Bad Mergentheim

Archivalie des Monats 1856 erhält der Glasergeselle Michael Eschenbach den Meister-Brief / Auch das Prüfungsprotokoll ist im Stadtarchiv vorhanden

Früher Tod statt Betrieb und Familie

Archivartikel

Die Archivalie des Monats ist diesmal der Meisterbrief des Glasergesellen Michael Eschenbach aus dem Jahr 1856.

Bad Mergentheim. Das war bestimmt der Höhepunkt seiner beruflichen Karriere, als er, der Glasergeselle aus Mergentheim, Ende Mai 1856 vom württembergischen Königlichen Oberamt den großformatigen Meister-Brief, mit den Unterschriften des Obmanns der Zunft, der Vorsteher der Zunft und des Vertreters des Königlichen Oberamts, in seinen Händen hielt, auf dem ihm bescheinigt wurde, dass er, „der gelernte Michael Eschenbach sich über seine persönliche Befähigung zu selbstständiger Ausübung des Glaserhandwerks genügend ausgewiesen und auf die durch das Gesetz vorgeschriebene Weise das Meisterrecht bei der Glaser-Zunft erlangt hat“.

Der Schriftsteller Thomas Mann hätte bei einer derartigen Einleitung eines Romans sicherlich Anlass genug gehabt festzustellen: „Ich überlese die vorstehenden Zeilen und kann nicht umhin, ihnen eine gewisse Unruhe und Beschwertheit des Atemzuges anzumerken“ (wie am Anfang seines Romans „Doktor Faustus“ tatsächlich ausdrücklich erwähnt). Und in der Tat. Eine gewisse Unruhe, aber sicherlich eine befreiende Unbeschwertheit mag Michael Eschenbach, der am 27. Juni 1825 in Mergentheim geboren wurde und dessen Vater Matthäus Eschenbach Glasermeister war, tatsächlich in sich verspürt haben, als er den zünftig und obrigkeitsstaatlich legitimierten Meister-Brief endlich in Händen hielt, nachdem er 1845 als 19-Jähriger auf Handwerksburschen-Wanderschaft aufgebrochen war und in verschiedenen Betrieben gearbeitet hat. Jetzt, als 30-Jähriger, hatte er endlich den Meisterbrief in der Tasche und damit einen Freibrief dafür, sich selbstständig zu machen und ein eigenes Geschäft zu eröffnen. Aber es kam anders.

Seine Meisterprüfung hat er mit einigen Abstrichen vor den Argusaugen der „zünftigen Glieder der Prüfungscomission“ der Glaser- und Schreinerzunft ganz gut über die Bühne gebracht. Im praktischen Teil hatte er natürlich zu beweisen, dass er als zukünftiger Glasermeister imstande ist, zum Beispiel ein vierflügeliges Fenster mit Sprossen (1,25 Meter hoch und einen viertel Meter breit) tadellos herzustellen. Für die Prüfungsarbeit hatte ihm der Handwerksmeister Sebastian Mittnacht seine Werkstatt zur Verfügung gestellt.

Nach getaner Prüfungs-Arbeit wurde dem Gesellen Eschenbach von den gestandenen Meistern eine gelungene Arbeit bescheinigt. Allerdings wäre in dem Verlöten eines Scheibenstücks „eine gewisse pünktlichere Behandlung des Geschäftes erwünscht“ gewesen.

Dann kam die mündliche Prüfung, die auch nicht ganz ohne Kritik verlief. Zwar konnte der Geselle aufzählen, welches Handwerkszeug eine Glaserwerkstatt benötigt. Auch wusste er, dass man aus Stockkreide und Leinöl einen guten Kitt herstellen kann. Aber bei der heiklen Frage, wie denn ein ovales Fenster genau zu entwerfen und zu konstruieren sei, blieb er doch einen Teil der Antwort schuldig. Insgesamt hatte er zwölf Fragen, die sein Handwerk betrafen, zu beantworten und drei Gulden für den Prüfungsaufwand zu zahlen.

Schließlich kamen die „zünftigen Glieder der Prüfungscomission“ zu dem Ergebnis, dem Oberamt Mergentheim zu empfehlen, dem Meisterrechts-Bewerber Michael Eschenbach den Meister-Titel zu verleihen. Nun war die Bahn frei gemacht für einen eigenen Betrieb. Aber, wie gesagt, es kam anders. Ein Jahr später, im März 1857, zieht Eschenbach nach Aschaffenburg und arbeitet beim Schreinermeister Jakob Heim. Er verlobt sich und stirbt mit nur 33 Jahren am 14. Januar 1859.

Bleibt abschließend noch zu fragen: Woher wissen wir das alles? Die Antwort ist ganz einfach. Stadtarchivarin Schmidt hat nicht nur den Meister-Brief des Glasergesellen Michael Eschenbach im Original mit Datum 30. Mai 1856 im Stadtarchiv entdeckt, sondern auch das dazugehörige Protokoll der Prüfungskommission der Handwerkszunft.

Zudem besitzt sie eine Nachlassakte, die nach dem frühen Tod des Handwerksmeisters angefertigt wurde.

Ihm war es nicht vergönnt, einen eigenen Betrieb aufzubauen und eine eigene Familie zu gründen.