und kann gehörig laufen … Nach einem solchen angehängt gewesenen Zettel soll es Heinrich heißen, und nach katholischem Gebrauche getauft seyn“, heißt es in der Beschreibung des ausgesetzten Kindes.

Steckbriefe von Ausgesetzten, Entlaufenen oder Geflohenen sowie Diebstahlanzeigen sind fast in jeder Zeitung enthalten. Ganz besonders aber fallen die umfangreichen Berichte über zwei Mordfälle auf, die jeweils außerhalb der Seitenzählung beigeheftet sind. Inwieweit der Täter Johann Georg Dietrich von Unterhöfen, der im August 1817 an seinem Vater einen Giftmord verübte und den Tod seiner Mutter verschuldete, von der Not betroffen und getrieben war, ist nicht zu klären, wie auch die Tat des Soldaten Michael Singer aus Zaisenhausen, der im März 1817 eine Nachbarin erschlug, von der er einige Gulden leihen wollte, was diese verweigerte. Singer wurde wie Dietrich zum Tode verurteilt und beide wurden 1818 in Mergentheim hingerichtet.

Solche Urteile über Verbrechen des Katastrophenjahres 1817 mögen verdecken, dass die Not der Menschen im Jahr 1818 offenbar geringer wurde. Eine ausführliche „Belehrung über die Benutzung der Quekenwurzeln und Flechtenarten als Ergänzungsmittel der Brotfrüchte“ wie im Juni 1817 war nicht mehr nötig, da im folgenden Monat eine reiche Ernte eingebracht werden konnte.

Der Preis für einen Scheffel Weizen, das ist ein Hohlmaß von etwa 177 Litern, der nach der Mergentheimer Taxe, einer amtlichen Festlegung, im Januar 1816 bei elf Gulden lag, war über 20 (Juli 1816) und 27 (Januar 1817) bis auf 42 Gulden (Juli 1817) gestiegen. Im Laufe des Jahre 1818 fiel er von 25 (Januar) bis auf elf Gulden (Dezember). Wahrscheinlich waren in der Hungerzeit manchmal wesentlich höhere Preise verlangt und gezahlt worden.

Eine fast parallele Entwicklung ließ sich beim Brot erkennen. Es wurde normalerweise als Sechspfünder gebacken, aber 1817 und 1818 bot man Vierpfünder oder Dreipfünder an, um die ungeheure Preissteigerung zu kaschieren; erst im August 1818 verkaufte man wieder Brot mit dem ursprünglichen Gewicht. Von neun Kreuzern über zwölf und 20 stieg die Taxe für das Sechspfundbrot bis auf 39 Kreuzer. Die höchste war Mitte 1817 mit 35 Kreuzer für ein Vierpfünder angegeben, also dem sechsfachen Wert für ein Pfund im Verhältnis zum Januar 1816. Im Laufe des Jahres 1818 fiel der Preis. Für ein Sechspfünder sollten die Bäcker im Dezember 14 Kreuzer verlangen. Ein Pfund Ochsenfleisch stieg von sieben Kreuzern (Januar 1916) auf 14 (Juli 1817) und ging auf acht Kreuzer (Dezember 1818) zurück. Die Taxe für eine Maß Bier stieg von fünf Kreuzern über sechs, acht und zehn bis auf zwölf und fiel 1818 zunächst nur langsam von zehn über acht bis auf sechs Kreuzer. Wie die festgelegten Preise fast aller Produkte innerhalb von 18 Monaten gestiegen waren, so fielen sie innerhalb der nächsten 18 Monate fast auf den ursprünglichen Wert zurück.

Diese Entwicklung ist einerseits auf das Wetter zurückzuführen, das 1817 und 1818 wieder Ernten zuließ. Andererseits griff der Staat ein, indem er den Handel regulierte. Er schränkte den Export von Lebensmitteln ein, ließ Getreide aus den staatlichen Vorräten verkaufen und kaufte in Russland, wo Vulkanasche den Himmel nicht verdunkelt hatte, große Mengen. Dies war wohl auch deshalb möglich, weil die neue Königin von Württemberg, die 1788 geborene Katharina, die Lieblingsschwester von Zar Alexander war. Ihre Mutter war die württembergische Prinzessin Sophie Dorothee (1759 - 1828), die Frau von Zar Paul I. (1754-1801).

Der württembergische Kronprinz Wilhelm hatte am 24. Januar 1816 in zweiter Ehe die verwitwete Katharina in St. Petersburg geheiratet. Bald nach der Ankunft des Paares in Württemberg starb sein Vater, König Friedrich I., so dass Wilhelm im Oktober 1816 den Thron besteigen musste, in der Zeit, die die größte Not für die Landeskinder brachte.

