Bad Mergentheim

Ein Blick ins Grüne Der Schrebergarten lebt / Gartenfreunde Niederstetten mussten sich altersbedingt auflösen / Große Nachfrage in Bad Mergentheim

Eine Hütte, Beete, Bäume und Glück

Archivartikel

Es gibt wenig, was als so typisch deutsch empfunden wird wie der Schrebergarten, das Paradies der Biedermänner und Spießer. Aber ist das tatsächlich so?

Bad Mergentheim/Niederstetten. Eine Gartenhütte, einige Gemüsebeete, ein gepflegter Rasen und womöglich der unausweichliche Gartenzwerg. Das sind bei vielen die ersten Assoziationen, wenn sie den Begriff Schrebergarten hören. Doch dahinter steckt viel mehr. einst aus der Not heraus geboren, ist er heute wieder voll im Trend.

Wieso eigentlich Schrebergarten?

Namensgeber war der Arzt und Pädagoge Daniel Gottlob Moritz Schreber, der 1808 in Leipzig geboren wurde. Er selbst hatte mit Kleingärten allerdings gar nichts zu tun, Schreber engagierte sich zeitlebens für die sportliche Integration von schwächlichen und gebrechlichen Kindern. Einige Jahre nach seinem Tod wurde ein Schulverein gegründet, für den man den schlichten Namen Schul- oder Erziehungsverein einfach zu banal fand. So wurde der Verein nach Dr. Schreber benannt, um dessen eigenes Engagement für Kinder in diesem Bereich zu würdigen. Der erste „Schreberplatz“ entstand 1865 in Leipzig.

Zunächst nur als Spielwiese genutzt, begann man später zu gärtnern, um den Kindern weitere Beschäftigungsmöglichkeiten zu bieten. Die Gärten fanden jedoch einen solch großen Anklang, dass sich hier ganze Familien zusammenfanden. Die so entstandenen „Familienbeete“ wurden umzäunt und in Parzellen unterteilt und der „Schrebergarten“ war entstanden.

Die Wurzeln der Kleingärten, wie man sie heute kennt, reichen also weit zurück und haben ihre Ursache schlicht und ergreifend in der Armut. Im 19. Jahrhundert nahm die Bevölkerung so stark zu, dass es zu Engpässen in der Ernährung kam. Einige wohlhabende Personen legten so genannte Armengärten an, damit arme Menschen sich selbst versorgen konnten und weniger Hunger leiden mussten. Vor allem auch nach dem Zweiten Weltkrieg waren Gärten, in denen man selbst etwas gegen die Lebensmittelknappheit und den Hunger tun konnte, heiß begehrt und oft auch überlebenswichtig. Auch heute werden Schrebergärten gern zum Selbstanbau genutzt. Allerdings weniger, um dem Hunger entgegenzuwirken. Heute legen viele Menschen Wert auf bewusste Ernährung und nutzen die Chance selbst angebautes Obst und Gemüse auf den Tisch zu bringen.

Der Wellnessfaktor

Nicht alle Menschen, die sich über ihren Kleingarten freuen, haben allerdings Gartenarbeit im Sinn. Manchmal wollen sie einfach raus aus der Stadt, einfach mal ins Grüne und auf ihrem Grundstück entspannen, grillen und mit Freunden und Familie eine gute Zeit haben und der Hektik entfliehen. Ein Kurzurlaub, der nur um die Ecke liegt und für den keine weite Autofahrt und kein Flug nötig sind.

In Weikersheim gibt es wenige Gärten, die in städtischer Hand sind. Astrid Hackenbeck von der Stadt Weikersheim: „Wir haben ganz wenige Gärten (ca. fünf) und diese sind verpachtet. Rückzugsort wäre unser schöner Stadtpark und der Schlossgarten – Letzterer ist allerdings kostenpflichtig.“

In Niederstetten ist das eigentliche Gartengebiet gegenüber der Friedhofskapelle, es gibt hier Gärten in privater und in öffentlicher Hand und auch die Kirchengemeinden verpachten hier Gärten. Interessenten melden sich auf dem Rathaus und bezahlen eine eher symbolische Pachtgebühr und nur selten muss die Gemeinde von Pächtern, die ihren Garten nicht pflegen, die Fläche zurückfordern.

Stefanie Olkus-Herrmann, Stadtkämmerin von Niederstetten: „Tendenziell stellen wir fest, dass die Begeisterung und die Freude mit einem Garten – zum Jäten und Anpflanzen – die letzten 20 Jahre zurück gegangen ist. Wir sind auf dem Land und haben die grünen Flächen und Rückzugsorte immer vor Augen.“ Diese Erfahrung musste auch Bernd Bottler vom Verein der Gartenfreunde Niederstetten machen: „Wir mussten unseren Verein kürzlich auflösen, es gab einfach keinen Nachwuchs mehr und am Ende betrug das Durchschnittsalter der Vorstände 75 Jahre. Das ging nicht mehr.“

In Bad Mergentheim herrscht eine rege Nachfrage an Kleingärten. Carsten Müller, Pressesprecher der Stadt: „Die Stadt hat einige Dutzend Gärten in der Kernstadt und in den Stadtteilen, die sie verpachtet. Weitaus mehr hat der Verein ’Gartenfreunde Bad Mergentheim’. Wir haben mehr Interessenten als Gärten, die wir verpachten können. Unsere Liegenschaftsverwaltung führt deshalb eine Warteliste. Oft erreichen uns auch Anfragen von Interessenten, die einfach eine solche Fläche als Spielfläche für Kinder oder als Platz zum Grillen pachten wollen. Dies ist allerdings nicht vorgesehen, die Gärten sollen wirklich zum Gärtnern benutzt werden.“

Wie aktiv die „Gartenfreunde“ in ihren Gärten sind, musste auch unser Reporter erfahren, denn er bekam trotz mehrmaliger Anfrage keine Stellungnahme.

Der lange Weg

Vor über 20 Jahren kam Peter Lang als Spätaussiedler nach Deutschland. Mittlerweile lebt er seit vielen Jahren mit seiner Familie im eigenen Häuschen in Bad Mergentheim. Etwas hat allerdings zum Glück gefehlt.

„Wir hatten immer einen Garten, in dem wir Obst und Gemüse angebaut haben und in dem wir uns am Wochenende mit Freunden treffen konnten. Gerade die Versorgung mit selbst gezogenen Lebensmitteln war nötig, weil es oft manche Sachen nicht zu kaufen gab“, erinnert er sich an die Zeit, bevor er nach Deutschland kam.

So war es für ihn selbstverständlich auch hier nach einem Garten zu suchen. Viele Jahre stand er auf der Warteliste, bis dann endlich ein Platz frei wurde. Eine Hütte wurde gebaut, die Beete wurden neu angelegt und die Obstbäume mussten fachgerecht geschnitten werden.

„Wir nutzen das Grundstück weniger zur Entspannung, für uns ist der Anbau der eigenen Lebensmittel am wichtigsten. Von Kartoffeln bis Kohl, von Erdbeeren bis Kirschen, wir haben hier alles, was wir brauchen“, freut er sich.

Und wenn man sieht, wie er mit Frau, Kindern und manchmal auch der Oma zugange ist, wie viel Freude es ihm macht seinen Kindern zu erklären, wann was gepflanzt werden muss, wird man schnell selbst zum Fan der Schrebergärten.