Bad Mergentheim

Buchhandlung Rupprecht Bestseller-Autor Manfred Lütz präsentierte sein neues Werk / Aufzeichnung des Großonkels dienten als Grundlage

Eine wahre Story des Widerstands

Bestseller-Autor Manfred Lütz war in der Kurstadt. Mit im Gepäck: Sein neues Werk über den NS-Widerstand seines Großonkels.

Bad Mergentheim. Zu einer höchst unterhaltsamen, aber auch nachdenklichstimmenden Lesung hat die Buchhandlung Rupprecht den Psychiater, Theologen, Vatikanberater und Bestsellerautor Dr. Manfred Lütz eingeladen, der sein neuestes Buch „Als der Wagen nicht kam“ vorstellte. Neugierde weckte auf dem Schutzumschlag die Ankündigung „erst kürzlich entdeckt“. Gemeint sind die von Manfred Lütz tatsächlich schon in den 1990er Jahren entdeckten Memoiren seines Großonkels Paulus van Husen (1891-1971), den er nie persönlich kennenlernte, aber auf Umwegen beerbte. Der von Manfred Lütz sehr geschätzte Historiker Karl-Joseph Hummel wertete mehr als zehn Jahre lang die 970 Seiten mit rund 1000 Personen der Zeitgeschichte aus.

Geradezu entsetzt war Manfred Lütz über den vom Verlag zur Veröffentlichung 2010 gewählten Buchtitel „Paulus van Husen (1891 - 1971) Erinnerungen eines Juristen vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik Deutschland“. Kein Wunder, dass nach Lütz nur 800 Exemplare zu einem Liebhaberpreis von fast 100 Euro verkauft wurden. Er selbst war von den lebendig und lehrreich verfassten Erinnerungen seines Großonkels so fasziniert, dass er als Bestsellerautor seinen Hut in den Ring warf. Paulus van Husen war bisher der breiten Öffentlichkeit völlig unbekannt. So kann man großzügig darüber hinwegsehen, dass der Herder-Verlag im Hinblick auf den erhofften breiteren Leserkreis mit dem Namen von Manfred Lütz wirbt, der auf dem Schwarz-Weiß-Buchcover über dem Namen des eigentlichen Verfassers doppelt so groß platziert ist. Die als Untertitel gewählte „wahre Geschichte aus dem Widerstand“ verspricht nicht zu viel, denn Paulus van Husen gehörte zum harten Kern des Kreisauer Kreises und überlebte nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 nur durch glückliche Umstände. Er gehörte zwar nicht zum aktiven Widerstand. Doch war er Beteiligt, als konkrete Pläne für eine gesellschaftliche Neuordnung nach dem Ende der Hitler-Diktatur entwickelt wurden. Van Husen beschäftigte sich mit Rechtsfragen und der Bestrafung der Kriegsverbrecher; nach einem erfolgreichen Umsturz sollte er als Staatssekretär des Reichsministeriums fungieren. Erst spät nach dem Stauffenberg-Attentat wurde er im Oktober 1944 von der Gestapo verhaftet. Eindringlich und mit hintergründigem Humor wird das Warten bis zur Verhaftung, auf das Urteil und den drohenden Galgen geschildert, der ihm dann erspart bleibt. In der letzten Sitzung des Volksgerichtshofs, der seine Beteiligung an den Attentatsplänen nicht nachweisen konnte, wurde van Husen im April 1945 zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Kurz darauf wurde er von der Roten Armee aus dem Berliner Strafgefängnis Plötzensee befreit.

Mit seiner Textauswahl ehrte Manfred Lütz den von ihm bewunderten Juristen, der im Kaiserreich im katholischen Milieu in Münster aufwuchs, 1934 Richter am Preußischen Oberverwaltungsgericht in Berlin wurde und im Zweiten Weltkrieg als Rittmeister der Reserve im Oberkommando der Wehrmacht diente. Nach dem Krieg zählte Paulus van Husen zu den Mitbegründern der CDU und war zehn Jahre Präsident des Oberverwaltungsgerichts und des Verfassungsgerichtshofs von Nordrhein-Westfalen. Diese nüchternen Lebensdaten vermögen nicht ansatzweise sein bewegtes Leben zu schildern. Als Richter in Berlin half er bedrängten Juden und versuchte, die Beschlagnahme von klösterlichen und kirchlichen Einrichtungen zu verhindern. Eine Köpenickiade in München leistete er sich, als er im Hauptquartier der NSDAP trotz striktem Rauchverbot in einer Sitzung genüsslich zu einer Zigarette griff und damit die Nazi-Größen einschüchterte. „Auge in Auge mit Reinhard Heydrich, dem ’Schlächter von Prag’, ist das dritte Kapitel überschrieben. Von Husen schildert packend, wie er sich erfolgreich gegen einen Gesetzesentwurf wehrte, mit dem Heydrich „die Gestapomethoden formell legalisieren“ wollte.

Tyrannenmord gerechtfertigt

Manfred Lütz erzählte, dass er als Erbe den Haushalt vom tiefreligiösen Großonkel aufgelöst und selten ein Haus mit mehr Madonnendarstellungen pro Quadratmeter erlebt habe. Zu hören waren berührende Szenen nach der Verhaftung, als von Husen bei der Fahrt ins Gefängnis mit dem Rosenkranz betete und dabei seine Lippen bewegte. Der vorne sitzende SS-Mann vermutete, dass von Husen sich mit einem Mitgefangenen austauschen wollte und fuhr ihn barsch an. Doch als beim Empfang im KZ der Rosenkranz weggenommen wurde, nahm der SS-Mann den Rosenkranz und gab ihn wieder zurück.

Während Helmuth James Graf von Moltke, der Initiator des Kreisauer Kreises, tiefgläubiger Protestant war, hielt Paulus van Husen auf katholischer Seite den Kontakt etwa zu von Galen, dem Bischof von Münster, der ihm zuletzt sagte: „Ich bete auch, dass der Kopf drauf bleibt!“. Dazu von Husen lapidar: „Nach dem Ergebnis zu urteilen, hat er das Versprechen eingehalten.“ Aus den Memoiren wird ersichtlich, dass von Husen zu der Überzeugung kam, dass in einem Unrechtsregime ein Tyrannenmord zu rechtfertigen ist. Als Paulus van Husen zum letzten Mal Claus Schenk Graf von Stauffenberg sah, sagte dieser, bevor er zur Wolfsschanze aufbrach: „Es bleibt also nichts übrig, als ihn (Hitler) umzubringen.“