Bad Mergentheim

Abschluss-Museumskonzert „Trio Lézard“ gab im Roten Saal ein Konzert mit von Leichtigkeit, Transparenz und Lebensfreude geprägter Musik

Unerschöpfliche Anzahl malerischer Klangmischungen

Archivartikel

Bad Mergentheim.Minutenlang gefeiert wurde im voll besetzten Roten Saal des Deutschordensschlosses der Auftritt des „Trio Lézard“, das beim Abschlusskonzert hinter die letzte Saison der Museumskonzerte ein gleichermaßen künstlerisch hochkarätiges wie witziges und unterhaltsames Ausrufezeichen setzte.

Das vor 20 Jahren gegründete und seitdem in unveränderter Besetzung zusammenarbeitende Ensemble, genauer der Klarinettist Jan Creutz, Oboist Stéphane Egeling und Fagottist Stefan Hoffmann, zeichnet sich dadurch aus, dass es die ursprünglich aus Frankreich stammende Trio-Formation („Trio d’anches“) aus Oboe, Klarinette und Fagott unter Verwendung auch weniger gebräuchlicher Instrumententypen klanglich und stilistisch variiert und in ihren Ausdrucksmöglichkeiten erweitert. Da ergeben sich dann überaus reizvolle Kombinationen, wenn etwa das grotesk-humoristische, die tiefsten Bässe bedienende Kontrafagott, schon äußerlich ein gewaltiges Instrument, mit dem eher ätherischen Klang des Sopransaxophons kontrastiert oder das überaus klangschöne, elegische Englischhorn sich zu den fahlen, geisterhaften Frequenzen der Bassklarinette gesellt. Gerade in der reichhaltigen Gattung der Holzblasinstrumente steht der Phantasie des Arrangeurs ja eine fast unerschöpfliche Anzahl malerischer Klangmischungen zu Gebote.

„Paris 1937“, das Motto des Abends, steht für jenes Jahrzehnt vor Ausbruch des II. Weltkriegs, wo durch Initiative des seiner Zeit sehr bekannten Pariser Fagottisten Fernand Oubradous (1903-1986) diese bis dahin unübliche Gattung des „Trio d’anches“ ins Leben gerufen wurde (genau genommen schon 1927) und damit zur Grundlage einer Fülle von überaus reizvollen Schöpfungen renommierter französischer Komponisten wurde.

Musiker wie Jean Rivier (1896-1989), Reynaldo Hahn (1874-1947) oder Georges Auric (1899-1983), von denen in diesem Konzert Beispiele gegeben wurden, haben in dieser Gattung gehobener Unterhaltungsmusik, die den Franzosen traditionell besonders liegt, Zeitloses geleistet: In einer Musik, geprägt von Leichtigkeit, Transparenz und Lebensfreude mit gelegentlichen melancholischen Anwandlungen, voll Anmut und Grazie, Charme und Eleganz, wo die in Deutschland immer noch zäh bewahrten Grenzen zwischen „E“ und „U“-Musik ganz selbstverständlich aufgehoben scheinen. Dies und noch mehr erfuhr man in den humorvollen Einführungen der Mitglieder des „Trio Lézard“, die es sich bei ihren Auftritten zur Aufgabe gemacht haben, in Wort und Ton das Belehrende mit dem Unterhaltenden zu verbinden und sich auch nicht zu schade sind, zu Demonstrationszwecken ein antikes Grammophon vom Baujahr 1915 mit einer Kurbel in Bewegung zu setzen. Abwechslung tut Not – hier in Form von zwei Holzbläser-Arrangements von Bachs Triosonate Es-Dur (eigentlich für Orgel geschrieben) und Mozarts fünfteiligem Divertimento KV 229. Bachs Bearbeitung, in der die Oboe durch das tiefere Englischhorn ersetzt war, imponierte durch ihre Virtuosität, ausdrucksvoll plastische Lebendigkeit und Musizierfreude; bei Mozarts Divertimento, hier in einem historisch barocken Klanggewand, mit ihrem wunderbar melodiösen Adagio, den beseelten Menuetts und quirligen Ecksätzen wurde die Geistesverwandtschaft zur Musik von Rivier & Co. deutlich: Ihr schwereloser Spielwitz, ihre transzendente Heiterkeit, wie sie etwa in Jean Riviers kleiner Suite, der idyllischen Hirtenmusik („Eglogue“) von Reynaldo Hahn oder George Aurics 1937 entstandenem Trio zutage tritt, war darin in vielem schon vorgebildet und musste nur noch ins heimische Idiom übersetzt werden.

An einem Pariser Abend durften natürlich auch das klassische Chanson nicht fehlen, anhand einige Beispiele, die einst durch den Sänger Jean Sablon (1906-1994) populär gemacht wurden. Geschrieben waren sie vom unvergessenen Charles Trenet (1896-1964), dem Klassiker des französischen Chansons, der wie kaum ein anderer das bittersüße, trotz allem bejahende Lebensgefühl jener Epoche formulierte, pendelnd zwischen tiefer Depression (in dem dunkelfarbigen „Seul“) und trotziger Zuversicht („J’ai ta main“). Sein bekanntestes Lied „J’attendrai“ sparte sich das „Trio Lézard“ allerdings für die insgesamt drei Zugaben auf, zu denen sie nach dem überschwänglichen Schlussbeifall im „Roten Saal“ des Deutschordensmuseums gewissermaßen verpflichtet waren. Danach gab es noch einen Tango und schließlich – trotz allem überraschend – noch ein deutscher Schlager: Die unsterblichen „Caprifischer“ von Gerhard Winkler, die trotz eines zeitlichen Abstands von nun 70 Jahren einem großen Teil des Publikums im Roten Saal immer noch geläufig waren. Es wurde jedenfalls nicht nur mitgesummt sondern auch mitgesungen – und zwar erstaunlich textsicher.