Bad Mergentheim

Demenz Informationstag im Eduard-Mörike-Haus gab wertvolle Tipps über bestehende Hilfsangebote / Erfahrungsaustausch im Mittelpunkt

Wenn nichts mehr so ist, wie es einmal war

Archivartikel

Bad Mergentheim.Für Demenz gibt es keine Heilung – nötig ist ein wertschätzender Umgang mit daran erkrankten Menschen. Zum Welt-Alzheimer-Tag veranstaltete das Eduard-Mörike-Haus einen Informationstag „Demenzielle Erkrankungen“.

Die Bewältigung des Alltags mit Demenzkranken, die bestehenden Hilfsangebote und deren Finanzierung durch die Pflegeversicherung sowie der Erfahrungsaustausch standen im Mittelpunkt der mit 60 Teilnehmern sehr gut besuchten Veranstaltung, die wieder gemeinsam mit dem Sozialverband VdK durchgeführt wurde.

Weltweit, so Hausdirektor Stefan Haberl, seien etwa 46 Millionen Menschen von Demenzerkrankungen betroffen, allein in Deutschland 1,7 Millionen. Eine Heilung gebe es nicht. Helfen könne man derzeit nur durch medizinische Behandlung, Aufklärung und Beratung sowie durch fachkundige Pflege und Betreuung der Kranken und deren Angehöriger. Dabei „tut Aufklärung Not“, denn die deutsche Gesellschaft habe noch immer Schwierigkeiten, Menschen mit Demenz zu akzeptieren. Das gehe bis zu Beschwerden von Nachbarn, die sich über die herausfordernden Verhaltensweisen von Erkrankten negativ äußerten.

Werner Seeger vom VdK stellte diesen als größten Sozialverband Deutschlands vor. Der VdK-Kreisverband Bad Mergentheim bestehe aus 13 Ortsverbänden und habe 3150 Mitglieder. Dr. Angela Weiß, verantwortlich für die Betreuungsgruppe für Menschen mit Demenz und der Selbsthilfegruppe für deren Angehörige, referierte über die verschiedenen Formen der Erkrankung und deren Ursachen. Risiken, an Demenz zu erkranken, seien vor allem Herz- und Kreislauferkrankungen, Diabetes, Depressionen, zu viel Alkohol und Nikotin, Mangel an geistiger und körperlicher Aktivität und das Alter. Rund 50 Prozent aller 90-Jährigen seien mehr oder weniger schwer an einer Demenz erkrankt.

Wolfgang Herz, Geschäftsstellenleiter der AOK Bad Mergentheim, erläuterte die Verbesserungen des Pflegestärkungsgesetzes II für Menschen mit Demenz. Seit 2017 werden nach dessen Vorgaben in den Begutachtungsrichtlinien zur Einschätzung der Pflegebedürftigkeit auch psychische oder anders auffällige Verhaltensweisen und die Fähigkeit zur Alltagsbewältigung oder sozialer Kontaktpflege berücksichtigt. Damit sei der Kreis der Leistungsempfänger gestiegen – man müsse diese Gelder allerdings auch beantragen.

In Deutschland seien etwa 2,7 Millionen Menschen auf Pflege angewiesen. Rund zwei Drittel dieser Menschen würden zu Hause durch Angehörige und ambulante Pflege versorgt. Angelika Sinz-Ulshöfer, Krankenschwester und Fachtherapeutin für Gerontologie und Gerontopsychiatrie, machte deutlich, dass dementen Menschen zwar krankheitsbedingt Logik verwehrt bliebe, aber die Sinne und Gefühle weiterhin wichtige Reizgeber seien. Dies lasse sich im Alltag relativ einfach integrieren – etwa durch das Lieblingslied, das schöne Erinnerungen hervorrufe oder durch das Dabeisein beim Kochen mit den vertrauten Geräuschen, Gerüchen und Lebensmitteln.

Wenn demente Menschen von ihren Sorgen sprächen, so müsse man diese ernst nehmen, auch wenn man für sie keinen realen Grund erkennen könne. Auch vorsichtige Korrekturen würden oft als furchtbare Kritik verstanden, man solle daher damit vorsichtig umgehen. Für Demenz gebe es bisher weder Heilmittel noch Impfung, stellte Apothekerin Edith Gabel, Goldbach-Apotheke Igersheim, fest. Doch seien symptomatische Behandlungen möglich, die den Verlauf der Erkrankung zwar nicht aufhalten, aber verlangsamen könnten.

Abschließend sprach Stefan Haberl über die soziale Isolation von Menschen, die an Demenz erkrankten. Bedingt sei sie durch das Verschwinden von gemeinsamen Berührungspunkten, dem Rückzug der betroffenen Familien oder der Abkehr von Freunden und Bekannten. Das führe dann zu Überforderung der Betroffenen. Für den kranken Menschen fehlten die Reize und Impulse durch bisher vertraute Personen, die ein langsameres Fortschreiten der Erkrankung unterstützen könnten. Den Angehörigen fehlten die Bezugspersonen, mit denen sie offen über ihre Sorgen und Nöte sprechen könnten. Das bedeute einen Verlust der Lebensqualität für alle Beteiligten. Stefan Haberl ermunterte die Pflegenden, offen mit der Erkrankung umzugehen, denn „Demenz ist keine Schande“. Wichtig sei es im Alltag, Lösungen zu suchen, die dem Erkrankten „auf der Gefühlsebene Spaß machen“. Gut sei es auch, sich Unterstützung von außen zu holen und sich so wieder eigene Zeit zu verschaffen. Hilfreich seien auch Angehörigen-Gesprächsgruppen.

Für den Erkrankten solle man versuchen, gemeinsame Erlebnisse zu schaffen und nach Möglichkeit eine Vernetzung mit dem gewohnten Umfeld zu pflegen. Schließlich könne man auch Betreuungsangebote für daheim, Betreuungsgruppen, Tagespflege und Kurzzeitpflege nutzen. peka