Bad Mergentheim

Historisches Berichte von Reiseschriftstellern und Journalisten in alter Zeit

„Eine Großstadt im Taschenformat“

Über Bad Mergentheim und den Kurbetrieb wird viel berichtet. Hier ein Blick in die „News“ im 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts.

Bad Mergentheim. Liest man heute einen Artikel auf der Reiseseite einer Zeitung, kann man nicht immer sicher sein, ob es ein sachgerechter Bericht oder eine versteckte Reklame ist, ob der Verfasser ohne direkten Einfluss derjenigen schreibt, deren Kurbad, Hotel oder Restaurant er angeschaut hat und beurteilt, oder ob er für seine Zeilen mehr als das Zeilenhonorar erhält.

Neben der direkten gibt es seit langem in den Medien auch indirekte Reklame wie bestellte Reportagen oder Schleichwerbung in Filmen. Solche Werbung dürfte aber kein Phänomen sein, das erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist. Man kann sich fragen, ob es auch auf die folgenden Textausschnitte von Reiseschriftstellern zutrifft, die über die Stadt Mergentheim und sein Karlsbad in den ersten 100 Jahre von dessen Bestehen veröffentlicht wurden.

Die „Hohenloher Spottdrossel“

Als erster Reisender scheint der in Langenburg geborene Karl Julius Weber (1767 bis 1832), der auch die „Hohenloher Spottdrossel“ genannt wurde, über die Stadt und das gerade entstandene Karlsbad geschrieben zu haben. In Bezug auf die Stadt ist er eigentlich kein Tourist, denn er kannte den Ort schon aus den zehn Jahren als Sekretär beim Deutschen Orden (1792 bis 1802). Er tritt allerdings mit den vier Bänden „Deutschland, oder Briefe eines in Deutschland reisenden Deutschen“ (zuerst 1826 bis 1828) als anonymer Reisender auf.

In einer späteren Auflage heißt es: „Mergentheim ist eines der freundlichsten Landstädtchen Württembergs mit 2400 Seelen, wie gemacht zur Residenz eines apanagierten Prinzen des Hauses … Seit 1827 wohnt Herzog Paul hier. Vergebens fragt der unterrichtete Reisende nach den berühmten Denkmälern des berühmten Ordens, die Grabmäler sind zerstört, selbst die alten Wappen sind weggemeißelt und nur im Schlosse findet er allenfalls noch die Bildnisse der Deutschmeister von Walther von Cronberg an und, wenn man nicht zuviel verlangt, einen steinernen Ritter auf dem Marktbrunnen. Die Mergentheimer kannten das Ritter-Costüme viel zu gut, um auch diesem den großen Hosenknopf wegzumeißeln, wie in einer kleinen Reichsstadt geschah, die auf Andringen der Ehren-Geistlichkeit den Ritter, im Beisein des Stadt-Operateurs, durch einen Steinmetzen entmannen ließ, weil der Knopf den Wasser holenden Nymphen zu allerlei ungeziemenden Anmerkungen Anlass gab!“

Mit solchen Bemerkungen geißelt der Aufklärer Weber die moralisierende Kleingeisterei, nachdem er zuvor seine Trauer über die zerstörten Zeichen vergangener Größe ausgedrückt hat. Mergentheim bietet jedoch, wenn auch nur in kleinem Maße, etwas Neues: „Die alte Burg Neuhaus zerstörte noch der Orden selbst. Und die Heilquelle von Bitterwasser, die hier quillt, wird jetzt besser benutzt. Es ist ein kleines liebes Bad, das schon durch seine freundliche Umgebung anlocken muss; die Stadt tut alles, die Bewohner sind ungemein zuvorkommend; es ist wohlfeil, und von kleinen Badanstalten kann man nicht verlangen, dass sie gebaut sein sollen nach der Vorschrift des Römers Vitruvius. Ich habe 1830 recht angenehm sechs Wochen da verlebt, und die Nähe Würzburgs ist auch anzuschlagen, und der Bad-Arzt Dr. Bauer, der über Mergentheim geschrieben hat.“

Der Spötter Weber, der sich als „Unbekannter“ in die Kurgastliste eintragen ließ, hat sich also später zu seinem Aufenthalt bekannt – und zu seiner Zuneigung zu diesem Ort.

