Bad Mergentheim

Leserbrief Zur Bewerbung um die Landesgartenschau und zur Bausatzung

Kostspielige Prestige-Projekte

Wer eine Stadt in Muße betrachten will, braucht Platz. Der wird in einer möblierten Umgebung dividiert. Das beginnt mit Plakatständern, Wühltischen, Klamottengestänge, Imbisswagen, von Blechlindwürmern parkender Autos und dem, paradox gesagt, optischen Gejohle der allgegenwärtigen Reklame zu schweigen.

Die alten runden Blumenkübel waren zwar schon überflüssig, ordneten sich aber in Werkstoff und Sockelhöhe der Häuser ein und unter; die neuen massiven, lackglänzenden Holzkisten, fremdeln nur noch.

Gastronomische Sonnenschirme können, wenn nicht gerade zu einem Standartenwald massiert, als Farbtupfer wirken, aber dann bitte nicht als mobile Litfasssäulchen mit Firmenlogo, sondern schlicht neutral. Flaniert wird wenig, dafür umso mehr vor Bier oder Kaffee gehockt. Und die kommunalen Habenichtse verkaufen willig öffentliche Plätze an den Kommerz.

Was hat eine Gartenschau mit einer Seilbahn auf den Ketterberg gemein? Erwägt die Stadt ernsthaft dieses hirnrissige Projekt für Lauffaule? Am Eingang zum Hofgarten von der Kapuzinerstraße gähnt ein trostloses Loch. Wäre ein Wiederaufrichten der beiden steinernen Torpfeiler samt anschließenden Mauerwerk nicht nötiger und würdiger? Muss der wohltuend grüne Schwung des Dammwegs von einem Strandbad denaturiert und der eh schon gesichtslos verbaute Bahnhofsplatz auch noch zur Mobilitätsdrehscheibe degradiert werden?

Will die Stadt das neuklassizistische Haus neben dem Bali bis zum Abbruch vor sich hingammeln lassen?

Wie konnte das vertikal hoffnungslos überzogene düsterverglaste Kolosseum neben dem Mörike-Haus genehmigt werden? Die zentrale Blickachse der Altstadt wurde so gesprengt. Wie lange stiefelt noch der Elch, schaufenstergroß, am verödeten Burgerhaus? Wird die farbig geschnitzte Ornamentik an der Volksbank unter dem Schokokleister wieder freigelegt?

Die höfisch adretten Wachthäuschen am Schlossportal sind ein entzückender Blickfang, warum häuft sich im Innern Dreck samt welkem Laub teilweise mehr als handhoch, lässt man den überkragenden Keupersandstein bedrohlich erodieren? Warum musste das seinerzeit von Landesdenkmalamt empfohlene sonore Rot des Kirchheimerschen Hauses, Ehrlerplatz 27, einem egalisierenden geisterbleichen Verputz weichen, der das architektonische Dekor des Renaissancehauses verwischt? Wie lange noch spukt die grell zuckende bunte Lichtreklame für ein paar „Locker“ am denkmalgeschützten Fachwerkhaus an der Stirnseite des Platzes, während das figurale Bildwerk verrottet? Wann zieht die Stadt endlich Konsequenzen aus der erneuerten Bau- und Erhaltungssatzung? Oder bleibt die auch ein bloßes Alibipapier?

Der einzig rare Lichtblick des letzten Jahrzehnts ist die Wiederbekrönung des Wetterfähnchen-Alignements am Marktplatz ob dem Münster geblieben.

„Der Orden setzte eine besondere Ehre darein, recht schön und gut zu bauen“, urteilte Carl-Julius Weber. Setzt seine finanzschwache Residenzstadt lieber auf, auch im Unterhalt, kostspielige Prestige-Projekte?