Bad Mergentheim

Literatur Karin Friedle-Unger und Mamuka Tchichinadze machen Georgien, das Gastland der Frankfurter Buchmesse, mit vielen Sinnen erfahrbar / Besucher waren begeistert

„Nur dort zu sein wäre noch schöner gewesen“

Bad Mergentheim.„Nur dort sein wär’ noch schöner gewesen,“ schwärmte zu später Uhrzeit ein Teilnehmer des Georgien-Abends in der Bad Mergentheimer Buchhandlung Moritz und Lux. Das war kein Wunder, hatten die knapp vierzig Besucher, die sich frühzeitig ihre Karten für die Veranstaltung mit der Langenburger Künstlerin Karin Friedle-Unger und dem georgischen Musiker Mamuka Tchichinadze gesichert hatten, doch einen Abend erlebt, der das diesjährige Buchmesse-Gastland fast greifbar nah brachte.

Mit einem typisch georgischen Aperitif waren die Gäste in der Buchhandlung begrüßt worden, dann folgte ein Verwöhnprogramm mit Genüssen aus der georgischen Küche, vom Vor- bis zum Nachspeisen-Versucherle, begleitet von lieblichem georgischen Roten bis hin zum hochprozentigen Schluss-Schlückchen – zusammengestellt und zubereitet von der Dörzbacher „KulturKüche“. Regelrecht mit allen Sinnen also machten die Akteure den Gästen das uralte, am Schwarzen Meer und zwischen den Schultern des Großen und des Kleinen Kaukasus gelegene Kulturareal zwischen Russland, der Türkei, Armenien und Aserbaidschan schmackhaft. Nur gerade mal so groß wie Bayern ist die berg- und waldreiche Republik, deren Klimazonen von subtropisch-feucht bis hin zu kontinental-trocken reichen. Ähnlich vielfältig sind die Kulturen der annähernd 30 georgischen Volksgruppen.

Begehrter Ort

Ein solches Stückchen Erde ist begehrt: Schon um 40 000 vor Christus lebten hier bis in die Hochlagen hinein Neandertaler, und bereits in der Bronzezeit dürften Menschen hier ihre ersten Reben kultiviert haben.

Jason und seine Argonauten suchten von Griechenland in der kolchischen Ebene das Goldene Vlies – und Eroberer von allen Seiten versuchten, das Land in Besitz zu nehmen. Römer, Perser, Byzantiner, Araber und Mongolen gaben sich sozusagen die Klinke in die Hand, in der Neuzeit folgte das Russische Kaiserreich, dann die Eingliederung in die Sowjetunion.

Rund drei Jahrhunderte lang waren die Verbindungen nach Europa gekappt; Reformation, Renaissance, die französische Revolution liefen infolgedessen an Georgien vorbei - mit teilweise bis heute spürbaren Folgen.

Karin Friedle-Unger – kurz Karin FU – breitete für das Buchmessen-Gastland regelrecht einen roten Teppich aus. Dass sie vor rund drei Jahren das Land für sich entdeckte, hat private Gründe: Ein Sohn verliebte sich in eine Georgierin – und die ganze Familie verliebte sich in der Folge in Georgien mit allen Facetten: die herzlichen Menschen, der kulturelle und landschaftliche Reichtum, die polyphone Musik, die literarische Vielfalt. Letztere kann auf uralte Wurzeln verweisen: Als Zeugnis der frühen Christianisierung – bereits ab 337 war das Christentum in Iberien Staatsreligion – hat sich das aus dem 5. Jahrhundert stammende „Martyrium des Heiligen Schuschanik“ erhalten. Im „goldenen Zeitalter“ unter König Dawid IV. und Königin Tamar entstand das Nationalepos „Der Recke im Tigerfell“, seit Beginn des 18. Jahrhunderts blüht die Erzählkunst. Enorm viele Frauen, berichtet Friedle-Unger, greifen derzeit zu Stift und Tastatur.

Ungemein reich ist auch die Musik Georgiens. Drei- bis vierstimmig erklingen die auf schlichten archaischen Tonfolgen basierenden komplexen Harmonien.

Natürlich konnten Mamuka Tchichinadze und Friedle-Unger die ungeheure Intensität dieses Kulturerbes nur in kleiner Form zu Gehör bringen, doch es gelang ihnen auch so, das Publikum an den georgischen Tafeln in der Buchhandlung den Geist dieser Musik erspüren zu lassen, insbesondere beim gemeinsamen Abschlussgesang mit den Gästen.

Durch das 20. Jahrhundert

Bei einem Festabend in einer Buchhandlung dürfen natürlich auch Literaturtipps nicht fehlen: „Das achte Leben“ etwa von Nino Haratischwili führt anhand einer Familiengeschichte durch das ganze 20. Jahrhundert in Georgien.

Oder Irma Shiolashvili, die in der Anthologie „Kopfüber“ vielfältige Einblicke in die georgische Lyrik präsentiert. Als „Einstiegsdroge“, die Lust auf mehr georgische Literatur und das kleine Land am Schwarzen Meer macht, empfiehlt Friedle-Unger auch „Georgien – eine literarische Reise“, für das sechs deutsch-georgische Autorentandems durchs Land reisten und ihre Eindrücke in zwölf faszinierende Geschichten fassten.