Werbung für das Bitterwasser

Das „Mergentheimer Wochenblatt“ (die spätere Tauber- Zeitung) vom 14. September 1832 zitiert unter „Mannigfaltiges“ ausführlich einen Artikel der Nürnberger Zeitung „Der Korrespondent von und für Deutschland“: „Das Mergentheimer Mineralwasser als Präservativ gegen die Cholera (Aus den Notizen eines Reisenden)“. Dort heißt es: „An der table d’hote zum Hirschen hörte ich zum erstenmal von einem hier entdeckten Mineralwasser sprechen – und wurde höchst gespannt, dasselbe zu kosten. Einige Stunden später erfuhr ich durch den Genuss desselben an mir selbst, dass von seinen guten Wirkungen nicht zu viel gesagt worden war.“ Nachdem der Autor die Zusammensetzung und die Wirkung des Wassers beschrieben hat, kommt er auf die Empfehlung französischer Ärzte zu sprechen, „gegen die orientalische Brechruhr, diese schreckliche Krankheit“, Selterswasser als Vorbeugungsmittel zu trinken. Er schließt nach der Probe Mergentheimer Bitterwassers: „Rascher, energischer werden die stärkeren eisenhaltigen Salzquellen wirken, weshalb ich die Ankündigung des Mergentheimer Stadtrates in der „Allgemeinen Zeitung“ – welcher bei ihrer Bescheidenheit unverkennbar die Voraussetzung zu unterliegen scheint, als sei das Bad in Mergentheim schon längst in ganz Deutschland bekannt, was dem nicht so ist – mich aufgefordert fühle, vor allem das Mergentheimer Mineralwasser zu empfehlen (…) Es wird gewiss und eben so sicher die Prädisposition zur Cholera entfernen (…) als das von den Franzosen so hoch gerühmte Selterser Wasser. Zudem kann der Aufenthalt in dem lieblichen Taubertale, dessen Rebenhügel von dem äußerst milden Klima zeugen, nur vorteilhaft auf die Gesundheit wirken. Aber auch an regnerischen Tagen leidet der Gast keinen Mangel an gesellschaftlichen Vergnügen, oder sonst anständiger Unterhaltung ...“

Die Cholera war Süddeutschland schon seit einiger Zeit näher gerückt: Im Lokalblatt von 1831 und 1832 lassen sich mehrere Artikel der hiesigen Ärzte Dr. Bauer und Dr. Krauß und auch württembergische Verordnungen finden, die sich mit dem Schutz vor dieser Krankheit befassen. Trotz der zitierten Werbung für das Mergentheimer Bitterwasser haben die Stadtväter das Bad Ende 1832 abstoßen wollen und 1834 an den Mühlenbesitzer Friedrich Kuhn verkauft, weil es ihnen schien, dass es der Gemeinde nur Schulden einbrächte.

Gerne zitiert man in Bad Mergentheim den Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich Riehl (1823 bis 1897), der der Kurstadt – wie man glauben konnte – ein schmeichelhaftes Prädikat verliehen hat. Er veröffentlichte „Ein Gang durch das Taubertal“, das er im Herbst 1865 von Rothenburg bis Wertheim durchwandert hatte.

Ein „aufblühendes Städtchen“

„Mergentheim ist nicht erstarrt wie Rothenburg, nicht verfallen wie Creglingen, es ist ein lebendiges, aufblühendes Städtchen, dabei aber durchaus nicht modernen Geprägs, sondern etwas altfränkisch. (…) es hat Kirchen und Klöster aus dem Mittelalter und der Rokokozeit, ein Renaissance-Schloss innerhalb der Mauern, eine Burgruine nahe vor dem Tor, ein merkwürdiges Archiv, ein berühmtes Naturalien- Kabinett, reiche alte Spitäler und Pfründnerhäuser und ein modernes Mineralbad mit 800 und mehr Kurgästen, eine Lateinschule, einen öffentlichen Park (…)“

Riehl folgert: „Es gibt in Deutschland Kleinstädte, welche bloß große Bauerndörfer sind, oder große Fabrikkolonien, es gibt aber auch, und namentlich in Mitteldeutschland, Kleinstädte, die sich von der Großstadt nur mehr quantitativ als qualitativ unterscheiden, Großstädte in Taschenformat, und ein guter Auszug eines Buches ist oft lehrreicher als das dicke Original.“

Von der Verkürzung, Mergentheim sei „eine Großstadt im Taschenformat“ konnte sich die Kurstadt geschmeichelt fühlen. Ob darin im 21. Jahrhundert noch ein Gran Wahrheit steckt, mag sich heute manch ein Einwohner fragen.

Wenn 1926 ein Artikel über Mergentheim und sein Bad in „Der Israelit“ unter dem Titel „Vom deutschen Karlsbad“ erscheint, dann kann man vermuten, dass er einerseits nationalistisch und anti-tschechisch ist und andererseits sein Augenmerk auf die Frage richtet, wie ein Jude in dem „kleinen Weltbad“ seine Pflichten als religiöser Mensch und als Kurgast vereinbaren kann.

