Bad Mergentheim

Genealogie Ahnenforscher spüren Vorfahren und historischen Verwandtschaftsbeziehungen nach / Ruf des Wissenschaftszweigs litt durch das Dritte Reich

Zwei Millionen Namen in der Datenbank

Einmal im Monat trifft sich in einem Bad Mergentheimer Antiquariat eine Gruppe von Ahnenforschern. Ihre Familiengeschichten können sie teils bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen.

Bad Mergentheim. „Haben Sie Ihre Ururgroßmutter inzwischen gefunden?“, fragt Sieglinde Trautmann einen Mann im grünen Pullover, als er ihr gegenüber an einem großen Tisch Platz nimmt. Stolz berichtet der Mann, dass er weitere Lücken in der Reihe seiner Vorfahren schließen konnte. Elf Leute sind an diesem Abend im Antiquariat Bücherstube in Bad Mergentheim zusammengekommen. Angeregt unterhalten sie sich über Kirchenarchive, Stammbäume und die Digitalisierung von Unterlagen. Die Stimmung ist herzlich.

Einmal im Monat treffen sich in dem von Trautmann betriebenen Antiquariat Hobby-Ahnenforscher aus Bad Mergentheim und Umgebung. Manche von ihnen spüren den eigenen Vorfahren nach, andere beschäftigen sich mit den Familien an einem bestimmten Ort.

Als Quellen dienen vor allem Kirchenbücher, berichtet Gerd Gramlich, evangelischer Pfarrer im Ruhestand. Darin sind Taufen, Hochzeiten und Todesfälle verzeichnet. Manchmal gebe es an einem Ort aber mehrere Männer gleichen Namens, „die dann fast alle eine Anna-Katharina geheiratet haben.“ Mit direkten Vorfahren allein würde man also nicht sehr weit kommen, so Gramlich. Deshalb sei es wichtig, möglichst viele von deren Verwandten zu identifizieren. Oft seien in den Kirchenbüchern auch Paten oder Trauzeugen angegeben, die dabei helfen könnten, Personen gleichen Namens zu unterscheiden. Wie Gramlich erklärt, reichen die Kirchenbücher teils bis ins 16. Jahrhundert zurück. Viele seien aber auch im Dreißigjährigen Krieg vernichtet worden.

Um auf die Quellen zugreifen zu können, müssen Ahnenforscher heute nicht mehr unbedingt in Archive gehen. „Die evangelische Kirche digitalisiert ihre Kirchenbücher nach und nach und stellt sie ins Internet“, berichtet Gramlich. Bei der katholischen Kirche gebe es in dieser Hinsicht aber noch Entwicklungsbedarf. Gerade im Bistum Rottenburg-Stuttgart, zu dem Bad Mergentheim gehört, sei es schwierig, an Unterlagen zu kommen. Wichtige Informationen lieferten aber auch Grabsteine und Sterbebilder.

Große Privatbibliothek

Ihre Erkenntnisse verarbeiten die Forscher in sogenannten Ortsfamilienbüchern oder in Datenbanken. „Ich habe rund zwei Millionen Namen in meinem Computer“, berichtet Gramlich stolz. Oft bringt der 75-Jährige, der sich seit 53 Jahren mit Ahnenforschung befasst, Werke aus seiner großen Privatbibliothek mit zu den Treffen. An diesem Abend hat er das Ortsfamilienbuch „Die Mergenthaler“ von 1939 dabei. Das Werk des Forschers Wilhelm Bauder ist nicht unproblematisch, wie Gramlich anmerkt, sollte es doch ursprünglich dazu dienen, die „arische“ Abstammung eines hohen NS-Funktionärs zu belegen.

„Noch heute belastet das Dritte Reich die Ahnenforschung“, erklärt auch Frank Leiprecht. So habe man sich damals zu sehr auf sogenannte „Arier“ konzentriert und andere Familien außer Acht gelassen. Daneben habe der Ruf der Ahnenforschung, die in der Fachsprache auch als Genealogie bezeichnet wird, durch die Nazis Schaden genommen. „Ich erlebe das zum Beispiel, wenn ich einen Stand auf einer Messe habe. Da kommen immer wieder Leute zu mir, die nicht verstehen können, warum wir heute noch forschen.“ Leiprecht ist Schriftführer des Vereins „Forschergruppe Oberschwaben“ und engagiert sich in der Deutschen Arbeitsgemeinschaft genealogischer Verbände (DAGV). Eigentlich wohnt der 50-Jährige zwischen Bonn und Koblenz, kommt aber regelmäßig zur Kur nach Bad Mergentheim. Leiprecht stammt aus Oberschwaben, weswegen er vor allem dort viel geforscht hat. Inzwischen kann der Hauptmann der Bundeswehr die Familie Leiprecht bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen. Zudem hat er eine eigene Internet-Seite (leiprecht.de) eingerichtet und zahlreiche Quellen digitalisiert. Er brachte Trautmann im Sommer 2014 auch auf die Idee mit den monatlichen Treffen.

Neu eröffnet

Damals hatte die heute 62-Jährige, die davor lange in der Pflege gearbeitet hatte, ihr Antiquariat gerade erst eröffnet. Für Ahnenforschung interessierte sie sich aber schon seit etwa 30 Jahren. In der Ecke mit den genealogischen Büchern kam sie mit Leiprecht ins Gespräch. Danach inserierte sie in den Fränkischen Nachrichten und in der Tauber-Zeitung, woraufhin sich weitere Interessierte meldeten. In der Regel kommen zu den Treffen zehn bis zwölf Teilnehmer. Darunter sind ein pensionierter Hauptkommissar, ein pensionierter Richter, eine studierte Lehrerin und mehrere Kaufleute. Ihre gemeinsame Leidenschaft beschreibt Pfarrer Gramlich so: „Es ist eine Sucht, aber eine sozialverträgliche.“