Bad Mergentheim

„99Loveaddict“ Rapper aus Igersheim startete seine Solokarriere / Trap ist dominantes Genre / Mit Band auf der „Umsonst&Draußen“-Hauptbühne

Wird Bad Mergentheim zur Rap-City?

Archivartikel

Bad mergentheim/Igersheim.Inhalt, Technik, Intonation, Stilrichtung und sogar Sprache – bei Rapper „99Loveaddict“ ähnelt kein Track dem anderen. Künstlerische Selbstfindungsphase? „Nein“, beteuert er. „Verschiedene Geschichten erzählt man ja auch nicht auf dieselbe Art.“

Einen stilistischen Dreh- und Angelpunkt gibt es genremäßig dann aber doch : den Trap. Die Musikrichtung ist in der heutigen Hip-Hop-Landschaft so dominant, dass viele Hörer schon von Trappern (und nicht von Rappern) sprechen. Fälschlicherweise, nebenbeibemerkt: Man redet ja auch nicht von Jazzern, Bluesern oder Electronicern.

Der Stil zeichnet sich durch gepitchte Vocals, „AdLibs“ (sogenannte Sound-Signaturen der entsprechenden Künstler) und einen schleppenden Hip-Hop-Beat aus. Die Bandbreite der Inhalte seiner Lieder ist groß. Ein Song dreht sich um Drogen und verschreibungspflichtige Medikamente. Der nächste Track ist eine Liebeserklärung an die (damals noch Nicht-) Freundin.

„Obwohl ich Abi hab“

Doch zurück zum Künstler: 99Loveaddict heißt mit bürgerlichem Namen Jan Reuter, kommt aus Igersheim, ist 19 Jahre alt und Friseur von Beruf. „Obwohl ich Abi hab“, sagt er im Gespräch. Die Option Studium wolle er sich noch offenhalten. Einen künstlerischen Beruf auszuüben, habe Priorität gehabt. Auf der Musikplattform „Spotify“ hat er bisher drei Tracks veröffentlicht: „Benzodiazepine“ (fast 70 000 Aufrufe), „80s Addiction“ und „Mimi“. Es sind alles englischsprache Lieder. Der Rest seines Repertoires ist, teilweise als Rohversion, auf seinem Handy. Dort finden sich dann auch deutschsprachige Titel.

Süchtig nach Liebe

Den Zugang zur Musik fand der Liebessüchtige mit Baujahr 99 schon früh. Mit sechs wurde er auf die Musikschule zum Gitarrenunterricht geschickt. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits Rapfan. „Mit zehn brach ich ab“, sagt er. „Ich wollte nicht nach Noten spielen, sondern machen, was

ich will.“ Und das tat er dann auch – nur nicht auf musikalischer Ebene. Stattdessen spielte er recht erfolgreich Tischtennis. Zumindest bis er sich sein Sprunggelenk verletzte. Ab da herrschte an den Nachmittagen gähnende Leere, wo vorher das Training war. Eher aus Langeweile nahm er also wieder die Gitarre in die Hand und stopfte das Loch mit Musik. Aus dem Zeitvertreib wurde eine Obsession. Spätestens nach seinem Urlaub in San Francisco, wo er gemeinsam mit einem Freund täglich zwei Stunden im „Guitar Center“, einem riesigen Gitarrenladen, verbrachte und auf

den Instrumenten spielte. Zurück in Deutschland verdoppelte er das Pensum: „Jeden Tag hab ich mich drei bis vier Stunden bei mir eingekerkert und nur gespielt und gesungen“, erzählt 99Loveaddict. „Am Anfang hat sich das Ganze überhaupt nicht gut angehört. Aber ich wurde besser. Und irgendwann war ich an dem Punkt, dass ich gedacht habe: ,Ey! So langsam hört sich das Ganze doch ganz ordentlich an.“ Die Resonanz auf Youtube gab ihm Recht.

Sein Cover von „Hey Ya!“ (OutKast) erreichte mehrere tausend Klicks. Der Grundstein für die Band „AskMom“ wurde gelegt. Am 21. Juni spielen sie ihre „Bedroom-Popsongs“ auf der Hauptbühne beim „Umsonst&Draußen-Festival“ in Würzburg. Der WDR ist dann auch mit dabei. Aber das ist eine andere Geschichte.

Das Geheimnis ist gelüftet

Seine Solokarriere beginnt mit dem lüften eines Geheimnisses: Es stellte sich heraus, dass einer seiner Bandkollegen nebenher still und heimlich als Beatproduzent mit dem Namen Rianlov aktiv ist. „Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits eine ganz anständige Gesangsstimme“, erzählt der Rapper.

Zusammen mit Rianlove, der viel mit Stuttgarter Rappern arbeitet – unter anderem produzierte er den Beat von Danjus „Malibu Rain“ – ging es ans Eingemachte. Zunächst noch im Stil der „alten Schule“ des Hip-Hop. Doch habe sich schnell herausgestellt, dass Trap eher seine Richtung sei, erzählt 99Loveaddict. Nach vielen Abenden im Studio und viel technischem Fortschritt hat der Rapper seine Selbsicherheit gefunden.

Dabei spielte auch seine Clique eine wichtige Rolle: „Sie ist an fast allen Songs beteiligt. Meine Freunde sagen mir dann: ,Die Stelle ist cool. Oder mach das etwas anders. Feil dort noch an der Stimme. Oder änder da etwas am Beat.’“ Ein wichtiger Beitrag, auf den er nicht verzichten wollte: „Im Endeffekt geben sie mir Feedback, was sich in anderen Ohren gut anhört.“ Hilfreich ist sicherlich, dass sich in der Gruppe noch weitere Rapper befinden – unter anderem ein weiterer Newcomer mit dem Namen „yseless“. „Es sind alles Bad Mergentheimer Jungs oder Leute aus der Region“, betont Rapper Jan Reuter: „Meine Traumvorstellung ist, aus Mergentheim eine Rapcity zu machen“, lacht er.

Vorher gibt es aber noch ein wenig Arbeit zu erledigen und Lieder zu produzieren. Einige deutsche und englische Tracks hat er bereits in der Pipeline. „Und in den Sommerferien habe ich eine Woche sturmfrei. Da verbarrikadieren wir uns in meinem Studio und arbeiten an meinem ersten Album.“ Bild: Gabriel Schwab