Buchen

Badische Landesbühne gastierte in Buchen Mit dem von Peter Lund und Danny Ashkenasi verfassten Kammermusical „Hexen“ in der Stadthalle die neue Spielzeit eröffnet

Das Leben als Frau und als Hexe wird im Stück hinterfragt

Archivartikel

Buchen.Wer oder was sind Hexen? Obskure Fabelwesen oder ganz normale Frauen? Oder beides? Das klärte am Dienstag die Badische Landesbühne, die mit dem von Peter Lund und Danny Ashkenasi verfassten Kammermusical „Hexen“ in der Buchener Stadthalle die neue Spielzeit eröffnete.

An einer Bushaltestelle treffen sich zwei völlig verschiedene Frauen im gleichen Hosenanzug: Die ledige Unternehmensberaterin Grete Stumpf (Cornelia Heilmann) und die emsige, mit ihrer Jugendliebe Hendrik verheiratete Hausfrau und Mutter Anna Golde (Nadine Pape) wissen nicht, ob sie es faszinierend oder befremdlich finden sollen. Denn so unterschiedlich ihre Lebenswege sind, so viel haben sie sich seltsamerweise zu sagen: Die eine scheint die andere sehr gut zu kennen. Kein Wunder – Grete und Anna sind Hexen. Acht Leben sind vorbei, das Neunte steht bevor. An der Schwelle zu diesem nutzen sie ihr Treffen zu einer Zwischenbilanz. Einer so selbstkritischen wie humorvollen Zwischenbilanz: Da Grete und Anna für alles weitere nur noch dieses eine Leben bleibt, sollen ihnen in diesem auch keine Fehler mehr unterlaufen. Jedenfalls verfügen sie über eine gesunde Lebenserfahrung und kennen die vier Kategorien der Hexen: Während Hexe A den Mann durch sexuelle Kraft und Charisma erschrickt, eckt Hexe B durch permanente Verweigerung chronisch an. Hexe C erfüllt als „Nur-Hausfrau“ jenes traditionelle Rollenmuster, mit dem die als Karrierefrau Akzente setzende Hexe D längst gebrochen hat. Allerdings gehen auch die Hexen mit der Zeit: „Die Seelenwanderung wurde durch Glasfasertechnologie überflüssig“, seufzt Anna.

Die Hexen leben in der Utopie und lieben den Herbst – denn in diesem geht es der Welt noch schlechter als ihnen selbst. Gemeinsam beginnen Anna und Grete, das Leben zu hinterfragen – das Leben als Frau und als Hexe. Denn warum pilotieren in der bunten Werbewelt immer nur Frauen die luxuriösen Automobile? Und wieso suggerieren die Kampagnen, dass Frauen scheinbar ausschließlich fettfreie Würstchen zu essen haben? Weshalb wäscht nicht der Mann seinen Pullover kuschelweich und erfreut die Frau damit? Aber immerhin verdient Grete „sechseinhalb brutto“, obwohl es mit Uli, Georg, Stefan und Jochen nicht geklappt hat. Anna will wissen, was die Gesellschaft und die Kinder von einer Mutter erwarten. Etwa Hausarbeit bis zum Hexenschuss? Das kann es doch auch nicht gewesen sein. Grete zeigt sich offensiver: „Eine Frau muss alles leisten und wie ein Model aussehen“, resümiert sie. Es klingt bitter, ist es aber nicht: „Als Frau musst du in Würde altern und zu deinem Alter stehen, das man dir aber auf keinen Fall ansehen darf!“, schreit sie ihr Gefühl in den Himmel.

Mit subtilen und tiefsinnigen Seitenblicken in die oft kaum bewussten gesellschaftlichen Abgründe des Alltags, Tendenzen ins latent Zweideutige und Interview-Einspielern von Ingrid Steeger bis Alice Schwarzer, den Musikern Mario Fadani (Kontrabass), Oliver Taupp (Klavier) und Lömsch Lehmann (Klarinette) boten die „Hexen“ solide Abendunterhaltung. So kann Auftakt in die neue Spielzeit „ist möglich“ als gelungen erachtet werden. ad