Bad Mergentheim

Multivisions-Vortrag in Bad Mergentheim Naturfotograf Roland Günter beleuchtete das Thema „Wunder – Welt – Wiese“ / Rund 100 Zuhörer

Eindringliches Plädoyer für Artenvielfalt

„Wunder – Welt – Wiese“ lautete ein faszinierender Vortrag des Naturfotografen Roland Günter in Bad Mergentheim.

Bad Mergentheim. Es war ein Abend mit besonderen Bildern, mit äußerst lehrreichen, anschaulichen aber auch witzigen Berichten und mit entspannenden Musik- und Toneinlagen. Gut 100 Gäste waren zum Multivisions-Vortrag der Naturschutzgruppe Taubergrund und der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Mergentheim ins Gemeindezentrum gekommen. Es ging um die fast unglaubliche Artenvielfalt auf einer „Einschürigen Mager-Flachland-Mähwiese“, die es offensichtlich irgendwo in der Region noch gibt.

Referent des Multivisions-Vortrags mit dem Thema „Wunder Welt Wiese“ war der Profi-Naturfotograf Roland Günter aus Estenfeld bei Würzburg. Organisiert und vorbereitet wurde die gelungene Veranstaltung durch Elmar Patermann vom Arbeitsbereich Bienen der Naturschutzgruppe. Die Artenvielfalt hat in der öffentlichen Diskussion einen hohen Stellenwert. Anlass dazu ist die Sorge wegen der zum Teil dramatischen Abnahme eben dieser Artenvielfalt zum Beispiel bei Insekten, aber auch bei Vögeln und vielen anderen Tierarten.

Die Artenvielfalt gilt als hohes Gut der Schöpfung, das dringend erhalten werden soll und sie gilt als Maßstab zur Beurteilung, wie intakt die Umwelt noch ist oder eben nicht mehr ist. Dem früheren Forstmann und heutigen Naturfotografen Roland Günter liegt diese Artenvielfalt bzw. die Biodiversität sehr am Herzen, und besonders angetan hat es ihm die erst beim genaueren Hinsehen wahrnehmbare Kleinst-Tierwelt auf den wenigen Blumenwiesen, die es in der Region noch gibt. Zur Charakterisierung seiner Arbeit sagt Roland Günter: „Ich will zeigen, wie Biodiversität funktioniert und wie faszinierend sie ist.“ Beim Vortrag in Bad Mergentheim ist ihm das rundum gelungen.

Das Thema Artenvielfalt bei Tieren und Pflanzen ist ein sehr breites Feld mit vielen Bereichen. Dazu gehören zum Beispiel Äcker, Wiesen, Hecken, Raine, Trockenhänge, Wälder, Gewässer und natürlich auch Wohngärten und Siedlungsgebiete. Roland Günter hat sich in seinem Multivisions-Vortrag aus dieser Vielzahl beispielhaft die oben genannte Mager-Mähwiese mit Margariten ausgewählt. Diese Wiesenart wird wenig oder gar nicht gedüngt und nur einmal im Jahr gemäht, deshalb sind hier nicht einzelne Pflanzenarten wie Gräser oder Löwenzahn – die Nährstoffe gut nutzen können – in der Oberhand. Statt dessen haben hier viele Wiesenblumen eine Chance, das heißt, diese Wiese ist noch eine vielfältige und bunte Blumenwiese. Doch solch extensiv genutzten Blumenwiesen bringen in der heutigen Zeit für die moderne Landwirtschaft in der Regel keinen ausreichenden Futterertrag und sind deshalb kaum noch zu finden.

Fantastische Nahaufnahmen

Auf dieser nur einmal im Jahr gemähten, das heißt einschürigen Magerwiese, hat sich Roland Günter schwerpunktmäßig den dort lebenden Klein-Tieren, vor allem den Insekten zugewandt. Was er dabei gefunden hat und im Multivisions-Vortrag seinen Gästen mit fantastischen Nahaufnahmen und anschaulichen Berichten präsentieren konnte, ist geradezu umwerfend. Dabei hat er sich, wiederum beispielhaft, für seinen Vortrag nur auf die Bewohner und Gäste der Margarite konzentriert. Über Wochen hatte Roland Günter sich immer wieder stunden- oder tagelang vor einem Quadratmeter der Blumenwiese auf die Lauer gelegt, um zu beobachten und Nahaufnahmen zu machen. Eine Vielzahl von Kleintieren hat er dabei beobachtet und nicht nur fotografiert sondern auch deren Lebensweisen erforscht und festgehalten.

So gab es in seiner Präsentation etwa die Winterschwebfliege, die Golfwespe, die Maskenbiene, eine Zikade, den Bienenwolf, die Brackwespe, verschiedene Thripse, die Florfliege, einige Spinnen und nicht zuletzt Fliegen in unendlich vielen Varianten. Über das Verhalten der Margariten-Bohrfliege etwa hat Roland Günter beispielhaft besonders ausführlich, eindrücklich und witzig berichtet. Dabei gab er den beobachteten Exemplaren, abgeleitet vom lateinischen Namen, die Namen Frieda und Florian. Der Florian sei, abwechselnd mit einem seiner Flügel winkend, andauernd auf seiner Margaritenblüte gesessen – und immer wieder winkend! Und wenn ein zweites Männchen dazu kam, dann habe auch dieses angefangen zu winken, was letztlich in einen regelrechten „Tanz der Bohrfliegenmännchen“ übergegangen sei. Ein solcher Tanz könne zehn bis 14 Minuten dauern und ende dann mit einen „Kuss“ der beiden. Niemand könne sagen, warum die Bohrerfliegen-Männchen sich so verhalten.

Für Roland Günter verkörpern nicht nur die bunten Wiesenblumen die Artenvielfalt, sondern gerade auch das von ihm beobachtete faszinierende vielfältige Kleintierleben, das eher unbemerkt hier stattfinde. Aber das was er präsentierte, war nur ein winzig kleiner und nur beispielhafter Ausschnitt der gesamten Artenvielfalt in einer intakten Natur. Er plädierte in der Diskussion engagiert dafür, dass der Mensch viel mehr tun müsse, diese Artenvielfalt zu erhalten oder wieder herzustellen. Auch wenn die Landwirtschaft vieles dazu beizutragen habe, sei die Artenvielfalt keineswegs nur eine Aufgabe der Landwirtschaft. Nicht mal der vermehrte Übergang zur heutigen Art der Öko-Landwirtschaft, so der Referent auf die Nachfrage aus dem Publikum, könne Wesentliches beitragen zur Erhaltung oder Herstellung einer Artenvielfalt, wie er sich diese vorstelle. Es sei vielmehr notwendig, dass der Mensch grundsätzlich damit beginne, sich wieder als einen Teil der Natur zu verstehen, statt sich über die Natur zu erheben. nsg