Bad Mergentheim

800 Jahre Deutscher Orden Erster Teil einer kleinen Serie über das Bad Mergentheimer Schloss / Verwaltungsresidenz für Beamte statt „herrlich vornehmes Barockschloss“

„Schmutzige und langweilige Baumasse“

Architekt Eugen Eger zeigte sich in den 1920er Jahren zum Teil enttäuscht von der ehemaligen Residenz der Hoch- und Deutschmeister.

Bad Mergentheim. Als der Stuttgarter Architekt Eugen Eger in den 1920er Jahren sich in einen fremden Gast versetzte, der vom Bahnhof kommend zum Marktplatz und dann die Burggasse entlang lief, um das Mergentheimer Schloss in Augenschein zu nehmen, stellte er sich vor, dass der Gast wohl „rechtschaffen enttäuscht“ worden wäre. Denn angesichts der Tatsache, dass hier fast drei Jahrhunderte lang die Hoch- und Deutschmeister residierten, wäre doch ein „herrlich vornehmes Barockschloss“ zu erwarten gewesen. Was aber präsentierte sich dem Gast? „Eine schmutzige, ungegliederte, langweilige Baumasse, aus der der kahle Blaserturm unvermittelt einsam und blöd gen Himmel starrt“.

Eger will es aber nicht bei diesem „harten Urteil“ bewenden lassen, denn im Grunde genommen imponiert ihm dieser „gewaltige Bau“, den man aufgrund seiner Anspruchslosigkeit und seines Alters dann doch liebgewinne, je öfter man an ihm vorbei gehe.

„Wie oft mögen der Statthalter des Deutschmeisters und die Ritter in der auf Äußerlichkeiten so großen Wert legenden Zeit des 18. Jahrhunderts dem Deutschmeister vorgeworfen haben, das Schloss sei Seiner Gnaden und ihrer nicht mehr würdig!“, denkt sich Eger in die Deutschordenszeit zurück und erinnert daran, dass mehr als ein Architekt veranlasst worden sei, Vorschläge zur Verschönerung der Schlossfassade zu machen.

Sogar der berühmte Balthasar Neumann habe sich mit Plänen befasst, um einen neuen „herrlichen Eingang“ zu schaffen. „Der Graben sollte eingeworfen, reiche Arkaden dem Erdgeschoß vorgelagert und die Fenster mit lebhaften Stuckfassungen verziert werden“, schildert Eger die Verschönerungsvorschläge Neumanns, die allerdings nicht umgesetzt wurden, denn „der priesterliche Deutschmeister erlag nicht den Lockungen seiner Beamten“. Die Kosten seien ihm für solche „Äußerlichkeiten“ einfach zu hoch gewesen.

Kaserne und Kleiderfabrik

Als Eger seine Eindrücke vom Schloss in seinem 1925 erschienen Mergentheimer Stadtführer festgehalten hatte, war im Schloss die Garnison stationiert und der Glanz des Deutschen Ordens, der 1809 in den Rheinbundstaaten aufgelöst worden war, längst erloschen. Der Hochmeister hatte seinen Sitz nach Wien verlegt und der Niedergang der Residenz nahm seinen Lauf.

Vorübergehend diente das Gebäude ab 1827 als Domizil des meist abwesenden Naturforschers Herzog Paul und seiner völkerkundlichen Sammlungen und wurde in der Folgezeit unterschiedlichsten Nutzungen unterworfen: Verwaltungen, Behörden und städtische Einrichtungen machten sich breit. Auch als Kaserne musste das Gebäude herhalten. Private Mieter fanden eine zeitweilige Bleibe. Für Schulklassen und sogar für eine Kleiderfabrik wurden Räume zur Verfügung gestellt.

Dank der umfassenden Gebäudesanierung in den 1980er und 1990er Jahren erstrahlt das landeseigene Schloss wieder in neuem Glanz und bildet mit seinem Museum ein zugkräftiges Besuchermagnet.

Aber kehren wir noch einmal zu Eugen Eger und zu seinem enttäuschten Schlosseindruck zurück. Wenn sein Urteil auch vielleicht zu hart klang, ganz unrecht hatte er nicht, denn die Direktorin des Deutschordensmuseums, Maike Trentin-Meyer, kommt in ihrem Beitrag über die Mergentheimer Residenz in den „Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens“ (Band 79) zu der Auffassung, dass das Schloss vor allem eine „Verwaltungsresidenz“ des Ordens gewesen sei.

Die Hoch- und Deutschmeister seien oft Persönlichkeiten gewesen, die ihren Hofstaat nicht auf Dauer nach Mergentheim verlegt, sondern das Schloss nur für kurze Aufenthalte genutzt hätten. Daher sei auf repräsentative Zwecke weniger Wert gelegt worden. Aus diesen Gründen, so Trentin-Meyer, könne man von einer vor allem funktionalen Anlage sprechen, die durch ihre Größe und Weitläufigkeit beeindrucke.

„Famoser Hauptportalbau“

Somit erklärt sich für Trentin-Meyer auch, warum das Mergentheimer Schloss im Gewand der Renaissance stecken geblieben sei und typische Merkmale einer Barockresidenz wie zum Beispiel ein prunkvolles Treppenhaus fehlen.

Apropos Treppenhaus. Es stimmt, ein prunkvolles Treppenhaus fehlt im Mergentheimer Schloss. Dafür besitzt es aber die Berwarttreppe, die von Trentin-Meyer so beschrieben wird: „Man beginnt unten in der Treppe, in der Dunkelheit und durchschreitet den Weg zum Licht, zum Himmel mit der Sonne.“ Das lässt sich wohl kaum noch toppen.

Und auch Eger erlebte eine „angenehme Überraschung“, als er das Schloss weiter in Augenschein nahm.

Er durchschritt den Schlosseingang, den er als „ganz famosen Hauptportalbau“ bezeichnet, „der den adeligen, strammen Deutschrittern alle Ehre macht“ und der, zusammen mit dem Schlosshof, zu den Eindrücken gehört, „den jeder, der Mergentheim nur einmal besucht hat, nicht mehr vergessen wird“.