Bad Mergentheim

Prozess 28-Jähriger aus dem Altkreis wegen folgenschwerer Tritte und Vergewaltigung vor dem Amtsgericht / Angeklagter bestreitet Tatvorwürfe aus dem Jahr 2013

Schleier über Vorgängen bislang nur bedingt gelüftet

Archivartikel

Bad Mergentheim.Ein 28 Jahre alter Mann aus dem Altkreis steht wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung vor dem Amtsgericht Bad Mergentheim. Der Angeklagte soll laut Staatsanwalt 2013 in Igersheim seine schwangere Freundin bei einem Streit in den Bauch getreten haben, sodass die Frau eine Fehlgeburt erlitt. Bei einem „Versöhnungsurlaub“ soll er sie dann vergewaltigt haben.

Das mutmaßliche Opfer war in der Folge wegen psychischer Probleme mehrfach in Kliniken und zeigte die Taten erst Jahre später an. Der Angeklagte bestreitet die Vorwürfe.

Insgesamt sind drei Prozesstage für den heiklen Fall angesetzt – auch am zweiten Verhandlungstag am vergangenen Mittwoch lüfteten sich die Schleier nur bedingt. Das vorgeworfene Tatgeschehen liegt Jahre zurück, Zeugen können sich teils nur lückenhaft erinnern. Angezeigt wurde die Tat erst 2016 beim Kriminaldauerdienst der Polizei in Würzburg – wo das Paar sich studienbedingt damals aufhielt.

Befragt wurde vor dem Amtsgericht unter Vorsitz von Richterin Susanne Friedl der bayerische Kriminalbeamte, der die Frau vernommen hatte. Der auch mit Vergewaltigungsvorwürfen erfahrene Polizist schilderte die Aussagen der jungen Frau R. als glaubhaft: „Sie hat alles sehr detailgetreu vorgetragen.“ Er sei von den Ermittlungen selbst „sehr mitgenommen“ gewesen.

Ärztin weiß nichts von Gewalt

Zusammenfassen lassen sich sich die Tatvorwürfe so: R. war von ihrem Freund M. schwanger geworden. Er habe sich zuerst gefreut, aber dann habe ihm die Schwangerschaft „nicht gepasst“. Er habe R. dann zu einer „Zwangsabtreibung“ gedrängt, später in Igersheim dann so massiv auf sie eingeschlagen bzw. getreten, dass es zur Fehlgeburt gekommen sei. Es kam zum „Versöhnungsurlaub“ an der Nordsee (dort sei es zur Vergewaltigung gekommen), zur Trennung, zum Psychiatrieaufenthalt. Bis heute folgten therapeutische Behandlungen. Erst drei Jahre nach der Tat die Anzeige nach ermutigenden Gesprächen mit Psychologen. R. habe so lange geschwiegen, weil M. seine Freundin früher massiv eingeschüchtert und deren Familie bedroht habe, so die Aussage von R. bei der Polizei.

Eine Schwangerschaft habe bestanden, bestätigte die behandelnde Frauenärztin. Von Misshandlungen und Schlägen wisse sie nichts – dass es zu einer Fehlgeburt kam, das belegen entsprechende Laborwerte. R. wurde auch in einer Klinik untersucht.

Ist der vor Gericht insgesamt ruhig wirkende Angeklagte ein sexueller Gewalttäter und Schläger? Eine Aussage einer Ex-Freundin belastet ihn in einem Detail durchaus: Bei einem Streit sei der ansonsten nicht zur Gewalt neigende Mann durchgedreht und habe ihren Kopf gegen eine Wand geschlagen. Sie habe sich daraufhin im Badezimmer eingeschlossen und die Polizei angerufen. Bis die eintraf, habe sich M. wieder unter Kontrolle gehabt. Zu sexuell motivierter Gewalt sei es aber nie gekommen – ein „Nein“ habe M. in der rund zweijährigen Beziehung stets und ohne Aggressionen akzeptiert.

Vernommen wurden als Zeugen auch Familienmitglieder der jungen Frau. Sie verwiesen auf zeitbedingte starke Erinnerungslücken. M. habe aber wochenlang das Handy von R. gesperrt, sie sozusagen von der Familie abgeschottet. Es hat aber offenbar ein Gespräch mit dem Bruder des Opfers über den Tatzusammenhang gegeben.

Direkt darauf angesprochen, habe M. „zugegeben, dass er sie geschlagen hat“, so der Bruder vor Gericht. Auch R.s Mutter erinnert sich: „Ich habe ihn gefragt: Hast Du meine Tochter geschlagen? Und dann hat er gesagt: Ja.“ Vom Gericht angesprochen auf die Vergewaltigung bzw. einen Geschlechtsverkehr im Urlaub erinnerte sich die Mutter an ein Gespräch mit der Tochter: Diese habe sich ihr gegenüber geäußert, „sie wollte nicht, aber er hat sie gezwungen.“

Psychiater sollen aussagen

Obwohl die geschilderten Aussagen auf ein schuldhaftes Verhalten von M. hindeuten – zum jetzigen Verfahrensstand muss vor Vorverurteilungen gewarnt werden: An den Vorwürfen „ist null dran“, so Verteidiger Michael Pfleger (Bad Mergentheim). Sein Mandant habe sich am ersten Verhandlungstag umfassend geäußert und beteuert auch weiter seine Unschuld. Die Verteidigung geht von einer Borderlinestörung der Frau aus. Die Krankheit geht oft mit verfolgungswahnhaften Vorstellungen einher.

Obwohl ein möglicherweise „unberechenbarer“ psychischer Zustand der Frau schon vor den angeklagten Taten mehrfach Thema im Prozess war – Licht in dieses diagnostische Dunkel wird wohl erst die Aussage eines Psychiaters bringen. Der ist zum wahrscheinlich letzten Verhandlungstag am 11. Juli als Zeuge geladen.

Auch der Aussage eines ermittelnden Polizeibeamten aus dem Main-Tauber-Kreis dürfte hohes Gewicht zufallen – er konnte am Mittwoch krankheitsbedingt nicht gehört werden und wird ebenfalls am 11. Juli geladen.