Buchen

Hermann-Cohen-Akademie Feier zum 20-jährigen Bestehen im Alten Rathaus / „Das Judentum als Brücke zwischen Orient und Okzident“

„Christliche Grundwerte Europas pflegen“

Die Hermann-Cohen-Akademie hat am Donnerstagabend im Alten Rathaus ihr 20-jähriges Bestehen gefeiert und des 100. Todestags ihres Namensgebers gedacht.

Buchen. Die Direktorin der Hermann-Cohen-Akademie, Professor Eveline Goodman-Thau, hielt im Alten Rathaus den Festvortrag zum Thema „Ethos Europa“. Nach gut zwei Stunden konzentrierten Zuhörens kehrte Leben im Bürgersaal des Alten Rathauses ein. Thomas Kaiser sang zur Gitarre und dem Violinspiel seiner Kinder jüdische Lieder und animierte die Anwesenden zum Mitsingen. Schließlich zog sogar eine kleine Polonaise durch den Saal.

Davor waren die Anwesenden durch den Vortrag der 84-jährigen Akademie-Direktorin intellektuell und in ihrer Konzentration gefordert. Denn sie las weitgehend vom Manuskript ab und griff immer wieder auf sehr lange, komplexe wissenschaftliche Zitate von renommierten Philosophen zurück. „Die Wurzeln Europas liegen im Judentum, Christentum und im Islam“, stellte Goodman-Thau fest. Da das Judentum im Gegensatz zum Christentum eine Religion ohne Dogmas sei, habe sich im Mittelalter ein reger Austausch zwischen Judentum und dem Islam entwickeln können. „Das Judentum wurde zur Brücke zwischen Orient und Okzident“, sagte Goodman-Thau.

Sie sieht Europa derzeit in einer Kulturkrise und appellierte daran, die christlichen Grundwerte Europas zu pflegen. „Es gibt keine Kultur ohne Kulturträger“, stellte die Professorin fest. Zur Stellung des Judentums in Deutschland und Europa sagte sie: „Ich will die Überschrift ,Opfer-Täter’ und ,Holocaust’ vom Judentum herunternehmen und gemeinsam für die Zukunft arbeiten.“ Das Judentum könne eine wichtige Vermittlerrolle zwischen den unterschiedlichen Kulturen übernehmen. Eveline Goodman-Thau bezog sich auf den Philosophen Carl Jaspers. Dieser forderte, dass sich der einzelne haftbar fühlen sollte für die Politik in seinem Land. Interessant waren auch Goodmann-Thaus unterschiedliche Definitionen von Freiheit: Die von Gott geschenkte Freiheit verpflichte einen dazu, auch Verantwortung für die Freiheit anderer zu übernehmen. Die selbst erkämpfte Freiheit sei dagegen eine Freiheit für einen selbst.

Regeln ständig hinterfragen

Goodman-Thau ist der Meinung, dass Europa die Globalisierung noch nicht bewältigt habe. Sie ging auch auf den Wert der Demokratie ein. Demokratisches Denken bedeute, die Regeln ständig zu hinterfragen. Am Ende ihres Vortrags zitierte die Wissenschaftlerin ein weiteres Mal Hermann Cohen. Dieser hatte gefordert, dass keine Religion unterdrückt werden dürfe. Die Vernunft solle die verschiedenen Kulturerscheinungen prüfen und in ethische Grundsätze übersetzen.

„Es ist wesentlich leichter, Konflikte zu schüren als Friede und Eintracht zu säen“, sagte Professor Christian Bauer, ehrenamtlicher Geschäftsführer der Hermann-Cohen-Akademie. Er plädierte für ein humanistisches Menschen- und Gesellschaftsmodell und sprach sich dagegen aus, einen Schlussstrich unter die Nazi-Vergangenheit zu ziehen: „Wir müssen uns dem Gräuel und Unrecht zuwenden! Wir sind noch nicht versöhnt mit den Opfern und Tätern.“ Er lobte Eveline Goodman-Thau, weil sie sich dafür einsetze, dass „Frieden wahrer wird.“

Landrat Achim Brötel erinnerte an die Gründung der Hermann-Cohen-Akademie im Jahr 1998. Deren Ziel bestehe darin, einen offenen Raum zu gestalten, „in dem sich das wachsende Interesse an jüdischen Quellen ohne die üblichen akademischen Zwänge entfalten kann und in dem darüber hinaus die Fragen der Zeit fachübergreifend auf der Basis eines ethischen Bewusstseins in einem vereinten Europa behandelt werden können.“ Dabei gehe es um die „Begegnung zwischen Religion und Moderne, zwischen Tradition und Fortschritt, zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, zwischen Theologie und Politik, zwischen Juden und Christen.“ Um die Gründung der Akademie hätten sich Alt-Bürgermeister Josef Frank sowie die beiden verstorbenen Buchener Bürger Pius Sanns und Rainer Trunk verdient gemacht. In den vergangenen 20 Jahren habe die Akademie „hochkarätig besetzte Tagungen, Seminare und internationale Sommeruniversitäten“ veranstaltet. Sie gab zahlreiche Publikationen heraus und organisierte Lesungen, Konzerte, Diskussionen und Gedenkfeiern. Der Landrat würdigte auch die Lebensleistung der Akademie-Direktorin Eveline Goodman-Thau. Die 84-Jährige wurde in Wien geboren, floh im Alter von vier Jahren mit ihrer Familie nach Holland und siedelte im Jahr 1956 mit ihrem Mann nach Israel um. In sechs Jahren brachte sie fünf Kinder zur Welt. Sie lehrte an verschiedenen deutschen Universitäten und ist heute eine international renommierte Wissenschaftlerin. Im Jahr 2004 verlieh ihr der Gemeinderat der Stadt Buchen die Verdienstmedaille der Stadt.

Idealen Ort gefunden

Auch Bürgermeister Roland Burger ging darauf ein, wie es zur Gründung der Akademie kam. Die Idee stammte von Eveline Goodman-Thau. Mit dem Beghinen-Klösterle, in dem auch die „Bücherei für das Judentum“ untergebracht ist, habe man einen idealen Ort als Sitz der Akademie gefunden. Denn schon vor über 200 Jahren wollten Juden an diesem Ort eine Synagoge gründen. Der Rat der Stadt habe dies allerdings damals abgelehnt. Burger gratulierte der Akademie zu ihrem Jubiläum und wünschte sich, „dass auch künftig wertvolle Impulse von dieser Institution ausgehen“ mögen.

Oberstudiendirektor Jochen Schwab, Schulleiter des BGB, dankte dafür, dass Eveline Goodman-Thau jedes Jahr vor der Gedenkfeier zum 9. November das Gymnasium besucht, um als Zeitzeugin mit Schülern zu sprechen. „Sollen wir das Alte ruhen lassen? Nein! Um lernen zu können, müssen wir wissen, was wir falsch gemacht haben“, sagte Schwab.