Bad Mergentheim

Schöffengericht Bad Mergentheim Prozess wegen Vergewaltigung / Schwierige Verhandlung

Urteil: Zwei Jahre und sieben Monate Gefängnis

Bad Mergentheim.Unter anderem wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung musste sich seit Juni ein 28-jähriger Mann aus dem Altkreis vor dem Bad Mergentheimer Amtsgericht verantworten (wir berichteten). Am vergangenen Mittwochnachmittag fand die öffentliche Fortsetzung der Hauptverhandlung unter Leitung von Richterin Susanne Friedl sowie am frühen Abend nach eingehender Beratung des Schöffengerichts die Urteilsverkündung statt.

Der Angeklagte M. soll laut Staatsanwaltschaft im Jahr 2013 seine schwangere Freundin R. bei einem Streit in den Bauch getreten haben, so dass die damals erst wenige Wochen schwangere Frau eine Fehlgeburt erlitten habe. Zum zweiten soll er sie während eines „Versöhnungsurlaubs“ nach einem erneuten Streit vergewaltigt haben.

Zudem habe der 28-Jährige ebenfalls bei einem eskalierenden Wortgefecht seine Freundin mit einem Messer bedroht. Das mutmaßliche Opfer war in der Folge wegen psychischer Probleme mehrfach in Psychiatriekliniken und in psychiatrischer Arztbehandlung.

Da R. die ihm vorgeworfenen Taten erst 2016 bei der Kriminalpolizei in Würzburg zur Anzeige brachte, war zwar die mutmaßliche Messerbedrohung bereits verjährt, jedoch nicht die beiden anderen zur Last gelegten Strafdelikte. Der Angeklagte hatte hingegen von Beginn an bis zuletzt die Vorwürfe vehement abgestritten.

Der Fall gestaltete sich zum einen wegen der grundsätzlich vollkommen kontroversen Darstellungen und Wertungen der vermeintlichen Sachverhalte durch M. und dessen Strafverteidiger einerseits sowie andererseits durch R. als Nebenklägerin und deren Nebenklägervertreter als äußerst heikel.

Dazu zählte unter anderem auch, dass das Abstreiten der ihm zur Last gelegten Straftaten durch M. und dessen Anwalt im Wesentlichen auf deren Argumentation beruhte, die Vorwürfe seien aufgrund Persönlichkeitsstörungen und psychischer Probleme von R. geradezu frei erfunden. Zum zweiten, da die Anzeige erst viel später erfolgte und die vorgeworfenen Tatgeschehen inzwischen rund fünf Jahre zurück lagen, konnten sich Zeugen deshalb teilweise nur mehr lückenhaft erinnern.

Trotz Vernehmung von vier weiteren Zeugen gelang es auch am letzten von insgesamt drei Prozesstagen nicht, wirklich Licht in die wahren Geschehnisse zu bringen. Bei den vorhergehenden Zeugenvernehmungen belastete den vor Gericht ruhig wirkenden Angeklagten allerdings zum Beispiel die Aussage einer Ex-Freundin in einem Detail. Wie sie berichtete, habe sie der ansonsten nicht zur Gewalt neigende M. bei einem Streit am Kopf verletzt, worauf sie die Polizei angerufen habe, wobei er sich bis zu deren Eintreffen wieder unter Kontrolle gehabt habe.

Ebenfalls unterschiedliche Auffassungen gab es insbesondere auch von zwei Ärzten der Psychiatriekliniken, in denen R. jeweils behandelt worden war, hinsichtlich der Begutachtung, ob die junge Frau, die das Unternehmen eines Suizidversuchs im Jahr 2010 eingeräumt hatte, speziell an einer so genannten Boderline-Persönlichkeitsstörung erkrankt sei. Auf eine mögliche Beantwortung dieser Frage drängte vor allem der Anwalt von M., weil seiner Meinung nach damit gegebenenfalls der Wahrheitsgehalt von Rs. Aussagen stark in Zweifel zu ziehen sei, da die Krankheit oft mit verfolgungswahnhaften Vorstellungen einhergehe. Für Richterin Friedl schien diese Frage letztlich jedoch irrelevant hierfür, so dass sie die vom Strafverteidiger heftig geforderte noch vorzunehmende Vernehmung einer Oberärztin als Zeugin ablehnte, zumal sich damit der Prozess noch weiter hingezogen hätte.

Sehr gute kognitive Eigenschaften attestierte eine psychologische Sachverständige in ihrer ausführlichen Stellungnahme am letzten Verhandlungstag als Beispiele dafür, dass R. eine uneingeschränkte Aussagefähigkeit aufweise sowie ihr alles sehr sachlich und detailliert geschildert habe.

Als absolut glaubhaft hielt der Staatsanwalt in seinem Plädoyer Rs. Aussagen und Vorwürfe gegen M. Für ihn gebe es an beiden Sachverhalten einer jeweiligen Straftat keine Zweifel, sowohl dass M. seine damalige Freundin geschlagen und dadurch eine Fehlgeburt auslösen wollte, wobei es sich aufgrund des noch sehr frühen Schwangerschaftsstadiums um einen so genannten „untauglichen Versuch“ gehandelt habe, als auch, dass er R. im damaligen Urlaub vergewaltigt habe. Unter Berücksichtigung unter anderem, dass der Angeklagte keine Vorstrafen habe, plädierte der Staatsanwalt für eine Haftstrafe von zwei Jahren und sieben Monaten.

„Uns sollte ein Bären aufgebunden werden“, zeigte sich der Nebenklägervertreter ebenso überzeugt wie, dass M. durch „Leisetreterei“ in seinem Auftreten vor Gericht als auch durch viele irrelevante Aussagen bis hin mit der Boderline-Hypothese eine „Ablenkungstaktik“ verfolgt habe.

Dass es für beide vorgeworfenen Taten bei M. keinerlei plausiblen Motive gegeben hätte, betonte dessen Verteidiger in seinem Plädoyer, der zudem zahlreiche Widersprüchlichkeiten in den Aussagen der Nebenklägerin sah. Da keine der Vorwürfe nachweisbar seien, plädierte er auf einen Freispruch für seinen Mandanten. Dieser schloss sich in seinem Abschlussstatement seinem Anwalt an. Er habe sich gegenüber R. nichts zu Schulden kommen lassen, beteuerte er.

Dies sahen Richterin Friedl und die beiden Schöffen ganz anders. Bei diesem sehr schwierigen und langen Verfahren mit zwei vollkommen entgegen gesetzten Aussagen seien sie zu dem Ergebnis gelangt, R. Glauben zu schenken. Die gutachterliche Sachverständigen-Stellungnahme der Psychologin sei zwar kein absoluter Beweis, jedoch eine Hilfestellung für das Gericht bei seiner Entscheidung gewesen. Zudem habe R. weder materielle oder finanzielle Interessen gehabt noch einen „Belastungseifer“, M. nach etwa drei Jahren noch anzuzeigen. Auch deshalb hätten sie und die Schöffen keinen Grund zum Zweifel an der Wahrheit von Rs. Aussagen, erklärte die Richterin.

In seinem Urteil folgte das Schöffengericht exakt dem Antrag des Staatsanwaltes mit einer Haftstrafe von zwei Jahren und sieben Monaten für den Angeklagten.