Bad Mergentheim

Selbsthilfegruppe für Angehörige von Demenzkranken Seit Januar 2004 ist die Gruppe aktiv / Wie damit umgehen?

Honig im Kopf, aber die Gefühle sind da

Es ist eine offene Gruppe, die sich stets einmal im Monat trifft. Nicht die Demenzerkrankten selbst kommen, sondern deren Angehörige. Die Teilnehmerzahl orientiert sich „am Bedarf“.

Bad Mergentheim. Der Film „Honig im Kopf“ machte auf das Problem aufmerksam, und Dieter Hallervorden gelang es, das Thema „Demenz“ und „Alzheimer“ in die öffentliche Diskussion zu bringen. Ohne erhobenen Zeigefinger, aber trotz allen Humors mit dem gebotenen Ernst, denn an Demenz beziehungsweise Alzheimer leiden viele Menschen – und mit ihnen ihre Angehörigen.

Seit 2004 gibt es die Selbsthilfegruppe für Angehörige Demenzkranker; sie trifft sich jeweils am letzten Dienstag des Monats im evangelischen Gemeindezentrum in Bad Mergentheim. Die Mitgliederzahl variiert, es sind zwischen fünf und zehn Personen, die regelmäßig dabei sind. Die Gruppenleiterin Dr. Angela Weiß hat langjährige Erfahrung und weiß, wovon sie spricht, denn ihre Mutter war auch an Demenz erkrankt. „Ich bin aus persönlicher Betroffenheit tätig geworden und habe diese Selbsthilfegruppe gegründet.“ Überdies: „Demenz ist ein Oberbegriff mit großer Bandbreite, die meisten Gruppenteilnehmer haben Angehörige, die an Alzheimer leiden.“ Ihr selbst ging es wie so vielen: „Die Menschen sind betroffen, denn es trifft Ehepartner, die Mutter, den Vater, den Bruder oder die Schwester gleichermaßen. Und man ist unvorbereitet.“

Die Angehörigen stehen dann vor der Frage, „wie sie mit den Erkrankten und damit mit der Demenz umgehen sollen.“ Das ist in der Tat eine bedeutende Frage, denn „man macht viel falsch, ohne es zu wollen“. Da ist es gut, Erfahrungen zu teilen und sich austauschen zu können. Schließlich hat die Demenz zur Folge, „dass die Ratio vergeht, die Gefühle aber weiterhin da sind“. Der Umgang mit Erkrankten ist oftmals schwierig, denn die Demenz beginnt langsam – erst sind es nur Minuten, die die Erkrankten „weg“ sind, dann werden diese Phasen immer länger. Was eben noch ein normales Gespräch war, gleitet ab – die Erkrankten können nicht mehr folgen, und sie reden vermeintlichen Unsinn. „Das Gedächtnis ist das Problem.“ Die Ratio ist weg, und unvorbereitete, überraschte Angehörige reagieren dann häufig falsch.

Richtigstellungen und Erklärungen helfen aber nicht, denn sie können ja vom Erkrankten nicht angenommen werden – für Angehörige eine schwierige Situation. Dennoch ist sie nicht ausweglos, denn „Demenzkranke bemerken durchaus, wenn auf sie zugegangen wird“, sagt Weiß.

Der Schlüssel dabei ist das „wie“ – und das wiederum ist individuell verschieden. Hilfreich sind „Rituale“ – gerade, „weil die Gefühle ja nach wie vor da sind und auch empfangen werden“.

Den richtigen Umgang mit den Patienten und damit der Erkrankung müsse und könne man lernen, und dabei helfe der Austausch und die Erfahrungen anderer Angehörigen. Klar aber ist: „Jeder Fall ist individuell, alle haben ihre eigene Lebensgeschichte. Und die spielt eine große Rolle.“

Bei den Treffen im evangelischen Gemeindehaus in der Härterichstraße moderiert Dr. Weiß, besprochen und ausgetauscht werden dabei Hinweise und Tipps von den Teilnehmern, die – auch das ist individuell – mehr oder weniger Erfahrung haben. „Die Gruppe ist interaktiv, und wir laden auch Referenten ein, die zu speziellen Fragen Informationen geben.“

Beim jährlichen Adventstreffen „sind auch die erkrankten Angehörigen mit dabei“. Die Betreuung und Pflege Demenzkranker ist „eine Rund-um-die-Uhr-Aufgabe“, sagt Dr. Weiß, und viele fühlen sich deshalb überfordert. „Gerade bei Ehepartnern gibt es häufig ein schlechtes Gewissen. Der Zuspruch in der Gruppe hilft, die Situation anzunehmen und aktiv werden zu können.“

Ein wichtiger Punkt bei den Gruppentreffen ist auch der Hinweis auf und die jeweilige Erfahrung mit Pflegeeinrichtungen, denn vielfach stellt sich die Frage nach einer Heimunterbringung. „Wer vor einer solchen Entscheidung steht, braucht Zuspruch und Stärkung“, sagt Dr. Weiß. Schließlich müssen oder mussten sich auch Gruppenmitglieder mit diesem Problem beschäftigen, „und das macht sich niemand leicht“. Aber angesichts der heute vielfach weit verzweigt lebenden Familien können der Ehemann oder die Ehefrau die Pflege oftmals nicht mehr alleine bewältigen – und die Kinder „leben weit entfernt“, können also auch nicht täglich eingreifen.

Ganz wichtig ist die Diskretion: „Was wir in der Gruppe besprechen, bleibt auch in der Gruppe“, betont Dr. Weiß. Das sei unerlässlich, „auch wegen des nötigen Vertrauens“. Ihr selbst „macht es Freude, Menschen zu helfen“. Zudem sei es „schlichtweg nötig“, und der offene Ansatz der Gruppenarbeit „ist mir ebenfalls wichtig. Es gefällt mir, weil wir im Ehrenamt alle frei agieren können.“