Bad Mergentheim

Festrede Der Professor für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie Prof. Dr. Werner Mezger hielt die Festrede

Mit kulturellem Kapital Kontinuität schaffen

Archivartikel

Bad Mergentheim.Für die Geburtstagsfestrede hatten die Verantwortlichen des Kulturvereins Bad Mergentheim einen Experten gewonnen: Prof. Dr. Werner Mezger, Kulturanthropologe und Ethnologe von der Universität Freiburg, machte mit seinem Vortrag auf vielerlei Gesichtspunkte des Wortes „Kultur“ aufmerksam.

Das Publikum in der Wandelhalle wartete gespannt auf seinen Auftritt, und es wurde nicht enttäuscht. In einer geradezu schwungvollen Rede machte der Freiburger Professor auf die vielfachen Interpretationen, Hintergründe sowie Abfolgen des Begriffes Kultur aufmerksam. Seine Rede lohnte das Zuhören.

Nach der Gratulation zum Geburtstag des Kulturvereins kam der Professor schnell zum Punkt: „Kultur – was ist das eigentlich? Und wo fängt sie an, wo endet sie?“, fragte Mezger zu Beginn. Kultur finde sich heute tatsächlich überall, etwa auch in der Wirtschaft, die das Wort Unternehmenskultur geprägt habe. Aber auch die Politik habe das Wort bereits besetzt, Stichwort „Kulturpolitik“. Der Ursprung sei aber wohl das lateinische Wort Agricola der Bauer, der das Land kultiviert. Und daher gelte, dass Kultur mit menschlichem Handeln beginne. Gleichwohl sei sie nicht nur materiell, sondern auch ideell. Sie beginne mit dem Denken, einer Wertordnung, bestimme das Leben und die Gesellschaft und habe zahlreiche Übergangsformen.

„Was Menschen tun, ist Kultur“, sagte Mezger. Beispiele seien das Essen mit Messer und Gabel, aber auch das Lösen von Streitigkeiten. Dennoch gebe es kulturelle Unterschiede, deutlich würden diese etwa beim Vergleich von China und Europa. Habe man im 18. Jahrhundert in Europa unter Kultur vor allem Religion und Philosophie verstanden, so habe sich die Bedeutung im Laufe der Zeit erweitert.

„’Jeder darf nach seiner Façon selig werden’, war auch eine Kulturleistung“, betonte der Professor. Und in der globalisierten Welt von heute mit „mehr Kulturkontakten denn je“ komme dem dadurch beförderten Austausch eine immer größere Bedeutung zu. Mezger sprach von einem „erweiterten Kulturbegriff“, sowie dem „Wandel und der Annäherung durch Kulturbegegnung“. Außerdem gelte es, sich der Populärkultur zu widmen, „denn: „Auch das Bauerntheater ist Kultur“.

Kultur müsse vor den Hintergründen Zeit, Raum und Gesellschaft betrachtet werden, forderte Mezger. Zeit sei dabei die Geschichte, der Raum der jeweilige Ort und Gesellschaft stehe für Soziales.

Der Wandel gehe weiter, Feste als „zyklische Kulturerfahrungen“ veränderten sich schnell, dienten aber dennoch als Begegnungsorte für verschiedene Kulturen. Während „Traditionalist“ bereits zum Schimpfwort geworden sei, erfahre Tradition gleichzeitig eine neue Wertschätzung. Allerdings sei auch in der Kultur alles dem Fortschrittsgedanken untergeordnet. Mezgers Folgerung: „Kultur braucht ein moderates Maß an Wachstum“, und Heimat sei durchaus ein „Wert an sich“. Das gelte es auch in der „totalen Info-Gesellschaft“ zu beachten“, wobei auch hier die Frage gestellt werden müsse, wer beispielsweise die Internet-Kultur beherrsche.

„Wer hat die Macht darüber, was im Netz zu finden ist, wer hat die Kontrolle über die Daten und Inhalte, die ständig online gestellt werden?“ In der (weltweiten) Kultur gebe es einen großen Umbruch, und „Kultur“ bleibe ein umfassendes Thema.

In Europa drifte sie zunehmend auseinander, gleichwohl überschreite sie nationale Grenzen und Kontinente. Während die EU lange als ökonomische Union empfunden wurde, besinne man sich heute auf die europäischen Werte und verweise auf „kulturelles Kapital“. Und das sei „wertbeständiger“ als Geld und materielle Werte, betonte der Redner. Schließlich schaffe es der Kulturverein seit numnehr 70 Jahren, mit kulturellem Kapital Kontinuität zu schaffen.