Bad Mergentheim

Stadtmuseum am Gänsturm Ausstellung „Barbie – die Puppe“ eröffnet / Kult und Kulturgeschichte zugleich / Bis 26. August

Großer Bahnhof für 120 Modepuppen

Archivartikel

„Fast schon ein Mädelsabend“ war die Vernissage zur neuen Ausstellung „Barbie – die Puppe“ im Stadtmuseum am Weikersheimer Gänsturm. Doch auch für Männer ist sie interessant.

Weikersheim. Christel Nowak, Leiterin des Stadtmuseums im und am Gänsturm, empfing die überwiegend weiblichen Vernissage-Gäste am Donnerstag mit heiterer Selbstironie: „Willkommen zum Mädelsabend!“ Doch nein: es ist keineswegs nur die Damenwelt, die sich für die heiß geliebte und viel geschmähte Barbie-Puppe interessiert. Auch Weikersheims Bürgermeister Klaus Kornberger und gut ein halbes Dutzend Vertreter des starken Geschlechts gaben dem Püpperl von Welt die Ehre. Aus gutem Grund: Barbie ist ein Spielzeugklassiker, seit sechs Jahrzehnten Kult in Mädchenzimmern und nebenbei auch Zeitzeugin nicht nur der Mode-, sondern auch der Kulturgeschichte.

Eine Menge Wissen hat Christel Nowak über die Barbie zusammengetragen; eine Menge Barbies ergatterte im Lauf der Jahre die passionierte Sammlerin Katharina Engels fürs Rothenburger Spielzeugmuseum. 2014 schloss das von ihr drei Jahrzehnte lang geführte Privatmuseum, das die Augen von über zwei Millionen Besuchern zum Leuchten gebracht hatte. Es waren Besucher, die auch für Barbie einen Platz im Spielzeugmuseum forderten. Katharina Engels ging systematisch vor und gewährte zuerst der „Bild Lilli“-Puppe einen Vitrinenplatz.

Mit „Bild-Lilli“ fing alles an

Auch jetzt im Weikersheimer Stadtmuseum am Gänsturm führt „Bild Lilli“ den Barbie-Reigen an, bei dem sich rund 120 Barbies und Kens, Skippers und Francies ein dank des Schutzes hinter Vitrinenglas unbeschwert glamouröses und internationales Stelldichein geben. Christel Nowak stellte auch zur Zufriedenheit der Sammlerin und Leihgeberin Katharina Engels die seit fast sechs Jahrzehnten vielgestaltig-dauerjungen Barbies vor. Beginnend eben mit „Bild-Lilli“, der direktesten langbeinigen Barbie-Vorläuferin.

„Lilli“, die 1952 als Lückenfüllerin für die erste „Bild“-Zeitung gedachte, in schwarz-weißem Comic-Strich gestaltete Schöpfung des Karikaturisten Reinhard Beuthien, vereint schon vieles, das später als Barbie Kinder, Erwachsene und natürlich auch Barbies Freund Ken begeisterte. Bild-Lilli erblickte als Puppe 1955 das Licht der Welt. Irgendwann gelang ihr der Spagat zwischen Job und Chic, Selbstbewusstsein und Weibchen-Spiel, Anpassung an vermeintliche Männerwünsche und einer zumindest ansatzweisen Selbstverwirklichung. Dennoch: Feministinnen knirschen angesichts auto-sexistischer Lilli-Sprüche – Christel Nowak hat einen ganzen Ordner zusammengetragen und etliche für die Ausstellung groß reproduzieren lassen – bis heute mit den Zähnen. Bekannt war „Lilli“ natürlich schnell im „Bild“-Land Deutschland. Berühmt, ja Weltstar und heute im Schnitt siebenfache Mädchenzimmer-Mitbewohnerin wurde ihre jüngere Kollegin Barbie im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Die amerikanische Europareisende Ruth Handler, Mitgründerin der Firma Mattel, entdeckte „Lilli“ beim Schaufensterbummel. Sie „adoptierte“ Lilli in die Neue Welt. Nicht nur ihr Töchterlein freute sich über die Mannequin-Puppe. Und so erblickte Barbie bei Mattel als jüngere Halb- oder Adoptivschwester von Lilli 1959 das Licht der Welt.

Nach Deutschland kam sie erst fünf Jahre später, da allerdings nicht mehr allein: Bereits 1961 hatte der US-Spielzeughersteller seiner Barbie Verehrer Ken an die Seite gestellt. Kein Wunder, dass der sie schon damals anhimmelte: Barbie stand in den Startlöchern für eine Traumkarriere als immer perfekt auftretende Alles-Frau. Topmodisch ist die Spielzeug-, Anzieh-, Mode-, Sammler- und Designerpuppe vom ersten Tag an, sportlich trotz Stöckelschuh; magersuchtschlank in der Taille, in Sachen Ober- und Hüftweite mit vorgeblich perfektem Traummaß ausgestattet, dabei stets absolut perfekt geschminkt, frisiert, gelackt vom Finger- bis zum Zehennagel.

Immer auf Erfolgsspur

Erfolge fährt sie auch beruflich ein. Mein Haus, mein Auto, mein Boot? Barbie hat das alles und noch viel mehr . Sie ist im Cabrio auf Tour, zum Eigenheim gehört der Pool, natürlich ist die Ausstattung viel mehr als nur perfekt komplett. Ein ganzes Schloss steht zur Verfügung. Kein Wunder also, dass allererste Häuser sie anziehen. Giorgio Armani und Bob Mackie entwarfen Roben für die kleine Queen of Dolls, die nicht anstand, sich an Hollywood-Größen zu orientieren; Stars wie Liz Taylor als Cleopatra, Scarlett o’Hara in ihrer Rolle in „Vom Winde verweht“ oder Audrey Hepburn in „My fair Lady“ kopierte Barbie nicht einfach, sondern sie setzte ihnen sozusagen ein Denkmal in der Puppenwelt. Kaum eine Stilikone oder Kultfigur, an der Barbie vorbeigegangen wäre im Lauf der beinah sechs Jahrzehnte: Sie grüßt liebe- und hoheitsvoll als Sissi und hält als Kate elegant Händchen mit Prinz William.

Ihre Internationalität belegen die Länderpuppen. Ob „Klompen“ oder Kimono: Barbie kann alles tragen, macht in weltweit jedem Nationaltrachten-Outfit gute Figur. Barbie brachte nicht nur den Glamour aller Traumfabriken in die Kinderzimmer, sondern bewährte sich durch die Jahrzehnte als Muse für Modefans wie für -designer, als Herausforderung für Architekten wie für Regisseure – und ist als eine der bekanntesten Puppen seit beinah sechs Jahrzehnten ein absolut museumstauglicher Klassiker weit über die Spielzeugkiste hinaus. Da wird sie immer noch von Mädchen und Müttern bestrickt, umhäkelt und mit eigenen Nähkreationen versorgt – und da nimmt sie seit Neuestem auch feminismustaugliche Vorbildfunktion ein: Als Pilotin und Frauenrechtlerin Amelia Earhart oder Nasa-Physikerin Katherine Johnson öffnen die zum diesjährigen Frauentag in den Handel gekommenen aktuellen Barbies Türen zu alles andere als stereotypisch „weiblichen“ Arbeitswelten.