Bad Mergentheim

Schweinefachtagung in Bad Mergentheim Interessante Themen angesprochen

Tierwohl wird immer wichtiger

Vor allem viele jüngere Frauen und Männer, die als Produzenten, Berater, Schüler oder Auszubildende mit der Schweinehaltung zu tun haben, folgten der Einladung zur Schweinefachtagung.

Bad Mergentheim. Im ansprechenden Saal der Sparkasse Tauberfranken fand die Schweinefachtagung statt. Das Landwirtschaftsamt, VLF, die Tierärzte Weikersheim und der Beratungsdienst Schweinehaltung entsandten kompetente Experten für die spannenden Fachvorträge.

Welche Bedeutung und Chancen haben Schweinefleisch-Qualitätsprogramme in Süddeutschland ? Angesichts einer denkbar schwieriger Situation in der Ferkelerzeugung und Schweinemast suchen Schweinehalter nach Möglichkeiten um ihre Erlöse durch die Teilnahme an Qualitätsprogrammen zu verbessern. Die Art der Programme ist schwierig zu durchschauen, weil sie sich nach Region, Bundesland, Rasse und vielerlei Haltungsvorschriften unterscheiden.

Klaus Dorsch ist Redaktionsleiter von „Top Agrar - Südplus“. Er verstand es die Unterschiede der Vielzahl von staatlichen und privatwirtschaftlichen Programmen herauszuarbeiten. Momentan bestimmen verschiedene Trends den Schweinemarkt. So ist die Erzeugung und der Pro-Kopf-Verbrauch von Schweinefleisch rückläufig. Gleichzeitig wird die regionale Herkunft immer mehr gefragt und spielt das Tierwohl beim Fleischeinkauf eine zunehmende Rolle. Diese Tendenzen führen zu einer Aufsplittung des Marktes für Schweinefleisch. So führte der Discounter Lidl im April dieses Jahres bei seinen Eigenmarken eine Kennzeichnung nach Haltungskriterien ein. Dabei entspricht die Stufe 1 der „Haltung nach gesetzlichen Vorgaben“. Bei der Stufe 2 „Stallhaltung Plus“ werden mindestens zehn Prozent mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben und organisches Beschäftigungsmaterial verlangt.

Zur Stufe 3 gehören der „Auslauf“ und mindestens 40 Prozent mehr Platz, ein Zugang zum Außenklima, mindestens eine Offenfront, organisches Beschäftigungsmaterial, zusätzlich Stroh und eine gentechnikfreie Fütterung. Die höchste Stufe 4 entspricht den Richtlinien der EU-Öko-Verordnung. Langfristig soll das komplette Eigenmarkensortiment im Bereich Frischfleisch mindestens auf Stufe 2 gehoben werden, bereits nächstes Jahr soll es die Hälfte sein.

Dorsch zeigte als weiteres Beispiel die Initiative Tierwohl auf. Dies ist eine Vereinbarung von Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Lebensmitteleinzelhandel. Es gibt für definierte Tierwohlmaßnahmen vorab festgelegte Kosten- und Aufwandsentschädigungen.

Problematisch ist, dass das Fleisch von Tierwohlbetrieben zusammen mit nicht teilnehmenden Betrieben gemeinsam erfasst und verarbeitet wird, dabei gibt es keine Unterscheidung an der Ladentheke. Neben diesen Programmen gibt es viele regionale Premiumfleischsiegel wie zum Beispiel QZ Baden-Württemberg, welches 2003 startete. 2017 nahmen 318 Erzeuger daran teil.

1500 Erzeuger haben sich dem Süddeutschen Schweinefleisch angeschlossen. Eine Alternative zum Gutfleisch-Programm (2003) startete die VZ. Bereits 1988 begann das Schwäbisch-Hällische Qualitätsprogramm. Im gleichen Jahr legte auch Neuland los. Hier besteht eine große Nachfrage vor allem aus nördlichen Regionen. Das Hofglück-Programm sucht Ferkelerzeuger, geschlossene Betriebe und Mäster. Auch das Wertschätze_Programm sieht noch Vermarktungspotenzial. Die „Fakt-Förderung“ wird von 165 Betrieben genutzt.

Bei den Qualitätsfleischprogrammen besteht eine „große Dynamik“, die wohl weiter zunehmen wird, denn jeder Einzelhändler will mit seinem Programm punkten. Weil der Rohstoff „Schwein“ in Süddeutschland knapper wird können Erzeuger leichter „Nein“ sagen, wenn sich die Auflagen nicht rentieren. Manche Programme rechnen sich erst dann, wenn sie etwa mit Tierwohl gekoppelt werden.

Nicht nur bei Qualitätsfleischprogrammen, sondern auch bei der ökologischen Schweinehaltung suchen Familienbetriebe in Süddeutschland eine bessere Zukunft. Professor Dr. Wilhelm Pflanz von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf sieht hier durchaus realistische Chancen. Ökonomisch spreche für die Ökoschweinehaltung, dass verschiedene Förderprogramme kombiniert werden können. Trotzdem lässt sich nur ein Stundenlohn von 15 Euro erzielen. Pflanz zog dieses Fazit: Der Ökolandbau ist mit zehn Prozent der Betriebe in Deutschland keine Nische mehr, auch die Herausforderungen in der Primärproduktion sind zu lösen. Zwar sehen der Markt und die Wirtschaftlichkeit derzeit positiv aus, die Zukunft ist jedoch schwieriger einzuschätzen. Aber bei der kaufkräftigen Bevölkerung in Süddeutschland ziehe die Kombination „bio + regional = optimal“ und schaffe ein Potenzial von 20 Prozent.

Auch wird die Agrarförderung die Ökolandwirtschaft weiter unterstützen und sind Niedrigpreisphasen im Ökolandbau leichter zu überstehen. Im Ökolandbau stellt die Tierhaltung die „Schlüsselfunktion“ für geschlossene Nährstoffkreisläufe. Anders als bei den Ökopionieren vor 40 Jahren sind Marktpartner vorhanden. „Entscheidend ist die Einstellung der Betriebsleiterfamilie, jedoch gibt es eine Perspektive“, resümierte Pflanz, der selbst einen Ökostall betreibt.

Die Schüler der Akademie Kupferzell sind beste Botschafter der hiesigen Landwirtschaft. Frisch, selbstbewusst und kompetent stellten zwei Junglandwirte die Ergebnisse ihrer Studienprojekte vor, die sie in ihren Sauenställen gewonnen hatten. Dies geschah nicht um des Projektswillen, sondern sollte praktische Lösungen schaffen. Dies gelang Dominik Stier mit der Installation eines Lichtprogramms im Wartestall. Dies führte zu größeren und ausgeglicheren Würfen. Auch die Umstellung vom Einwochenrhythmus auf den Dreiwochenrhythmus brachte im Betrieb von Ralf Hornung eine deutliche Arbeitszeitersparnis.

Die Palette wurde durch Dr. Evamaria Spitzley mit dem Thema „Im Resistenz-Dschungel – Regelungen zum Antibiotikaeinsatz“, durch Dr. Heinrich-Jürgen Zumbusch zum Thema „Geringeres Geburtsrisiko für Sauen und Ferkel bei gut durchdachtem Abferkelmanagement“ und einen Bericht von Dr. Gerhard Wegmann zum aktuellen Stand der afrikanischen Schweinepest abgerundet.

Der gute Besuch zeigte: Die Fachtagung ist ein Muss für den fortschrittlichen Schweinehalter. TZe