Bad Mergentheim

Land und Leute Susy und Michael Tholey sind begeisterte Besucher von Fantasy-Festivals in den Niederlanden / Selbstgeschneiderte Kreationen

Im Fantasykostüm direkt ins Feenland

Archivartikel

Ihr Keller gehört Fantasy-Kostümen, Accessoires und aberwitzigen Hutkreationen: Die vielfältigsten Outfits für „Andersweltbewohner“ aller Art sind Susy und Michael Tholeys ganzer Stolz.

Bad Mergentheim. Naturgeister und Fabelwesen geben sich im Kostümschrank ein heiteres Stelldichein mit Pirat, Schrat, Elfe, Engel, Phönix. Derzeit in Arbeit: ein Einhornoutfit, in dem Susy Tholey ins „Kingdom Elfia“ eintauchen könnte wie ein Fisch ins Wasser. „Elfia“ ist eins der „verrückten“ holländischen Fantasy-Festivals, an die das Mergentheimer Ehepaar sein Herz verloren hat.

Susy Tholey stammt aus Birkenfeld an der Nahe, Michael Tholey wuchs auf am östlichen Schwarzwaldrand bei Villingen-Schwenningen. Beide haben mehrere Berufe erlernt. Susy Tholey hat nach ihrer Ausbildung zur Friseurin eine zweite als Kosmetikerin absolviert und dann in der Schweiz noch eine Ausbildung zur Heilpraktikerin drangehängt.

Nach gut einem Jahrzehnt der Arbeit in Schönheitsfarmen im In- und Ausland – unter anderem in Mallorca, Österreich und der Schweiz – erfüllte sie sich 1997 in Bad Mergentheim den Traum, mit der „Laguna Verde“ eine eigene Schönheitsfarm zu eröffnen.

„Da muss ich hin!“

Michael Tholey studierte einige Semester Fahrzeugtechnik, arbeitete als Reiseverkehrskaufmann und Unternehmensberater und entwickelte sich als Quereinsteiger zum gefragten IT-Spezialisten.

Auf Fantasy-Festivals stieß Michael Tholey 2008 nach einem Konzertbesuch: eine Band begeisterte ihn so, dass er im Internet recherchierte. Einer der Beiträge führte zum „Castlefest“ auf dem Keukenhof bei Lisse in den Niederlanden. Das Video zeigte viel sehr ungewöhnlich gekleidete fröhliche Menschen aller Altersgruppen; zu hören war unter anderem mitreißende keltisch angehauchte Musik. Für ihn war sofort klar: „Da muss ich hin!“. Und seine Partnerin wusste: „Da komm’ ich mit!“. Die erste Begegnung auf dem Keukenhof: zwei Vampirdamen in viktorianischen Gewändern, aus denen in der Bauchregion halbe Kanonenkugeln hervorstanden.

Filmreife Ideen

Wow! „Wie kommt man auf derart filmreife Ideen?“, fragten sich die Tholeys. Je tiefer sie ins Keukenhofer Castlefest hineingerieten, desto faszinierter waren sie vom Geschehen. Sang und Klang unterschiedlichster Stilrichtungen rundum, dazu Spiel, Stände, Feuerzauber; rund ein Drittel der Festivalgäste nur leicht maskiert, ein Drittel in Kostümen, die direkt aus Requisitenräumen zu stammen schienen, ein weiteres Drittel irgendwo dazwischen. „Und alle kamen blendend miteinander aus“, berichtet Susy Tholey. Ihr Mann ergänzt: „Da wurde keiner belächelt, weder der Zweizentner-Mann im Batman-Kostüm noch der vollbärtige Holzhacker-Typ im Tinker Bell-Gewand der Disney-Fee, weder ein mit Efeu- und Blumenranken geschmückter Elb mit Rollator noch das sprichwörtliche alte Mütterlein mit Elfenflügeln.“

