Bad Mergentheim

Archivalie des Monats Heute blättern wir im Wanderbüchlein des Schuhmachergesellen Konrad Deppisch / Umfangreiche Bibliothek im Stadtarchiv

„Mit gutem Betragen hier gearbeitet“

Archivartikel

Zum Stadtarchiv gehört auch eine Bibliothek, wobei ein kleines Buch unsere Archivalie des Monats ist: Das Wanderbuch eines Schuhmachergesellen.

Bad Mergentheim. Oftmals sind es die kleinen, eher unscheinbaren Dinge, die sich beim näheren Betrachten als etwas ganz Besonderes entpuppen. So auch diesmal angesichts der immerhin 2700 Bücher umfassenden Bibliothek des Stadtarchivs, welche die Akten und Schriftstücke aus vergangenen Jahrhunderten zum Teil ergänzen und oft zu deren Erklärung herangezogen werden.

Unter den 2700 Büchern hätte sich bestimmt ein besonders herausragendes Werk aus dem 19. oder gar 18. Jahrhundert finden lassen. Aber der Stadtarchivarin fiel bei der Suche nach der Archivalie des Monats eben gerade dieses kleine, unscheinbare, bloß 16 Zentimeter lange und zehn Zentimeter breite Büchlein in die Hände, das sich mit seinen 40 Seiten gut in die Jackentasche eines Handwerksgesellen im 19. Jahrhundert hat stecken lassen und jetzt aus dem Dornröschenschlaf von Christine Schmidt geweckt wurde.

In Mergentheim gelandet

Bei dem Bändchen handelt es sich um das offizielle Wanderbuch des Schuhmachergesellen Konrad Deppisch, der sich im Jahre 1835 in Ochsenfurt auf den Weg machte, um bei verschiedenen Meistern seine Handwerkskunst zu verfeinern und zu vervollkommnen. Aber auch, um Land und Leute, Sitten und Gebräuche fremder Städte und Länder kennen zu lernen. Bis ins Ausland hat er es nicht geschafft. Gelandet ist er schließlich nach verschiedenen Stationen in Mergentheim.

Auf der ersten Seite des Wanderbuchs befindet sich eine Art Steckbrief des Schuhmachergesellen, damit er seine Identifikation als „ehrbarer Handwerksgeselle“ in jeder Gemeinde bei der jeweiligen Polizeibehörde, der er das Buch vorlegen musste, nachweisen konnte. Dem „Steckbrief“ ist zu entnehmen, dass es sich bei dem Gesellen um Konrad Deppisch handelt, der 1816 in Eibelstadt geboren wurde. Statt eines Passbildes gibt es kurze Angaben zu seinem Aussehen: Starke Statur, volles Gesicht, kleine Nase, braune Haare, braune Augen. Zudem ist seine Unterschrift zu sehen.

Allerhöchste Verordnungen

Dann folgen einige „allerhöchste Verordnungen“, welche das Wandern der Handwerker regelten, wobei „Alle eingetragenen Arbeits- und Aufführungszeugnisse, so wie alle anderen Atteste durch obrigkeitliche Unterschrift und Siegel beglaubigt seyn“ müssen.

Zudem wird dem Wanderburschen deutlich ins Stammbuch geschrieben, „dass ein Geselle während der Wanderzeit“, der „wenig auf der Profession gearbeitet, und den größten Theil der Zeit mit bloßem Herumstreunen zugebracht hat“, „nicht eher zum Meisterrechte zugelassen“ wird, „als bis er die, an der wirklichen Professions-Ausübung fehlende Wanderzeit durch weiteres Wandern in den größeren Städten des Inlandes vollendet, und von den Meistern, bey denen er gestanden, ein obrigkeitliches glaubhaftes Attest eines vollkommenen Fleißes und guter Geschicklichkeit dargebracht hat.“

Nicht lange ausgehalten

Ausgestellt wurde das Wanderbüchlein natürlich von der Obrigkeit, in unserem Fall vom Königlichen Landgericht in Ochsenfurt. Und es enthält lobende Eintragungen: Konrad Deppisch „hat sich gut betragen“, heißt es einmal, oder „mit gutem Betragen hier gearbeitet“ wurde ihm sogar von einem Bürgermeister bescheinigt.

Die erste Station der Wanderjahre des Schuhmachergesellen, der sich am 20. Oktober 1835 in Ochsenfurt auf die Walz begeben hatte, war Würzburg, wo er es beim Schuhmachermeister Martin Derr offensichtlich nicht lange ausgehalten hat. Nur vom 9. November bis 16. Dezember hat er sich dort nützlich gemacht. Dann wanderte er nach Zellingen und blieb beim Schuhmachermeister Christian Verst vom 20. Dezember 1835 bis März 1836. Nun kehrte er wieder für mehrere Jahre nach Würzburg zurück, um sich dann wieder auf Schusters Rappen zu machen.

Mergentheim war sein nächstes Ziel, wo er sich vom 11. Oktober 1840 bis 1846 als Schuhmachergeselle „klaglos verhalten“ hat. Warum er dann für ein Jahr nach Igersheim ging und dann wieder in Mergentheim Fuß fasste, darüber gibt das Wanderbüchlein keine Auskunft. Stadtarchivarin Schmidt hat herausgefunden, dass Konrad Deppisch in Mergentheim das Bürgerrecht erhalten hat, sich als Schuhmachermeister niederließ, ein eigenes Haus mit Geschäft in der Ochsengasse besaß und am 11. Februar 1850 Margarethe Koch, die eine Tochter mit in die Ehe brachte, das Ja-Wort gab.

Wahrscheinlich war sie es, die, nachdem das Wanderbüchlein ausgedient hatte, auf leeren Seiten einige Kochrezepte und eine Strickanleitung für ein Halstuch niedergeschrieben hat.

Wie am Anfang unserer Geschichte über den Gesellen Konrad Deppisch gesagt, ist sein Wanderbüchlein nur eins von rund 2700 Büchern, welche das Stadtarchiv zu einer Fundgrube lokaler, regionaler und geschichtlicher Abhandlungen und Beiträge machen.

Mag sein, dass die Stadtarchivarin auf dieses oder jenes Buch im Archiv verzichten kann.

Aber ein Werk will sie auf gar keinen Fall missen. Und das ist die „Beschreibung des Oberamts Mergentheim“ aus dem Jahr 1880. Für Christine Schmidt auch deshalb ihr wichtigstes Nachschlagewerk, weil darin auch die Dörfer des Altkreises Mergentheim beschrieben werden und Informationen zu allen möglichen Themen, von der Mundart bis zu Volkssagen, von Witterungsverhältnissen bis zu Schulanstalten zu finden sind.

So gibt es auch Informationen über „Mechanische Künstler und Handwerker“, wobei die Schuhmachermeister die größte Anzahl (210) von Handwerkern im damaligen Oberamtsbezirk stellten. An zweiter Stelle rangierten die Maurer und Steinhauer (160).