Bad Mergentheim

Im Gemeindehaus Dr. Jürgen Lohmayer referierte über Religionsvielfalt und -dialog in Deutschland

„Die katholische Kirche ist eine Burgruine“

Archivartikel

Bad Mergentheim.Welche Herausforderungen, Probleme und Chancen bringt die zunehmende religiöse Vielfalt in Deutschland mit sich? Das war die zentrale Frage, der sich Dr. Jürgen Lohmayer vom Referat für Weltanschauungsfragen und interreligiösen Dialog des Bistums Würzburg sich und den Zuschauern bei seinem Vortrag im Mariensaal des katholischen Gemeindehauses stellte. Als Referent gewinnen konnte ihn der örtliche Verein „Katholische Erwachsenenbildung“.

„Die Welt ist angefüllt mit Religion.“ Die These des amerikanischen Soziologen Peter Berger stellte Jürgen Lohmayer an den Anfang seines Vortrages. Dabei habe man dem Thema in der Soziologie lange wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Doch durch den zunehmenden globalen ökonomischen und interkulturellen Austausch sowie den freien Zugang zu weltweiten Informationen gerieten die Religionen immer stärker ins Blickfeld der Öffentlichkeit.

Die hohe Vielzahl an Presseartikeln und Büchern, die sich mit ihnen auseinandersetzen, bestätigen, so Lohmayer, diese Entwicklung. Was Deutschland betrifft, so stelle man fest, dass insgesamt der Einfluss der konfessionell verfassten Kirchen schwindet und eine Pluralisierung des Sinn-Angebotes festzustellen sei. So löse sich auch die katholische Kirche immer mehr auf. „Sie ist keine ,Burg’ mehr, sondern vielmehr eine ,Burgruine’“, so das harte Fazit Lohmayers.

Das Lebensgefühl des modernen Menschen sei „individuell, undogmatisch, antiinstitutionell, erlebnisintensiv und eventorientiert“, ergänzte er. Eine Offenheit für spirituelle Erfahrungen sei durchaus vorhanden und die Sehnsucht der Menschen nach einer heilen Welt deutlich spürbar.

Die religiöse Landschaft in Deutschland werde zusätzlich geprägt von einer Vielzahl von unterschiedlichen Religionen und Strömungen. Neben den großen christlichen Kirchen würden – zahlenmäßig – die Muslime die größte Rolle spielen. Doch schaue man genauer hin, dann lasse sich innerhalb des Islams wieder eine Vielfältigkeit mit teilweise großen Gegensätzen und Konflikten feststellen. So gebe es nicht nur Sunniten und Schiiten – sondern auch Ahmadiyya und Aleviten.

Zukünftig eindeutiger positionieren, so der Referent weiter, müsse sich der Staat bei Grundrechtskonflikten. Genauer: der Balance zwischen Religionsfreiheit und Verfassungswerten. Ein entsprechender Austausch könne auf vier Ebenen stattfinden.

Erste sei der „Dialog des Lebens“. Diesen beschrieb Lohmayer als ein Miteinander in einer offenen und nachbarschaftlichen Atmosphäre, in der man Freude und Leid, Probleme und Beschwernisse teile. Ohne persönliche Beziehungen zu Menschen anderer Religionen sei das Unterfangen sehr schwierig. Wenn es aber gelingt, könne es auch zum Dialog auf der Ebene des Handelns, der religiösen Erfahrung und des theologischen Austausches kommen. Zum Ende des Vortrages verwies Lohmayer auf die Barmherzigkeit als verbindenden Wert zwischen den Religionen. Ebenso wie im Christentum habe dieser auch im Islam hohen Stellenwert. In der anschließenden Diskussionsrunde war Dr. Jürgen Lohmayer als Fachmann für Weltanschauungsfragen gefragt. Dabei wurden unterschiedlichste Themen angesprochen. Angefangen bei charismatischen Bewegungen innerhalb der katholischen Kirche über Ökumenefragen bis hin zum Umgang des Staates mit der Türkisch-Islamischen Union (DITIB).