Bad Mergentheim

Museumskonzert Notos-Klavierquartett gab im Roten Saal des Deutschordensschlosses ein furioses Konzert

Quintessenz romantischer Kammermusik erlebt

Archivartikel

Bad Mergentheim.Zu einem glänzenden, auch für hiesige Maßstäbe ungewöhnlich hochkarätigen Kammermusikereignis geriet die letzte Veranstaltung der Museumskonzerte vor der Sommerpause im dieses Mal erwartungsgemäß sehr gut besuchten Roten Saal des Deutschordensschlosses.

Kein Wunder: Keine Geringeren als die Damen und Herren des Notos Quartetts, einer 2007 gegründeten und seitdem in ihrer Gattung international führenden Formation gaben sich hier die Ehre. Ein Ensemble, das sich in den gut zehn Jahren seines Bestehens nicht weniger als sechs erste Preise bei internationalen Wettbewerben erspielt und sich darüber hinaus einen Namen mit der Entdeckung und Interpretation vergessener oder (vermeintlich) verschollener Werke der Gattung gemacht hat.

Ein besonders spektakuläres Beispiel dafür präsentierten sie bei diesem Konzert nach der Pause in Form von Bela Bartoks 1898 entstandenem einzigen Klavierquartett. Vorausgegangen waren zwei kongeniale Interpretationen zweier Standardwerke der Literatur: Mozarts Werk in Es-Dur (KV 493) und Schumanns op. 20 in c-moll.

Was macht das Besondere im Vortrag des Notos-Quartetts – mit Namen Sindri Lederer (Violine), Andrea Burger (Viola), Philip Graham (Violoncello) und last but not least die Pianistin Antonia Köster – aus? Überragende technische Kompetenz gewiss, dazu Farbenreichtum, Strahlkraft und Homogenität des Ensembleklangs. Doch hinzu kommen noch Unwägbarkeiten wie eine geistige Spannung und immer präsente Geistesgegenwart, ein aus dem Moment heraus geborener Spielwitz und Ideenreichtum, der auch bei bekannten, oft gespielten Meisterwerken immer wieder für unvorhersehbare Momente und beglückende Überraschungen sorgt.

Wie diszipliniert und zugleich völlig schwerelos, herrlich losgelöst gingen die vier zum Auftakt in Mozarts Klavierquartett KV 493 zu Werke: 1786 – also im Jahr von „Figaros Hochzeit“ entstanden, zählt es nicht nur zu seinen schönsten, inspiriertesten Kammermusikwerken. Es gilt mit seinem Reichtum und der Feinheit der Erfindung im Geist des „Figaro“, durch seine modulatorische Kühnheit und unbeschreibliche Eleganz als ein Gipfel der klassischen Kammermusik überhaupt. Und dies, obwohl es damals auch vom kleinen Kreis kundiger zeitgenössischer Hörer keineswegs enthusiastisch, eher mit Befremden aufgenommen wurde.

Hinreißend schon der erste Satz mit seiner rhythmischen Akzentuiertheit, der Eloquenz von Sindri Lederers Violine und besonders dem brillanten Part von Antonia Köster, die sich mit der unerschöpflichen Variabilität und wunderbaren Sensibilität ihres Anschlags als Kammermusikerin allerersten Ranges empfahl.

Von berückender Schönheit

Von berückender Schönheit war dann das berühmte As-Dur Larghetto, wo Mozart im Dialog zwischen Klavier und Streichtrio den Stil der galanten Musik zu einer nie mehr erreichten Intimität und Tiefe der Empfindung sublimiert, von übermütiger Spiellaune sprühend das geistvoll-heitere Allegretto-Finale.

Grandios auf andere Art anschließend die Interpretation von Robert Schumanns 1842 entstandenem c-moll Klavierquartett: Ungemein kraftvoll und klangprächtig, mit zuweilen explosiver, in der Reprise geradezu entfesselter Dynamik und leidenschaftlich gesteigertem Ausdruckswillen gingen die Notos-Leute im Kopfsatz zu Werk. Mit scharf ausgearbeiteten Kontrasten und voll untergründiger Spannung im geisterhaften Scherzo, dann im hochemotionalen Andante sang Philip Grahams Cello mit solch verhaltener Sehnsucht und schmerzlicher Inbrunst, das man die Quintessenz romantischer Kammermusik zu erleben meinte.

Das eigenwillige Vivace-Finale mit seinen Fugatopassagen endlich geriet zu einem imponierenden, mitreißenden Bravourstück, in dem Disziplin, Ausgefeiltheit und feuriges Temperament auf stupende Art miteinander verschmolzen.

Die eigentliche Entdeckung des Abends sollte nach der Pause folgen mit dem viersätzigen Klavierquartett des 17-jährigen Bela Bartok. Entdeckt worden war es zunächst vom Notos-Quartett selbst. An diesem Abend im Roten Saal war es laut Philip Graham insgesamt erst zum fünften Mal öffentlich zu hören. Man begegnet dem Jugendwerk eines Hochbegabten, der freilich noch im Bann seiner Vorbilder bzw. der Epoche der ausklingenden Romantik steht und seinen eigenen Ton und Stil noch nicht gefunden hat. Und dennoch, auch wenn dieses Quartett nicht mit den beiden zuvor gespielten Werken konkurrieren kann, bewundernswert genug waren sein rein handwerkliches Niveau, die frühreife Könnerschaft, Stilsicherheit und gebändigte emotionale Intensität, in der sich die große Komponistenpersönlichkeit deutlich ankündigte.

Im Kopfsatz mit seiner herben Harmonik meint man zuweilen Brahms zu hören, das hämmernde, jagende Scherzo steht in der romantischen Tradition, ebenso das gedämpfte, verhaltene Melos des langsamen Satzes, der schmerzlich und in manchen Violinkantilenen fast etwas schmalzig klingt.

Im wilden, ausgelassenen Finale zollt der junge Bartok dann der Volksmusik seiner Heimat Reverenz und deutet schon seine spätere Entwicklung an. Für die vielen Bravos und minutenlangen Ovationen im Roten Saal bedankte sich das Notos-Quartett noch mit einer Quartettfassung von Fritz Kreislers „Liebesleid“.