Königin Katharina hilft

Die meisten Ehen der Herrscher in Altwürttemberg waren nicht glücklich, so dass sich fast keine der Frauen als geschätzte oder gar geliebte Landesmutter profilieren konnte. Das wurde mit Katharina anders. Sie setzte einiges in Bewegung, was den von der Hungersnot geplagten Menschen sofort helfen sollte, und anderes, was sich in der Zukunft segensreich auswirkte.

Schon im Dezember 1816 beschloss die Königin, einen Wohltätigkeitsverein zu gründen, der die Ärmsten im Lande vor dem Hungertod bewahren sollte. Es wurden zum Beispiel Suppen und Brot ausgegeben; auch im Oberamt Mergentheim wirkte einer der zwölf Bezirksvereine, in der Stadt ein Lokalverein. Ihm gehörten sechs Frauen und 15 Männer an, Honoratioren von Oberamtsarzt Dr. Bauer über Stadtbürgermeister Breitenbach und Dekan Engelhardt bis zum Apotheker Rhodius. Noch im Februar 1818 inserierte der Verein, dass mehreren Armen „eine große Wohltat erzeigt“ werde, wenn mit der „oft erprobten Bereitwilligkeit“ nicht mehr gebrauchte Kleidungsstücke bei Professor Springer, dem Leiter der Lateinschule, abgegeben würde, die dann „wahrhaft Dürftigen“ zugute kommen werden. Im Juni 1818 danken die Mitglieder des Wohltätigkeitsvereins in einer Anzeige drei Musikern, die „zum Besten der hiesigen Armen ein Konzert gegeben“ hatten – und den Zuhörern für die Spenden.

Königin Katharina schenkte den Armen des Landes viel von ihrer aus Russland stammenden Mitgift. Ihr Credo aber war: „Arbeit schaffen hilft mehr als Almosen geben.“ Unter diesem Motto ist die anfangs erwähnte Auslobung von Preisen zu sehen wie auch eine Leistungsschau, die mit einem Fest verbunden war, mit dem der Erfolg der Förderungsanregungen gefeiert wurde, ein Fest, das es – natürlich in veränderter Form – bis heute gibt. Im Oktober 1818 findet man im Intelligenzblatt die Anzeige für eine 40seitige Broschüre: „Das landwirtschaftliche Fest zu Kannstatt. Zum ersten Male gefeiert den 28. Sept. 1818. Mit einem Umrisse der Rennbahn und ihrer Einrichtung, und der Abbildung der Preismünzen“. Die Universität Hohenheim geht ebenfalls auf das auf die Zukunft gerichtete Denken des Königspaares zurück. Im November 1818 wurde dort die „landwirtschaftliche Unterrichts-, Versuchs- und Musteranstalt“ eingerichtet.

Gründung einer Sparkasse

Ebenso auf das Wohl von Untertanen gerichtet ist die Gründung von Schulen und einer Sparkasse. 1818 schuf Katharina die „Sparkasse zum Besten der ärmeren Volksklasse“, woraus sich die Württembergische Landessparkasse entwickelte. Die Ursprungsidee der Königin war allerdings, dass Menschen durch Sparen Vorsorge für ihr Alter treffen, um nicht betteln zu müssen oder im Armenhaus zu landen. Katharina brachte solche Gedanken aus Russland mit, wo ihr erster Mann, Georg von Oldenburg (1784 - 1812), als Provinzgouverneur soziale Reformen einzuführen versuchte, wie zum Beispiel die Einrichtung von Hospitälern. Das Stuttgarter Katharinenhospital wurde am 9. Januar 1829, dem zehnten Jahrestag ihres Todes, gegründet.

Den 200. Geburtstag kann in diesem Jahr das Königin-Katharina-Stift feiern. Es war 1818 durchaus nicht üblich, dass Mädchen eine öffentliche Erziehung genossen, geschweige denn dass „sie sich (im Unterricht) glücklich fühlen“ und „ein freundlicher Ton“ herrscht. Das war das Ziel der Königin, die sich auch um die Lehrpläne kümmerte. Wegen ihrer vielen Aktivitäten und Wohltaten berührte sie die Herzen der Menschen stark. Deshalb war die Trauer groß, als die württembergische Königin nach nicht einmal drei Jahren starb. Der König ließ – sei es aus Liebe zu Katharina, sei es wegen der Liebe des Volkes zu ihr – an dem Platz ein riesiges Grabmal bauen, wo er die Stammburg der Württemberger hatte scheifen lassen. Über dem Portal steht: „Die Liebe höret nimmer auf.“ Die Liebe Katharinas zu ihren Landeskindern ist – vor allem in Stuttgart – auch 2018 noch zu erkennen.