Bad Mergentheim

Jagd Hochbetrieb herrschte zuletzt in den heimischen Revieren / Rehbrunft beginnt Mitte Juli und dauert bis Mitte August / Auch "heimliche" Böcke zeigen sich

Blattzeit lässt Jägerherzen höher schlagen

Es ist Hochbetrieb in den hiesigen Revieren: Während der Rehbrunft "blatten" die Jäger, sie ahmen die Rufe von Rehgeißen und Kitzen nach. Damit locken sie die Böcke aus der Deckung.

Igersheim. Auch im "Eichwald" sind in diesen Tagen die Jäger eifrig unterwegs. Die Rehbrunft zählt zu den Höhepunkten des Jagdjahres, und die Jäger bedienen sich einer List, um die Böcke zu Gesicht zu bekommen: Sie "blatten". Dazu wird beispielsweise ein Buchenblatt genutzt, das zwischen den Fingern gehalten wird. Dann wird mit dem Mund unter hohem Druck Luft darauf geblasen, und es entsteht ein ganz bestimmter Ton. Je nach dessen Sound unterscheiden die Jäger in Reh-, Kitz- oder Sprengfiep. Es sind die Laute, die ein Kitz oder ein weibliches Reh (Ricke, Geiß) von sich geben - und die Böcke wissen ganz genau, dass sie hier zum Zuge kommen können.

Das interessante an der Blattzeit ist, dass die Jäger auch "heimliche" Böcke erblicken können, denn im Liebesrausch werden diese unvorsichtig. Während sie sonst das ganze Jahr kaum die Deckung verlassen und nur in der Dunkelheit auf Feldern und Wiesen äsen, bekommt sie der Jäger während der Brunft relativ leicht zu Gesicht. Und wer nicht mit Naturmaterialien blatten kann - die richtigen Töne zu treffen, ist eine schwierige Kunst - kann spezielle Pfeifen (Blatter) nutzen, die die entsprechenden Töne produzieren.

Claus Felzmann ist ein erfahrener Jäger, und seit vielen Jahren im Eichwald auf Ansitz und der Pirsch. An einem Abend geht er wieder "blatten" und der Reporter darf dabei sein. Allerdings bieten die Kanzeln neben dem frisch abgeernteten Getreideacker nur Platz für eine Person - so steigen der Jäger sein Begleiter auf zwei, etwa 150 Meter von einander entfernte Kanzeln. Vor sich haben sie den Stoppelacker, hinter sich den Waldsaum. Felzmann setzt die Pfeife an und fiept, wobei er eine bestimmte Reihenfolge einhält. Doch zunächst ist nichts zu sehen.

Nach einer Dreiviertelstunde tritt eine Ricke auf das Feld und zupft im frischen Grün - der Regen der vergangenen Tage hat es zwischen den Stoppeln sprießen lassen. Die Rehdame lässt es sich schmecken. Rechts von der Reporterkanzel zeigt sich ein Feldhase, auch er nascht und macht seinem Beinamen "Apotheker" alle Ehre - Hasen suchen sich ihre Nahrung sehr selektiv aus. So hoppelt Meister Lampe Meter um Meter voran und zur Seite, mümmelt hier einen Halm und da ein Kraut. Und nie vergisst er, die langen Ohren zu stellen, die Nase in den Wind zu heben und beim Rundblick auf alles zu achten, was Gefahr bedeuten könnte. Eigensicherung gegen den Fuchs, der sich mit einem heißeren Bellen verraten hat? Reineke schnürt am Ackerrain entlang, setzt sich hin und beobachtet aus der Entfernung das Geschehen. Doch schnell merkt er, dass hier für ihn nichts zu holen ist. So zieht er weiter.

Zwischen den beiden besetzten Kanzeln entsteht Unruhe - die Ricke sichert, äugt herüber und stellt die Lauscher (Ohren) - irgend etwas hat sie gestört, und da will sie wittern, sehen und hören. Dann flüchtet sie in den Wald. Nur wenig später erscheint eine Geiß mit Kitz, beide sind auf das frische Grün zwischen den Stoppeln aus. Immer wieder sichert die Geiß, das Kitz tut es ihr nach. Aber es droht keine Gefahr - auch vom Jäger nicht, denn der hat es ausschließlich auf einen Bock abgesehen. Doch davon ist nichts zu sehen, trotz des intensiven Fiepens betritt kein Rehbock die Naturbühne. Dafür kommt noch eine Geiß mit Kitz, und die beiden Mütter äsen zusammen mit ihrem Nachwuchs.

Meister Lampe hat einen Kollegen zu Besuch, und nun tummeln sich zwei Langohren vor der Kanzel. Fasziniert beobachtet der Reporter die beiden Hasen. Bei dem einen fehlt ein Stück an der Spitze des rechten Ohres, was immer dann auffällt, wenn er die Löffel, wie die Jäger die Hasenohren nennen, zum Horchen aufstellt. Dann mümmelt er weiter, kratzt sich mit dem linken Hinterlauf am Kopf, hoppelt in die Nähe seines Artgenossen. Nach einer Verfolgungsjagd, die ebenso schnell endet wie sie begonnen hat, wenden sich die beiden wieder der Futtersuche zu und zupfen sich wohlschmeckendes Grün.

Derweil geht die Dämmerung in die Nacht über, hinter dem Stoppelfeld zeigt sich der Mond - noch scheint er rötlich. Das Fotografieren wird unmöglich, die langen Verschlusszeiten lassen kein scharfes Bild mehr zu. Und während der Reporter durch das Fernglas die beiden Geißen mit ihren Kitzen und die Hasen beobachtet, erscheint plötzlich, wie aus dem Nichts, nur wenige Meter rechts von der Kanzel, ein stolzer Bock. "Lauscherhoch" ist das Gehörn, ein auch für einen Laien imponierender Anblick. Doch der Jäger kann ihn nicht sehen, denn der Acker macht zwischen den beiden Kanzeln einen Knick, und der dichtbelaubte, buschartige Waldsaum versperrt die Sicht.

Da verspürt auch der Reporter so etwas wir Jagdfieber, hält mit der Kamera drauf und "verschießt" den Chip, wohl wissend, dass nichts Verwertbares dabei herauskommt. Aber versuchen muss man es einfach, solch eine Gelegenheit kommt so schnell nicht wieder. Den Bock stört das "klack, klack, klack" der Kamera nicht, nur einmal sichert er kurz. Aber da muss etwas in der Luft liegen, was ihn abhält, weiter nach der Ursache des seltsamen Geräusches zu suchen. Es muss ein ganz spezieller, süßer Duft sein, wie er nur wenige Wochen im Jahr vorkommt. Der Bock macht kehrt, läuft im Rehgallopp ein paar Meter Richtung Wald, bleibt stehen, sichert erneut, trabt ein paar Schritte nach links, dann nach rechts, flehmt wie ein Ross, steuert dann den Wald an und taucht ein ins dichte Buschwerk.

Kurz darauf zeigt sich am Waldsaum, genau dort, wo zuvor der Bock verschwand, eine Ricke. Sie zieht Richtung Kanzel, und da erscheint auch der Bock wieder. Er folgt ihr; erst langsam, dann schneller. Der Rehbock "treibt" sie, wie die Jäger sagen. Noch ein kurzer Sprint, dann tauchen Ricke und Bock in den Wald ein.

Die Büchse blieb stumm an diesem Abend, doch ein beeindruckendes Erlebnis hatten sowohl der Jäger als auch der Reporter.