Vorbehaltlose Akzeptanz

Eine derart vorbehaltlose und heitere gegenseitige Akzeptanz von jung und alt, hübsch und hässlich, Einzelgängern und kompletten Familien, die selbst Hund und Katze im Themenkostüm mitführten, hatten die beiden Wahl-Mergentheimer noch nirgendwo je erlebt. Dass sich die Veranstalter nicht nur für den perfekten Bühnensound, sondern auch fürs Kinderprogramm ins Zeug legten, dass allenthalben zwischen Zelten, Ständen, Bühnen Jongleure, Magier, Spielleute, Ritter und Masken aller Zeiten, Orte und Welten ihre Künste zeigten und zu Gehör brachten, sorgte dafür, dass für das Paar, das sogar seine Trauringe auf einem Festival entdeckte, fortan kein Weg mehr an weiteren Festivalbesuchen vorbeiführte. Sie schwärmen von der Offenheit der niederländischen Fantasy-Festival-Szene.

„Mix & Match“

Anders als in Deutschland. Hier treten Akteure meist zum Mittelalterfest möglichst detailgetreu gewandet auf, die Gothic-Szene bleibt mehr oder weniger ebenso stilistisch pur unter sich wie Cosplay-Fans, Avatar-Darsteller oder die Fans von Western-Treffen. Bei den niederländischen Festivals gehört das „Mix&Match“ fest zum Programm: Da groovt ein Manga-Sternchen mit Mr. Spock oder Klingonen, da misst sich Robin Hood mit Peter Pan, da tänzelt Rotkäppchen ganz heiter mit Dracula von Stand zu Stand, da ist ein jeder ganz genau das, was er gerade sein mag.

Beim Keukenhof-Castlefest oder im „Kingdom Elfia“, das im April in Haarzuilens bei Utrecht, im September in Arcen nahe Venlo ausgerufen wird, sind sie alle anzutreffen, mögen sie nun der Märchen-, SciFi-, Gothic-, Comic-, Mittelalter-, Western- oder Mangawelt entspringen. „Das ist Fantasy in buntester Form, man ist, was man sein will, kindlich unbeschwert. Bessere Auszeiten gibt’s einfach nicht“, schwärmt Susy Tholey.

Friedfertige Gestalten

Selbst die Hotels in Festival-Nähe haben sich auf die skurrilen Gäste eingestellt, liefern extra alte Handtücher, so dass sich keiner beim Abschminken Sorgen um teure Hotelware machen muss. Man ist darauf eingestellt, beim Frühstücksbuffet auf nur halb geschminkte Elfen oder Menschen in rasselnden Kettenkostümen zu treffen.

Ihre phantasievollen Kostüme – die meisten stellen recht naturverbundene, oft elfen- und faunhafte, friedfertige Gestalten dar – entstehen überwiegend im Winterhalbjahr.

Bei Susy Tholey entwickelt sich die Idee für die Figur aus dem Gewand aus. Sie ist natürlich auch die Spezialistin für die Maske. Bei ihrem Mann steht der Zylinder als Basis im Mittelpunkt. Auf einem sprießt aus romantischer Blütenpracht ein Geißengehörn, auf einem mit Birkenrinde Ummantelten thront ein Eichhörnchen.

Auch künstliche Schmetterlinge, Schneckenhäuser, Ziergefieder und schon mal ein komplettes Vogelnestchen finden auf seinen Zylindern mobile Wohnstatt. Michael Tholey hat eigens einen Nähkurs gemacht, damit aus pfiffigen Ideen tragbare Mantel-, Jacken- und Überwurfkreationen entstehen.

Immer neue Inspiration

Susy Tholey findet auf jedem Festival frische Inspirationen. Dann werden Figuren neu interpretiert, Kostüme umgearbeitet oder komplett entworfen.

Mit viel Vergnügen ergänzt sie Details wie etwa die Vogelfeder-Wimpern, die als i-Tüpfelchen Vogelkostüm samt Paradiesvogel-Makeup komplettieren.

Trotz des großen Aufwands sind sie auf den Festivals nach eigener Auffassung immer noch eher „Anfänger – allenfalls Mittelfeld.“ Doch das macht ihnen nichts. Was für sie zählt, ist die Freude. Authentisch müssen die Kostüme schließlich nicht sein, sondern phantastisch. Und das sind sie.