Bad Mergentheim

800-Jahr-Jubiläum Gespräch mit Museumsdirektorin Maike Trentin-Meyer über das wechselvolle Image des Ordens im Laufe der Jahrhunderte / Ideologisch missbraucht

Ordensritter verherrlicht und verdammt

Das Image des Deutschen Ordens reichte im Laufe der Geschichte von Verherrlichung bis Verdammnis. Darüber gibt die Direktorin des Deutschordensmuseums Auskunft.

Bad Mergentheim. Seit fast 20 Jahren ist Maike Trentin-Meyer Direktorin des Deutschordensmuseums Bad Mergentheim. Sie steht an der Spitze einer Einrichtung, in der der Deutsche Orden und seine Geschichte die zentrale Rolle spielen. Vor allem außerhalb des Museums begegneten ihr Menschen „mit Vorurteilen gegenüber dem Deutschen Orden“, die ein „negatives Bild von ihm mit sich herumtragen“. Sie hat sich gefragt, welche Faktoren beeinflussen das Bild oder den Eindruck, den die Öffentlichkeit vom Deutschen Orden hat? Die Gründe für das jeweilige Image des Ordens haben nach ihrer Einschätzung verschiedene Ursachen.

Da der Deutsche Orden 1190 im Rahmen der Kreuzzugsbewegung entstanden ist, sei schon damals die Frage aufgeworfen worden, wie christliches Friedensdenken und Kampf im Namen des Glaubens zusammengehen sollen? Trentin-Meyer verweist zudem auf die Eroberung Preußens, bei der es ebenfalls zu Gewalt und Blutvergießen gekommen ist. Zudem sei nach dem Ende der Kreuzzüge im Heiligen Land (1291) und der abgeschlossenen Christianisierung Preußens Ende des 14. Jahrhunderts die Fortexistenz der Ritterorden überhaupt in Frage gestellt worden.

Moralische Mängel vorgeworfen

Auch moralische Mängel seien dem Orden vorgeworfen worden. So habe Martin Luther in seinem Schreiben an die Herren des Deutschen Ordens 1523 deutlich gemacht, dass diese sich nicht an die Gelübde, vor allem das der Keuschheit, halten würden.

Auch die Beteiligung des Ordens an den Hexenverfolgungen im 16. und 17. Jahrhundert sei nach heutigem Verständnis ein „äußerst kritisch beurteilter Punkt“, gibt Trentin-Meyer zu denken.

Kein gutes Haar am Deutschen Orden habe der Aufklärer Johann Gottfried Herder gelassen. Für ihn seien die Kreuzzüge eine „Raserei“ gewesen, die das christliche Europa viel Geld und Menschenleben gekostet hätten.

Ähnlich negativ werde von Herder auch der Ordensstaat in Preußen gesehen, wo die „alte preußische Nation vertilgt“ worden sei und die Ordensritter in „Üppigkeit und Ausschweifung“ gelebt hätten.

Für das 19. Jahrhundert stellt Trentin-Meyer einen grundlegenden Wandel in der Beurteilung des Ordens fest. So überwiege bei dem Historiker Johannes Voigt die verständnisvolle Sicht auf den Heidenkampf und das Lob der zivilisatorischen Leistungen des Deutschen Ordens. Vor allem seit Heinrich von Treitschkes Essay „Das deutsche Ordensland Preußen“ aus dem Jahr 1862 „haben wir es mit einem verzerrten Bild der Deutschordensgeschichte im Mittelalter zu tun, das den Deutschen Orden und den preußischen Staat verherrlicht“.

Weiter am Mythos gestrickt

Über 100 Jahre seien die Leistungen des Ordens im Mittelalter in der Geschichtsschreibung und Literatur mit hohen Auflagen gepriesen worden, was auf der Gegenseite, in Polen und Russland, entsprechende Gegenreaktionen zur Folge gehabt habe, erklärt Trentin-Meyer und erwähnt das Buch „Die Kreuzritter“ von dem späteren Literaturnobelpreisträger Henryk Sienkiewicz, in dem der Deutsche Orden, bis heute auch im Schulunterricht, als brutal mordende und raubende Horden geschildert werde.

In der Weimarer Republik und im Hitlerstaat sei weiter am Mythos gestrickt worden. So habe Hitler in „Mein Kampf“ den Deutschen Orden als Vorbild seiner Ostlandpolitik gesehen.

Der NS-Ideologe Alfred Rosenberg habe den Deutschen Orden und seinen Staat als Vorbild des „Dritten Reiches“ dargestellt, wobei er eine nationalgeschichtliche Kontinuität vom Ordensstaat über den preußischen bis hin zum nationalsozialistischen Staat festgestellt habe. Heinrich Himmler habe die von ihm geleitete SS als „neuen Orden“ bezeichnet und einen eigenen rassischen deutschen Orden statt des geistlichen Ordens gründen wollen.

Der ideologische Missbrauch der mittelalterlichen Ordensgeschichte habe seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bis weit in den Hitlerstaat hinein gereicht.

1945 aber „wurde mit einem Schlag die herrschende nationalsozialistische Ideologie unmöglich“. Der Orden als „Teilmythos des Hitlerstaats wurde mit verdammt“. Und mit dem langen Schweigen über die Zeit des Nationalsozialismus habe es auch viel zu lang keine sachliche Aufklärung über den Deutschen Orden gegeben, bedauert Trentin-Meyer.

Für sie ist der Orden immer noch ein Mythos, dessen Wesen und Bedeutung schwer zu fassen seien. Der „positiven Leistungsdarstellung des Ordens“ stehe immer wieder die „Forderung nach kritischer Darstellung im Museum“ gegenüber. Daher hätten Historiker und Museen eine große Aufklärungspflicht.

Besonders schmerzhaft

Für eine sachliche Darstellung des Ordens seien die wissenschaftlichen Grundlagen besonders wichtig.

Seit den 1970er Jahren hätten Institutionen wie die Forschungsstellen Deutscher Orden in Thorn und seit einigen Jahren auch an der Universität Würzburg zu einer Versachlichung beigetragen.

Die Internationale Historische Kommission zur Erforschung des Deutschen Ordens mit Mitgliedern aus 17 Nationen habe darüber hinaus mit ihren Tagungen in den letzten Jahrzehnten in ganz Europa viel im Hinblick auf eine Versachlichung erreicht.

Nichtwissen

Der größte Feind für das Interesse am Deutschen Orden ist für Trentin-Meyer das Nichtwissen. Gerade der Umgang mit der Ordensgeschichte des Mittelalters sei ein „Paradebeispiel für den ideologisch gefärbten Umgang mit Geschichte“. Und dies sei „besonders schmerzhaft für die heutigen Mitglieder des Deutschen Ordens, denn sie haben sich sozial-karitativen Aufgaben verschrieben“, stellt Trentin-Meyer abschließend fest.