Bad Mergentheim

Museumskonzert Quartett „Flauti virtuosi“ im Roten Saal

Hinreißend und anmutig

Bad Mergentheim.Zumindest für die heute über Fünfzigjährigen gehört der Klang der Blockflöte zu den kollektiven Kindheitserinnerungen: Als mehr oder weniger geliebtes und manchmal auch gehasstes Instrument war sie gleichwohl – solo und häufiger noch im Chor – unentbehrlicher Bestandteil aller Vorweihnachtskonzerte, zumal wenn sie von Schulen veranstaltet wurden.

Mit ihr lernten Unzählige, vor allem auch weniger Begabte, freiwillig oder gezwungen die Anfangsgründe des Musizierens. Die Schlichtheit, Anspruchslosigkeit und auch Unvollkommenheit des Vortrags wirkte oft rührend.

Dass es auch anders geht und welches virtuose und künstlerische Potenzial in einem scheinbar so anspruchslosen Instrument verborgen ist, demonstrierten beim jüngsten Museumskonzert im Deutschordensschloss zwei international renommierte Könner ihres Fachs in Person von Andrea Ritter und Daniel Koschitzky, seit zwanzig Jahren zusammen musizierend und bei den einschlägigen Wettbewerben mit ersten Preisen ausgezeichnet, als Interpreten innovativ sowohl im Bereich der zeitgenössischen Musik wie auch in der Alten Musik wie der barocken Flötentradition in historischer Aufführungspraxis.

Begeistert gefeiert

Bei ihrem begeistert gefeierten Auftritt im recht gut besuchten Roten Saal präsentierten sich Andrea Ritter und Daniel Koschitzki zusammen mit ihren Partnern, dem Cembalisten Ricardo Magnus und dem Cellisten Johannes Berger als Quartett mit Werken barocker Komponisten des 17. und 18. Jahrhunderts.

Mit Suiten und Sonaten bekannter Namen wie Bach, Telemann, Pachelbel oder Vivaldi und – wenigstens hierzulande – weniger bekannter wie Diagenio Bigaglia (1670-1745), einem italienischen Komponisten, dessen Triosonaten für zwei Flöten und Basso continuo heute zum Standardrepertoire gehören, dem Flötisten Jacuues Martin Hotteterre (1674-1763), zu seiner Zeit eine vielbewunderte Koryphäe der Epoche Ludwigs XV., oder seinem Landsmann, dem auch Organisten und Cembalisten Jacques Duphly (1715-1789), mit dessen Werk der junge Mozart bei seinen Pariser Aufenthalten in Berührung kam.

Dazwischen waren sich die Musiker auch nicht zu schade, ausführliche Erläuterungen zu Person, Werk und historischem Kontext zu liefern, auch die eine oder andere zu den hier verwendeten Instrumenten. Etwa dass der Kammer- oder Ausgangston in der barocken Spielpraxis mit 415 Hz einen ganzen Halbton tiefer liegt als bei der heute üblichen Stimmung – und dass der Klang der Blockflöte (bei diesem Konzert kamen neben den Standardtypen Alt- und Sopran auch noch eine Tenorblockflöte und Instrumente in dazwischen liegenden Stimmlagen zum Einsatz) auch von der Art der bei ihrem Bau verwendeten hellen oder dunklen Hölzer geprägt wird und mit der Zeit (leider anders als bei Streichinstrumenten) nicht besser sondern schlechter wird.

Betörend schön

Zurück zum Konzert: „Barocke Pracht“ lautete sein Motto, und prachtvoll, dazu fesselnd und nicht zuletzt betörend schön war in der Tat, wie dieses außergwöhnliche Ensemble eine historische Epoche in ihren verschiedenen Facetten lebendig zu machen verstand, wie Ritter und Koschitzki mal duettierend mal solo die Virtuosität und klangliche Bandbreite ihrer Instrumente ausloteten, die filigrane „Kunst des Verzierens“ beispielsweise in einer Sonate von Hotteterre, die emotionale Wärme, Tiefe und Ausdrucksfülle in (der ursprünglich für Traversflöte gesetzten) Triosonate BWV 1039 von Johann Sebastian Bach, sicher einer der Höhepunkte dieses Konzerts, oder nach der Pause den hinreißenden Farbenreichtum der zwei Altblockflöten in einer viersätzigen Sonate von Antonio Vivaldi.

Beide glänzten auch als Solisten, letzterer in einer pfiffigen sechssätzigen Suite von Charles Dieupart (1670-1740), worin eine spezielle Vibratotechnik demonstriert wurde, zuvor Andrea Ritter mit herrlich leuchtendem, empfindsamem Sopranton in einer Sonate von Diogenio Bigaglia.

Auch ihre zwei Kollegen, Cellist Johannes Berger und Cembalist Ricardo Magnus durften an diesem Abend solo ihren Stern enthüllen, Berger mit einem (in Abänderung des Programms) ausdruckstarken, sprachmächtigen Ricercar von Domenico Gabrielli, Magnus mit einem anmutigen und eingängigen Rondo von Jacques Duphly, das aus einem Abstand von 250 Jahren erstaunlich zeitgemäß anmutete. Dasselbe galt auch für das unterhaltsame Finale, wo sich das Ensemble nochmals zu einer Triosonate von Telemann zusammenfand, in der mit mildem Spott eine Reihe von Frauen porträtiert wurden.

Für den lange anhaltenden, überaus herzlichen Beifall im Roten Saal bedankte sich das Quartett „I flauti virtuosi“ noch mit einer besonderen Kostbarkeit, einem Arrangement der berühmten Arie: „Laschia ch’io planga“ aus Georg Friedrich Händels Erfolgsoper „Rinaldo“.