Bad Mergentheim

Naturschutzgruppe Vortrag über das Bienen- und Insektensterben mit Gottfried May-Stürmer

Einkaufs- und Essverhalten hat Einfluss auf die Vielfalt

Archivartikel

Bad Mergentheim.„Insektensterben – Panikmache oder Realität?“ lautete der Titel eines Vortrages von Gottfried May-Stürmer, Leiter des BUND Regionalverbandes Heilbronn-Franken, der im Kleinen Kursaal in Bad Mergentheim von der Naturschutzgruppe (NSG) Taubergrund im Rahmen ihres Jahresthemas „Artenvielfalt und Ernährung“ präsentiert wurde.

„Unser aller Verhalten, wie wir einkaufen und uns ernähren, hat Einfluss auf die Landschaft und die Artenvielfalt“, betonte der NSG-Vorsitzende Josef Gulde im Zusammenhang mit dem Jahresthema.

Erfassungen der ornithologischen Beobachtungsstation am Randecker Maar, die bereits seit 1972 unter anderem den Herbstzug der Schmetterlinge und Schwebfliegen dokumentiere, hätten zum Beispiel bei den Tagpfauenaugen einen Rückgang von 99 Prozent und bei den Kohlweißlingen um 98 Prozent gezeigt, berichtete May-Stürmer zu Beginn seines Vortrags. Zudem habe eine Studie im Rahmen eines Auwaldprojekts in Leipzig einen Rückgang bei Wildbienen und Wespen zwischen den Jahren 2002 und 2016 um 49 Prozent in der Artenzahl und um 71 Prozent in der Individuenzahl gezeigt. Zum einen seien ähnliche Trends auch in anderen Erfassungen, Studien und Untersuchungen in Deutschland erkennbar, zum zweiten handle es sich bei der Abnahme der Insektenarten ebenso um eine europaweite und sogar globale Tendenz.

Siedlungen und Verkehr

Als mögliche Ursachen nannte May-Stürmer sowohl den Flächenverbrauch für Siedlungen und Verkehr, der in Baden-Württemberg aktuell etwa vier Hektar pro Tag betrage, als auch Biotopzerschneidungen und Verinselungen, bei denen ursprünglich zusammenhängende Lebensräume durch den Bau von Siedlungen, Straßen, Bahnlinien und Staustufen sowie durch intensive Agrarnutzung zerschnitten werden. Weitere mögliche Auslöser seien unter anderem zum einen eine Überfrachtung mit Stickstoff zum Beispiel aus Mist, Gülle und Gärresten sowie mit Stickoxiden aus Straßenverkehr, Kraftwerken und Heizungen, zum zweiten das zunehmende Fehlen von blütenreichen Flächen in der Landschaft und der Umbruch von Grünlandflächen.

Gifte schädigen Tiere

Speziell problematisch seien Vergiftungen von Wild- und Honigbienen sowie anderen Insekten durch „Systemische Insektizide“. Diese gut wasserlöslichen und schwer abbaubaren Neonikotinoide führten häufig zur Schädigung des Orientierungssinns, Reduzierung des Lernvermögens, Schwächung des Immunsystems, Senkung der Fortpflanzungsfähigkeit und Verkürzung der Lebensdauer sowie bei Honigbienen zur Erhöhung der Replikation des Tödlichen DWV-Virus-Genoms um mehr als das Tausendfache. Durch Neonikotinoide beeinträchtigt seien zudem auch insektenfressende Vogelarten wie zum Beispiel Feldlerchen und Rauchschwalben.

Untersuchungen der Auswirkungen von Pestiziden auf die Artenvielfalt wirbelloser Tiere in Fließgewässern unter anderem in Deutschland hätten eine Abnahme um 42 Prozent gezeigt, wobei vor allem sensible Organismen wie etwa Köcher- und Steinfliegen sowie Libellenlarven und Steinkrebse betroffen seien. Ende April 2018 habe der zuständige Fachausschuss der EU-Mitgliedsstaaten ein Verbot der drei akut giftigsten Neonicotinoid-Insektizide Clothianidin, Imidacloprid und Thiametoxam für alle Freilandanwendungen beschlossen. Weiterhin erlaubt seien hingegen Acetamiprid und Thiacloprid.

Als Alternative zu Neonicotinoid-Insektiziden sei der Wirkstoff Flupyradifuron im Gespräch, der ähnlich wirke. In einer Studie von Wissenschaftlern der Universität Würzburg erhobene Daten hätten jedoch ergeben, dass nicht tödliche Dosen von Flupyradifuron nach einmaliger Verabreichung an sammelnde Honigbienen deren Geschmackswahrnehmung sowie das Lernen und Gedächtnis negativ beeinflussen.

Grundlage für Nahrungsketten und -netze, die Verhinderung von Massenvermehrungen durch Prädatoren und Parasitoide wie etwa Hornissen und Wespen, Humusbildung, Bodenbelüftung und Abbau organischer Stoffe durch Bodeninsekten, Selbstreinigung von Gewässern sowie die Bestäubung von Pflanzen nannte May-Stürmer als wesentliche Faktoren, weshalb Insektenarten wichtig seien.

Lebensräume sichern

Sowohl ein Programm zur Reduktion von Pestiziden, die Sicherung von Lebensräumen und Nahrung für Insekten und ein Monitoring als auch im privaten Bereich Schaffung oder Erhalt einer Vielfalt im Garten sowie Änderung des Einkaufs- und Ernährungsverhaltens seien seinen Angaben nach wichtige Maßnahmen gegen einen Rückgang der Insekten sowie Wild- und Honigbienen.

In der Veranstaltungsreihe gibt es am Mittwoch, 12. September um 17.30 Uhr im Evangelischen Gemeindezentrum in Bad Mergentheim eine Podiumsdiskussion zum Thema „Verantwortungsvoller Umgang mit Lebensmitteln“. pdw