Bad Mergentheim

Evangelisches Gemeindezentrum Interessanter Vortrag unter dem Motto „Insekten im Abwärtstrend“ mit Dr. Dieter Mahsberg von der Universität Würzburg

Erhalt der Vielfalt geht nur gemeinsam

Archivartikel

Bad Mergentheim.Sie bevölkerten die Erde lange vor dem Mensch; sie leben in Wüsten, im Hochgebirge oder im Eis; sie machen 80 bis 90 Prozent aller Tierarten: Insekten sind klein, aber mächtig.

Zu einem heute mehr denn je aktuellen, aber auch kontrovers diskutierten Thema des Insektensterbens hatte der Arbeitskreis Bienenkunde der Naturschutzgruppe Taubergrund in Kooperation mit dem „Grünen Gockel“ der evangelischen Kirchengemeinde mit Dr. Dieter Mahsberg einen kompetenten Fachreferenten der Uni Würzburg zu Gast. In einer Power-Point-Präsentation erläuterte der Kenner der Szene den zahlreichen Zuhörern die Komplexität des seit Jahrzehnten im Gange befindlichen Populationsrückgangs von Insekten wie Bienen, Schmetterlingen und Käfern.

Allein in der Bundesrepublik Deutschland werden über 27 000 Insektenarten gezählt, darunter über 9000 Fliegen- und Mückenarten, 7000 Käfer- und 3700 Schmetterlingsarten. Weltweit dürften annähernd 1,6 Millionen Tierarten, darunter eine Million Insektenarten, die wissenschaftlich beschrieben sind, existieren.

Am Beispiel des Monarchenfalters, dessen bevorzugte Lebensbereiche im Sommer die großen Seen in Nordamerika und im Winter die Hochplateaus der Sierra Nevada im Süden Mexikos sind, verdeutlichte Mahsberg den Rückgang der Schmetterlingsvielfalt.

Etwa 3700 Arten von Faltern oder Schmetterlingen gibt es in Deutschland. Doch die Vielfalt schwindet. Seit 1840 ist ein Rückgang von nahezu 40 Prozent zu beobachten. So seien mittlerweile 400 Spezies nicht mehr nachweisbar.

Der Hauptgrund hierfür dürfte die Intensivierung der Landnutzung sein. Besonders die Spezialisten unter den Faltern finden nicht mehr die lebensnotwendigen Pflanzen, um sich fortzuentwickeln. Der in diesem Zusammenhang zu beobachtende Verlust der genetischen Vielfalt sei ein weiteres hochkomplexes Problem. Die genetische Vielfalt sei, so der Referent, Voraussetzung für die Anpassungsfähigkeit von Pflanzen und Tieren an veränderte Lebensraumbedingungen, Umwelteinflüsse und Krankheiten. Sie sei daher für einzelne Populationen und die gesamte Art überlebenswichtig. Nur hohe genetische Vielfalt und deren flexible Reaktionsmöglichkeiten seien Garanten für die Funktions- und Leistungsfähigkeit ganzer Ökosysteme, so der Wissenschaftler.

Die drastischen Bestandseinbrüche, die sich über 27 Jahre mit Standard-Flugfallen für geflügelte Insekten nachweisen ließen, müssten als real bezeichnet werden. So seien laut einer Studie mit Unterstützung von ehrenamtlichen Insektenkundlern des Entomologenvereins Krefeld bei Erhebungen in 63 deutschen Schutzgebieten zwischen 1989 und 2016 Rückgänge von 76 Prozent (im Hochsommer bis zu 82 Prozent) der Fluginsekten-Biomasse festgestellt worden. Die Verluste beträfen offenbar die meisten Arten von Schmetterlingen, Bienen und Wespen bis zu Motten und anderen flugfähigen Arten, die praktisch ausnahmslos als Bestäuber von Wild- und Nutzpflanzen oder zumindest als Beutetiere für Vögel wichtig seien.