Gut geeignet für jüdische Kurgäste

Der Autor meint, dass es ihm sehr gut möglich ist: „Mergentheim (…) beherbergt bei seinen fünf- bis sechstausend Bürgern über siebenzig jüdische Familien, die fast alle noch, wie man hier sagt, zum „guten, alten Geschlechte“ zählen. An alten und neuen Pfosten kleiner und großer Außentüren zeigt die Mesusah sichtbar das jüdische Heim (…) Wem es liegt, kann hier, statt um sieben beim Brunnen, schon um sechs morgens mit dem gemeinsamen Gebete seine Kur beginnen, und wenn abends nach sieben das Konzert (an anderer Stelle wird erwähnt, dass das Orchester von Emil Kahn geleitet wird) im Kurgarten zu Ende ist, kann man, bevor man sich an die Abendtafel setzt, in die (…) Synagoge eintreten, um das Tagesprogramm mit gemeinsamem Abendgebet und sogar einem labenden Trunk, gereicht vom Herrn Rabbiner aus dem Lebenssprudel alter Lernhäuser, abschließen.“ Nichts an einer „echten, rechten, alten Kehilloh (jüdischen Gemeinde)“ fehle: die Konditorei Hirschhorn, die Wurstlerei Salomon, das Hotel Fechenbach, der Arzt Dr. Hirnheimer. „Wer Mergentheim einmal entdeckt hat – es ist noch nicht genügend entdeckt – kommt wieder schon aus Dankbarkeit“, endet diese Passage.

Sieben Jahre später wählte der Dirigent Emil Kahn für Schallplattenaufnahmen das Pseudonym Fredy Linter und bald danach emigrierte er. Nicht nur Juden, auch die meisten Christen konnten sich 1926 nicht vorstellen, dass zwölf Jahre später die Zusammenarbeit von „Hotel und Arzt, Stadt und Bad, Kurverwaltung und Gemeinde“ in Bezug auf jüdische Kurgäste nicht mehr bestehen würde. Sie kam auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder zustande.

Pläne und Neuerungen 1930

In der Sonderbeilage zum Schwäbischen Merkur findet man am 12. April 1930 den Artikel „Frühling in Bad Mergentheim“. Der Autor „R.“ freut sich offenbar, dass nicht nur die Natur schon erwacht ist, sondern auch das Kurleben, vor allem dass „in der Kuranstalt Hohenlohe (…) sich die Glieder des ehem. württ. Königshauses, mit dem eine Mergentheimer Kur gebrauchenden Herzog Albrecht von Württemberg eingefunden“ haben und dass die Kurverwaltung erwägt, noch mehr dafür zu tun, dass Patienten auch im Winter das Bad nutzen können wie den Bau einer Wandelhalle. Im Gespräch mit dem neuen Kurdirektor Ulrich von Bose erfuhr der Autor R., dass die Zusammenarbeit „Hand in Hand mit der Stadtverwaltung“ zu Verbesserungen und Verschönerungen geführt habe und diese „das weitere Emporblühen und die dauernde Fortentwicklung von Bad und Stadt Mergentheim zu gewährleisten geeignet“ seien.

R. zählt dann die Neuerungen auf: Es „sind durch eingreifende Umbauten im Kurhausgebäude gänzlich unbenützte Räume (...) zu einer gemütlichen altdeutschen Bierstube, einer hübschen Tanzdiele mit Bar und einem kleinen intimen Saal für das Metternichsche Bäderspiel gewonnen. (…) Im Badgebäude sind bequeme Ausruheräume für solche Badegäste eingerichtet worden, denen Fangopackungen verordnet sind, und für die Vergrößerung und praktische Einrichtung der ärztlichen Sprech- und Untersuchungszimmer ist ein Anbau erstellt worden. Die seither im Rückgebäude des Kurhauses untergebrachte Abfülleinrichtung für den Mergentheimer Wasserversand wurde aus Zweckmäßigkeitsgründen, insbesondere zur Verkehrserleichterung, mittelst einer 600 Meter langen Röhrenleitung nach einem geeigneten, in der Nähe des Bahnhofs gelegenen Gebäude verlegt. Entsprechend den im Vorjahr erweiterten Größenverhältnissen der Tauberbrücke hat man die den aus dem Hofgarten strömenden Flussarm überquerende ebenfalls verbreitert, (…) Ein in der Nähe des Bades, im romantischen Erlenbachtal mit erheblichen Kosten geschaffener Golfplatz wird zweifellos von den Kurgästen mit lebhafter Befriedigung in Benützung genommen werden.“

Einige der Blütenträume wurden nicht wahr. Das Jahr 1931 wurde ein Krisenjahr, einerseits als Folge der Weltwirtschaftskrise, weshalb der Hauptaktionär, das Stuttgarter Bankhaus Schwarz, seine Zahlungen einstellen musste, andererseits wegen der Misswirtschaft in der Kurverwaltung. Deswegen wurde dem Kurdirektor v. Bose gekündigt. Die Zahl der Kurgäste fiel, die Aktiengesellschaft ging in Konkurs und ihr Besitz wurde versteigert. Die Auffanggesellschaft konnte die Pläne einer Wandelhalle erst fünf Jahre später verwirklichen, der Betrieb des Golfplatzes wurde eingestellt und erst nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in Angriff genommen.

Heute ist nicht mehr festzustellen, ob der Einfluss Mergentheimer Personen oder Institutionen einem der Autoren die Hand geführt hat. Der Leser wird darüber aber seine Vermutungen anstellen.