Bad Mergentheim

Leserbrief Zu „Ärztemangel und geänderte Ansprüche“ (FN/TZ vom 4. Dezember)

Lieber in Winterthur und Zürich

In der Montagsausgabe der Fränkischen Nachrichten war zu lesen, dass der langjährig tätige und hochverdiente Allgemeinmediziner Joachim Kuper seine Praxis schließt, ohne einen Nachfolger gefunden zu haben.

Mir sind in Bad Mergentheim zahlreiche andere Praxen bekannt, die in den vergangenen Jahren keine Nachfolger gefunden haben, und man muss sich fragen, woran das geringe Interesse junger Ärzte wohl liegen mag, sich eine eigene Existenz aufzubauen. Als Kenner der Szene darf ich mutmaßen, dass die Knebelung durch die Kassenärztlichen Vereinigungen, durch den Zulassungsausschuss, durch den Berufungsausschuss und durch die überbordende Bürokratie ein wesentlicher Grund für junge Ärzte sind, lieber in Winterthur und Zürich zu arbeiten als in der Region zu bleiben.

Die Kassenärztlichen Vereinigungen gelten in der Öffentlichkeit gewissermaßen als Ärztegewerkschaft, davon kann jedoch keine Rede sein. Es handelt sich um ein Kontroll- und Aufsichtsorgan und eine Körperschaft öffentlichen Rechts, die Ärzte mit bürokratischen Anforderungen unter Druck setzt, die die Patientenanzahl pro Quartal in den Einzelpraxen festlegt und dadurch unnötige Wartezeiten für Kassenpatienten erzwingt.

Die KV verlangt von Kassenärzten, dass sie überdurchschnittlich hohe Medikamentenverordnungen zum Wohle ihrer Patienten aus ihrem Privatsäckel ausgleichen! Das gilt auch für Krankengymnastik, physikalische Therapie und Massagen! Kein Wunder, dass Kassenpatienten enttäuscht sind, während Privatpatienten keine Kürzungen notwendiger Therapiemaßnahmen befürchten müssen.

In der gleichen Ausgabe der FN/TZ kommt ein Mitarbeiter der KV Nordwürttemberg zu Wort, dessen Stellungnahmen natürlich höchst subjektiv gefärbt sind. „Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing’“. Man kann von Herrn Sonntag wohl kaum erwarten, dass er eine kritische Position gegenüber seinem Arbeitgeber in der Öffentlichkeit einnimmt.

Zur Zeit handeln CDU und SPD ein Regierungsprogramm aus. Einer der von den Sozialdemokraten favorisierten Gesichtspunkte ist die sogenannte Bürgerversicherung, die man besser so nennen sollte wie sie wirklich ist, nämlich Staatsmedizin!

Ein Blick in die Nachbarländer mit Staatsmedizin, wie z. B. Schweden oder Großbritannien, zeigt dem Eingeweihten, wie mies die Qualität der medizinischen Versorgung dort ist. Bestimmte Operationen werden älteren Menschen gar nicht mehr ermöglicht, die Wartezeiten auf Standardeingriffe in den Krankenhäusern betragen viele Monate und selbstverständlich retten sich die Reichen in diesen Ländern in teure Privatkliniken.

Die sogenannte Bürgerversicherung – Staatsmedizin! – ist also nicht etwa eine Maßnahme zur Beseitigung der sozialen Schere, sondern vielmehr eine drastische Verschärfung der sozialen Spannungen und der Klassenmedizin.

Wäre ich heute ein niederlassungswilliger junger Arzt, dann würde ich mich in Basel oder Bern nach einem guten Standort umsehen.