Von Bestäubung abhängig

Etwa 80 Prozent der Wildpflanzen seien abhängig von Insektenbestäubung und 60 Prozent der Vögel in der heimischen Natur ernährten sich hauptsächlich von Insekten. Wer bestäubt die Bäume, wenn die Bienen verschwunden sind? Klar sei, dass ohne Bienen die Menschheit ihre Ernährungsgewohnheiten drastisch umstellen müsste. Denn Äpfel, Orangen und Nüsse würden ohne die fleißigen Bestäuber rar werden, ihre Preise in die Höhe schnellen. Bemerkenswert seien Untersuchungen, die zeigten, dass Wildbienen gegenüber den Honigbienen effektiver sind. So sei bei Bestäubungen durch Honigbienen der Fruchtansatz geringer, als wenn Wildbienen und andere Insekten die Pollen von Blüte zu Blüte tragen. Hierzu zeigte eine Studie aus den USA (Illinois), dass in den letzten 120 Jahren die Hälfte der wilden Bienenarten nicht mehr lebten und die Bestäubungsrate auf ein Viertel gesunken sei. Ebenso habe die Qualität der Bestäubung drastisch abgenommen.

Der ökonomische Wert der Bestäubung liege bei über 350 Milliarden Euro weltweit. Honigbienen in Deutschland hätten hieran einen Anteil von rund zwei Milliarden Euro, weltweit belaufe sich der Honigbienenanteil auf rund 70 Milliarden US-Dollar. Müsste die Bestäubung durch menschliche Handarbeit ersetzt werden, wären die Kosten deutlich höher.

Um dem dramatischen Populationsrückgang von Insekten wirksam entgegenzuwirken, sollte jeder Einzelne seinen Anteil dazu beitragen. Artenreiche Blühwiesen könnten die Biodiversität in Nutz- und Ziergärten steigern. Nicht nur Monokulturen, sondern Artenvielfalt sollten zugelassen werden. Der Einsatz von Rasenmähern, Laubsaugern und Mulchgeräten sei zu reduzieren. Öffentliche und private Beleuchtungen müssten verringert werden. Eine Schätzung der Uni Mainz ergab, dass an rund 6,8 Millionen Straßenlaternen täglich eine Milliarde Insekten verendeten. Abgesehen davon müsse der immer mehr zunehmende Verstädterung Einhalt geboten werden. Da in Ökosystemen sich die Lebewesen als Produzenten, Konsumenten und Destruenten ergänzten, hätte eine Unterbrechung dieser Kette, so der Würzburger Wissenschaftler, dramatische Folgen. Produzenten (Erzeuger) seien Pflanzen, Konsumenten (Verbraucher) Menschen und Tiere und Destruenten (Zersetzer) Bakterien, Pilze und Kleintiere, die die toten organischen Rückstände aufarbeiteten und dem Nährstoffkreislauf des Ökosystems wieder zur Verfügung stellten. Nur so könne die Natur und letztendlich auch der Mensch dauerhaft überleben. Als Duplizität der Ereignisse bereicherte zudem das vor wenigen Tagen vom Europarlament beschlossene Verbot, die Nutzung von drei umstrittenen bienenschädlichen Neonicotinoide (Insektizide) in der Landwirtschaft zu untersagen, die Veranstaltung. Renommierten Neurobiologen gehe das nicht weit genug. Sie forderten ein Verbot aller Neonicotinoide, da sie durch das Grund- und Oberflächenwasser transportiert würden und somit auch für alle Nichtwirbeltiere, die im Wasser und im Boden lebten, schädlich seien. Dies bedeute, dass Neonicotinoide nicht nur auf den Bereich begrenzt seien, in dem sie ausgebracht würden.

Laut einer Aussage der neuen Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner habe sich Deutschland bei der anstehenden EU-Abstimmung auf ein Komplettverbot von Neonicotinoiden im Freiland verständigt.