Bad Mergentheim

Psychologie Bad Mergentheimer Autorin Angelika Mayer-Rutz dokumentiert Schicksale von Transsexuellen / Geschlechtsangleichende Operationen sollen helfen

Verständnis für seelisches Leid vermitteln

Vorurteile abbauen und Akzeptanz für Transsexuelle schaffen – das möchte Angelika Mayer-Rutz mit ihrem neuen Buch. Dafür hat sie mit Betroffenen gesprochen und deren Geschichten aufgeschrieben.

Bad Mergentheim. Transsexualität, oft auch als Transidentität bezeichnet, bringt für Betroffene nicht selten große psychische Belastungen mit sich. Schon in ihrer Kindheit und Jugend haben sie das Gefühl, im falschen Körper geboren worden zu sein. Sie sehen sich als Frau, die in einer männlichen Hülle steckt oder umgekehrt. Dabei geht es nicht nur um die Sexualität, sondern um das generelle Selbstverständnis.

Die psychologische Beraterin Angelika Mayer-Rutz aus Bad Mergentheim hat beruflich und privat viele Betroffene kennengelernt. Unter anderem hat sie über mehrere Jahre am Schwullesbischen Zentrum „Werdet unsere Freunde“ (WuF) in Würzburg Gesprächskreise für Angehörige von Homosexuellen geleitet und ist dabei auch immer wieder mit transsexuellen Menschen ins Gespräch gekommen. Wie die 71-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt, wuchs ihr Interesse an dem Thema dadurch so sehr, dass sie sich in ihrem zweiten, nun veröffentlichten Buch intensiv damit befasst hat.

Anonymisierte Texte

Mit „Wie Phönix aus der Asche – Transsexuelle Menschen berichten“ möchte die Autorin Vorurteile gegenüber Betroffenen abbauen und für größere Akzeptanz in der Gesellschaft werben. „Ich hoffe, dass durch das Buch mehr Verständnis für die menschliche Komponente geweckt wird.“ Dazu hat sie die Lebensgeschichten von zwei Transsexuellen in anonymisierten Ich-Erzählungen aufgeschrieben.

Für die Vorrecherchen hat Mayer-Rutz mit zahlreichen Betroffenen gesprochen. Relativ schnell sei die Wahl dann aber auf die Protagonisten „Julia“ (43) und „Dennis“ (28) gefallen, auch aufgrund von deren psychischer Stärke und der Bereitschaft, sich ausführlich interviewen zu lassen.

Die Auswahl der Protagonisten ist auch deshalb schlüssig, weil es sich jeweils einmal um eine Frau im Männerkörper und einen Mann im Frauenkörper handelt. In Julias Fall lehnten außerdem die Eltern die neuen Lebenspläne ihres Kindes kategorisch ab, während Dennis große Unterstützung vor allem von seinem Vater erfuhr.

Intensiv beschreiben die Protagonisten ihre Verzweiflung und die Depressionen, unter denen sie teils über Jahre litten. Zu Wort kommen neben den Betroffenen selbst die Partnerin von Julia und eine langjährige Freundin von Dennis. Julia stellte zudem ihr Tagebuch, Textnachrichten und ein psychologisches Gutachten zur Verfügung.

In der DDR geboren

Die Feinmechanikerin Julia wurde in der ehemaligen DDR geboren und war sich ihres Andersseins schon in der Kindheit bewusst. Als junge Erwachsene hatte sie Beziehungen mit verschiedenen Frauen, die jedoch meist nicht lange hielten. Sie unternahm auch einen Selbstmordversuch. Nachdem sie bereits über lange Zeit weibliche Hormone genommen und Frauenkleider getragen hatte, ließ sie sich schließlich mit Mitte 20 die männlichen Geschlechtsorgane entfernen beziehungsweise diese optisch an weibliche annähern.

Der Mechatroniker Dennis aus Süddeutschland, der als Claudia mit weiblichem Körper geboren worden war, ging den umgekehrten Weg sehr viel früher. Er ließ bereits vor dem Abitur mehrere „geschlechtsangleichende“ Operationen an sich vornehmen. Auch der 22-jährige Jonathan, der in einem Frauenkörper geboren wurde, hat inzwischen eine Geschlechtsumwandlung hinter sich. Für das Buch hat er fünf selbstgemalte Bilder aus seiner Jugend bereitgestellt. Darauf sind unter anderem Phantasiewesen mit selbstzugefügten Verstümmelungen an den Geschlechtsmerkmalen zu sehen.

Julia, Dennis und Jonathan geben an, dass es ihnen nach den Operationen psychisch sehr viel besser geht als vorher. Die gesundheitlichen Konsequenzen, die die drei dafür in Kauf nehmen, zeigen, wie stark der psychische Leidensdruck gewesen sein muss. Auch wenn in den Texten einige körperliche Aspekte genau beschrieben werden, so habe sie an den Schicksalen doch genau diese psychologische Seite interessiert, erzählt Mayer-Rutz. Bei ihren Recherchen habe sie viel darüber gelernt, wie belastend ein Leben im falschen Körper sein kann. Das Schreiben sei daher nicht immer einfach gewesen: „Die Schicksale gehen einem nahe.“ Unterstützung hat sich die Autorin unter anderem bei Balian Buschbaum geholt. Von dem „Transmann“, der sich früher als Stabhochspringerin Yvonne Buschbaum einen Namen gemacht hat, stammt das Vorwort. Er schreibt: „Die einzige Chance, die wir haben, Missverständnisse, Ängste und Vorurteile gegenüber dem anders-Sein auszuräumen, ist Aufklärung. So möge dieses Buch ein Stück weit dazu beitragen.“