Bad Mergentheim

75. Geburtstag Hartwig Behr feiert am heutigen Freitag / Erforschung jüdischen Lebens und Sterbens / Besonderer Geschichtsunterricht am Gymnasium

Lebenswerk mit der Heimatmedaille gewürdigt

Archivartikel

Bad Mergentheim.Es wäre verfehlt, Hartwig Behr als typischen Vertreter der 68er-Generation zu charakterisieren. Auch wenn sich so ein Doppeljubiläum 2018 hübsch feiern ließe – 50 Jahre Studentenrevolte und 75 Jahre Hartwig Behr.

Aber obwohl Behr dieser Alterskohorte unzweifelhaft angehört, obwohl er seinerzeit im diskursfreudigen Tübingen studierte, mit einigen im besten Sinne Staub aufwirbelnden Protagonisten des Protests zu tun hatte und sein an Karl Marx gemahnender Vollbart in dieser Zeit seinen Ursprung haben dürfte, die kompromisslose Radikalität und der großmäulige Eifer vieler damaliger Genossen gingen ihm doch von jeher ab. Hartwig Behr hat, das merkt man in jedem Gespräch mit ihm, etwas Bedächtiges. Denken geht bei ihm, was ihn von manch anderen wohltuend unterscheidet, dem Sprechen voraus.

Was er schließlich sagt oder schreibt, hat Hand und Fuß. Im Zweifel schweigt er, bevor er unbedarft losprescht.

Das machte einen 1968 nicht unbedingt zum Rädelsführer und danach nicht zu einem sich auf unangenehme Weise historisch gewordenen Ex-Revoluzzer. Eher zum interessierten Beobachter.

Das Geschichtsstudium Behrs, die Leidenschaft für die Literatur, das mathematische Talent – all das mag zu dieser, fast möchte man sagen: bürgerlichen Haltung beigetragen haben.

Was allerdings 1968 seinen Ausgang nahm: die Beschäftigung mit der deutschen Schuld. In diesem Sinne ist Hartwig Behr doch wieder ein typischer Vertreter seiner Generation. Einer der Antriebe für die Studentenbewegung von 1968 war ja die Infragestellung jener Autoritäten, die sich wenige Jahre zuvor vollkommen diskreditiert und zum Teil bei einem verbrecherischen System eifrig mitgetan hatten. Das Dritte Reich lag Mitte der 1960er Jahre zwar schon zwei Jahrzehnte zurück. Aber die Eltern schwiegen noch immer, als sei nie etwas geschehen, als seien nicht sechs Millionen Juden systematisch ermordet worden. Was hatten sie gewusst? Warum haben sie mitgemacht? Für Hartwig Behr und viele seiner Generationsgenossen waren das die Fragen, an denen sich die eigene moralische Integrität zu entscheiden hatte: Wie hältst du es mit dem größten Verbrechen, das die Weltgeschichte bislang gesehen hat? Und wie hält man die Erinnerung daran wach? Wie kann man verhindern, dass sich Auschwitz wiederholt?

Gedenken ist Arbeit. Und wie man heute sehr deutlich sieht, ist es eine, die nicht ein einziges Mal geleistet, sondern immer wieder von Neuem angegangen werden muss. Das Dritte Reich nicht als „Fliegenschiss“ in der ach so glorreichen deutschen Geschichte zu betrachten, wie das inzwischen bei in Parlamenten vertretenen Rechtsextremen opportun ist, bleibt die vornehmliche Aufgabe. Der Nationalsozialismus und die Shoah – das ist der Zivilisationsbruch, der sich nicht wiederholen darf.

Hartwig Behr hat als Geschichtslehrer auf eindrückliche Weise dieses Lebensthema behandelt – indem er für seine Schüler das Abstrakte konkret gemacht, geschichtliche Ereignisse ins Alltägliche heruntergebrochen hat. Seinem Schüler, der der Autor dieser Zeilen einst war, ist etwa erinnerlich geblieben der Brief eines deportierten Mädchens, den Behr seinerzeit der Klasse vortrug. Die Wirkung war erschütternd: Die in den Geschichtsbüchern abgedruckten Zahlen, die dort aufgeführten Gründe, die zum NS-Regime führten, das nüchtern beschriebene Leid – plötzlich verdichtete sich alles im Namen einer Jugendlichen, die nicht viel jünger war als die anwesenden Schüler selbst. Man kann das als Überrumpelungsunterricht kritisieren. Es war vielmehr genau der Schlüssel zum Verständnis des Unrechts, das diese so genannte Kulturnation begangen hatte.

Hartwig Behrs Geschichtsstunden aber gingen über das Vorführen solcher dem Leben nah gehenden Zeugnisse hinaus. Akribisches Wissen, Analyse und Sorgfalt kamen hinzu. All das zeichnet auch seine Bücher und Aufsätze aus, die er seit bald 40 Jahren zu Themen der jüdischen Geschichte und der Judenverfolgung im Taubertal veröffentlicht.

Zunächst noch dafür angefeindet, gilt er heute als Kapazität auf diesem Gebiet – wer sich für die Frage interessiert, was das jüdische Leben hier einmal war und nicht mehr ist, kommt an ihm nicht vorbei. In Creglingen hat er mit seinen Forschungen zum Pogrom im März 1933 zu einem anderen Geschichtsbewusstsein beigetragen. Vorträge zu vielen mit dem Nationalsozialismus zusammenhängenden Themen haben die Aufarbeitung – besser: Erinnerung – in dieser Region wesentlich vorangebracht. Dass ihm im vergangenen Jahr die Heimatmedaille des Landes Baden-Württemberg verliehen wurde, hat den aus dem schleswig-holsteinischen Uetersen stammenden Pädagogen, Historiker und Autor dementsprechend gefreut – ein langer Weg vom zugezogenen Nestbeschmutzer zum ehrenwerten Bürger.

Hartwig Behrs Wirken beschränkt sich allerdings nicht auf die Erforschung jüdischen Lebens und Sterbens. In den letzten Jahren hat er ausführlich zum Kurwesen Bad Mergentheims recherchiert und veröffentlicht; er hat sich mit Künstlern und Autoren beschäftigt. Und nicht vergessen darf man seine Vergangenheit als Cineast: In den 1970er Jahren startete er eine Kinoreihe, die vor allem Jugendlichen den Zugang zu Filmklassikern ermöglichte. Fast 20 Jahre lang brachte er einem in vordigitalen Zeiten das näher, was Kino bedeutet (es bedeutet, das nur am Rande, etwas anderes, als Blockbusterfilme auf einem Fernsehschirm oder gar dem Smartphone zu schauen).

„Solange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird“, schreibt Martin Walser in seinem Roman „Ein springender Brunnen“. „Wenn etwas vorbei ist, ist man nicht mehr der, dem es passierte.“ 75 Jahre alt zu werden heißt, viele Leben geführt zu haben und immer wieder ein anderer zu sein – der Sechsjährige ebenso wie der 42-Jährige und der 60-Jährige. Und in der Rückschau wird man einiges neu und anders sehen, heller oder dunkler, klarer oder verschwommener. Wie unzulänglich da ein Blick von außen sein mag, ein Artikel wie dieser! Eine Annäherung, das ist so ein Text im günstigsten Fall.

Ein sehr herzlicher Glückwunsch zum Geburtstag und zu einer Lebensleistung, das möchte er auf jeden Fall sein.