Bad Mergentheim

Verkehrsplanungen Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum mit „Shared Space“ für Bad Mergentheim diskutiert / Verkehrsexpertin Katalin Saary referierte

Potenziale auch im Hinblick auf geplante Landesgartenschau

Archivartikel

Bad Mergentheim.„Ist der öffentliche Raum Verkehrsraum oder Lebensraum?“ – mit dieser Frage zu Beginn ihres Vortrages nahm die Verkehrsplanerin Katalin Saary die Zuhörer im kleinen Kursaal in Bad Mergentheim mit auf eine Reise durch eine für viele noch unbekannte Verkehrswelt mit überraschenden Einsichten, Experimenten und Erfahrungen.

Die Expertin aus Darmstadt war auf Einladung des Verkehrsclub-Kreisverbandes (VCD) Main-Tauber, der Naturschutzgruppe Taubergrund und der Kurverwaltung nach Bad Mergentheim gekommen.

Begrenzte Räume in der Stadt

Das grundsätzliche Dilemma, mit dem sich Generationen von Verkehrsplanern auch in der Vergangenheit bereits auseinandersetzen mussten, ist der begrenzte öffentliche Raum in der bebauten Stadt. Die Flächen sind nicht beliebig erweiterbar. Im Kern geht es bei der Verkehrsplanung um die Verteilung der Flächen für die unterschiedlichen Bedürfnisse der Verkehrsteilnehmer, aber auch um die Bedürfnisse der Anwohner und Gewerbetreibenden.

Neue Konzepte

„Wir heute Lebenden sind groß geworden in einer Welt, in der die Verkehrsflächen ganz selbstverständlich streng getrennt sind.“, so die Referentin. Dem fließenden und ruhenden Autoverkehr wird von den gemeinsam genutzten, innerstädtischen Flächen der größte Anteil zugesprochen.

Die Fußgänger und Radfahrer müssen sich die verbleibenden Flächen teilen – häufig wird ihnen dabei nicht mehr als das vorgeschriebene Minimum an Wegebreite zugestanden. Der reine Aufenthalt im öffentlichen Raum spielt zumeist eine untergeordnete Rolle.

Doch die Schwerpunkte verschieben sich seit einigen Jahren. An dem einen Ende des Spektrums steht die klassische „autogerechte“ Stadt aus den Wirtschaftswunderjahren mit den bekannten, schwerwiegenden Folgen für die innerstädtische Lebensqualität. Am anderen Ende steht das jüngste Konzept, das international unter dem Begriff „Shared Space“ Verbreitung findet.

So hat die EU in den ersten Jahren nach der Jahrhundertwende einige Projekte gefördert, die nach diesem Konzept entwickelt wurden. Die Gemeinde Bohmte in Niedersachsen hat in Deutschland den Anfang gemacht.

„Separation“ aufgehoben

Man hat dort, wie in den Folgejahren auch in anderen deutschen Städten, die Separation der Verkehrsarten und die Flächendominanz zugunsten des motorisierten Verkehrs bewusst aufgehoben, Schilder und Ampeln entfernt und die ganze Verkehrsfläche eingeebnet und gepflastert. Zehn Jahre sind seit der Fertigstellung vergangen. Die Erfahrungen sind nach gewissen Lernprozessen in den ersten Jahren sehr ermutigend.

„Durch die Verringerung der Differenzgeschwindigkeiten sowie die Förderung der sozialen Interaktion und Rücksichtnahme ist der Verkehrsfluss deutlich vergleichmäßigt worden“, so die Referentin.

Das Gefahrenpotenzial und die Unfallintensität haben eindeutig abgenommen, weil die Verkehrsteilnehmer zu mehr Aufmerksamkeit und Vorsicht gezwungen sind. Das bestätigt eine den Umbau begleitende Studie der Fachhochschule Osnabrück. Die Studie zeigt aber auch, dass sich die Lebensqualität für die meisten Anwohner verbessert hat. Die Aufenthaltsqualität ist in dem rund 500 Meter langen Shared-Space-Bereich deutlich gestiegen.

Für Hörer nachvollziehbar

Die Referentin konnte neben Bohmte zahlreiche andere Orte benennen, die in einem engen Dialog mit den Betroffenen vor Ort neue Konzepte mutig umgesetzt haben.

Sie stellte Beispiele aus Duisburg, Ulm, Schönebeck an der Elbe, Hannover, Brühl und Kevelar vor, aber auch aus dem schwäbischen Ditzingen, aus der Stadt Speyer und Schwetzingen.

Das jüngste Beispiel ist die Kommune Rudersberg im Rems-Murr-Kreis, die ihre Erfahrungen mit dem Umbau der Ortsdurchfahrt sogar auf einer eigenen Internetseite darstellt; nachzulesen unter der webadresse www.ortsdurchfahrt-rudersberg.de).

Der praxisbezogene Vortrag machte es den Zuhörern leicht, in den Beispielen Parallelen zu den hiesigen Verkehrsverhältnissen zu erkennen.

In der anschließenden regen Diskussion kamen lokale Straßenbezeichnungen wie Deutschordenplatz, Gänsmarkt, Härterichstraße und Igersheimer Straße zur Sprache, aber auch die Potenziale für die verkehrliche Weiterentwicklung der Stadt Bad Mergentheim, die sich aus einem Zuschlag für eine Landesgartenschau ergeben können.

Die Expertin riet abschließend eindringlich, alle Betroffenen vor Ort frühzeitig in die Entwicklung von Shared- Space-Konzepten einzubinden.

Die Akzeptanz der Vorhaben durch intensive Bürgerbeteiligung war bei den bisher erfolgreich umgesetzten Projekten ein wesentliches Erfolgsrezept. hst