Boxberg

Ich will Dich verstehen!

Archivartikel

Kennen Sie das? Da sitzt Ihnen jemand gegenüber . . . aber er hört Ihnen offenbar gar nicht richtig zu. Sie schildern ihm Ihre Situation . . . vielleicht sogar ein Problem, das Sie beschäftigt. Doch schon nach wenigen Sätzen von Ihnen hat er 1000 gut gemeinte Antworten für Sie. Er bügelt Ihnen ganz schnell seine „Weisheit“ über.

Ich kenne das allzu gut. Mir ist das schon viel zu oft so gegangen. Ich war darin auch schon „Opfer“, also jemand, der sich nicht richtig verstanden gefühlt hat. Ich habe das schon selbst erlitten!

Und ich war schon „Täter“; also jemand, der das anderen angetan hat. Ich habe anderen nicht richtig zugehört und vorschnell mein Urteil gefällt.

Das mit dem Hören, Reden und Denken ist oft ein Tempoproblem. So sagt es uns Gottes Wort! Dort heißt es im Jakobusbrief, Kapitel 1 Vers 19: „Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn.“

„Schnell zum Hören“. Achtung, bitte nicht missverstehen! – Das bedeutet nicht: schnell hinhören und dann wieder schnell weghören. Es meint vielmehr: Direkt und unmittelbar bereit zu sein, dem anderen zuzuhören. Das ist deshalb wichtig, weil wir aufgrund unserer eigenen Erfahrungen immer schon Deutungen in uns tragen. Aber die passen oft gar nicht zu dem, was gerade den anderen im Innersten bewegt. Das kann nämlich ganz anders sein, als wir das selbst erlebt haben und denken.

Deshalb sollen wir nicht zu schnell unsere Lösung hinausposaunen, sondern erst einmal genau zuhören.

Gott ist das wichtig! Ihm ist das wichtig, weil Sie ihm wichtig sind. Gott interessiert sich nicht nur für Ihre Oberfläche. Gott interessiert sich dafür, was Sie bewegt, Sie antreibt, Sie hemmt … Und Gott tritt für Sie ein! Er tut das eben auch mit diesem Bibelvers! Er will, dass andere diese Tiefe von Ihnen nicht einfach beiseiteschieben. Was Sie im Innern bewegt, soll bei anderen gehört werden! Gott will, dass Sie gehört werden.

Und umgekehrt sollen Sie ein solcher Mensch sein, der selbst mit dem Reden erst einmal langsam macht . . . erst genau zuhört.

Das braucht Zeit! Wobei wir wieder beim Tempoproblem wären. Gott ist offenbar der Meinung, dass sich diese Zeit lohnt, weil wir uns dann weniger missverstehen. Der andere merkt dann: „Ich bin ihm wichtig . . . Er will mich wirklich verstehen.“

Sind Sie bereit nachzuspüren, wie wichtig jeder einzelne Mensch Gott ist . . . eben auch unter der Oberfläche?

Ich selbst will mein Tempoproblem beim Hören und Reden mit Gottes Hilfe angehen. Ich will langsamer sein im vorschnellen Antworten geben. Mir soll wichtig sein, was den anderen antreibt und hemmt, was er denkt und fühlt. Ich nehme mir vor, genauer hinzuhören und nachzufragen, um nicht unnötig dem gegenseitigen Zorn den Boden zu bereiten.

Stellen Sie sich vor: Sie sitzen jemand gegenüber und schildern ihm Ihre Situation . . . vielleicht sogar ein Problem, das Sie beschäftigt. Und er hört Ihnen aufmerksam zu, anstatt vorschnell Ratschläge zu geben . . . Und Sie tun das umgekehrt auch. Wie wohltuend das wäre. – Gott fände das großartig.

Pfarrer Oliver C. Habiger, evangelische Kirchengemeinde Wenkheim