Buchen

Welt-Rheuma-Tag FN tauschten sich zum heutigen Aktionstag mit Betroffenen aus / Circa 2,5 Millionen Menschen in Baden-Württemberg ertragen Rheuma

Das Leiden mit den vielen Gesichtern

Heute ist Welt-Rheuma-Tag. Die Fränkischen Nachrichten unterhielten sich deshalb mit Betroffenen über deren Probleme, Erfahrungen und Hoffnungen.

Buchen. Und auf einmal gehen die Schmerzen nicht mehr weg. Maria Warik wacht morgens auf, ihr Hals, ihr Rücken, ihr Körper fühlt sich steif an. Seit mehreren Wochen ist es jeden Morgen das Gleiche, die Leiden hören nicht mehr auf. „Ich wurde schon leicht depressiv“, erzählt die Buchenerin. Mit 45 beginnen bei ihr die Schmerzen, sie geht zu zahlreichen Ärzten – mit nur mäßigem Erfolg. Schmerzmittel erleichtern ihr das Leben, ehe sie 2009 über eine Zeitschrift einen Kurs der Rheuma-Liga Neckar-Odenwald entdeckt. Alleine traut sie sich nicht, also schnappt sie sich ihre Freundin und besucht einen der Kurse.

Das war im Jahr 2009. Mittlerweile ist Warik 54 Jahre alt und geht zweimal pro Woche zum Funktionstraining. Dieses ist speziell auf Rheumatiker ausgelegt. Die Schmerzen sind weniger geworden, sie fühlt sich nicht mehr so steif. Sie bekommt ihr Rheuma in den Griff – doch das ist längst nicht bei jedem so. Um auf das Thema und die Behandlungsmöglichkeiten aufmerksam zu machen, rief 1966 die Vereinigung Arthritis and Rheumatism am 12. Oktober den Welt-Rheuma-Tag ins Leben.

Keine reine Alterskrankheit

Zwar ist es möglich, viele rheumatische Erkrankungen zu lindern oder sogar komplett aufzuhalten – doch die meisten sind nicht heilbar. Dabei kann Rheuma längst nicht nur ältere Menschen treffen, sondern auch Jugendliche und sogar Kinder, wie Dieter Fichter erklärt. „Meistens betrifft es aber Menschen ab 50 und aufwärts“, meint der Leiter der Rheuma-Liga Neckar-Odenwald. Zusammen mit ehrenamtlichen Helfern organisiert er die über 30 Übungsstunden im Vivio Gesundheits- und Rehabilitationszentrum. Pro Woche kommen in die Walldürner Straße 500 bis 600 Teilnehmer, um etwas für ihre Beweglichkeit zu tun.

Einige davon werden von Rheuma geplagt – doch was ist das überhaupt? Das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie fließender, reißender Schmerz. Es dient nur als Oberbegriff und ist weder eine Diagnose noch eine spezielle Krankheit. Viel mehr werden damit Beschwerden am Stütz- und Bewegungsapparat des Menschen bezeichnet, die unter den „rheumatischen Formenkreis“ fallen (siehe Infobox).

Über 400 Erkrankungen gehören dazu, auch die Arthrose, die weltweit am häufigsten vorkommende Gelenkerkrankung. Bei ihr ist der Knorpel, eine Schutzschicht zwischen den beiden Knochenenden, dem Verschleiß zum Opfer gefallen. Unter anderem durch eine falsche Belastung kann der Knorpel abnehmen oder sogar komplett verschwinden.

Die Folgen: große Schmerzen und ein steifes Gelenk. Oft entsteht dabei auch ein Teufelskreis: Betroffene schonen das Gelenk, wodurch der Knorpel schlechter durchblutet wird und noch mehr von seiner Schutzfunktion verliert. Außerdem werden andere Gelenke ungünstig belastet durch die schonende Haltung.

Bei den entzündlichen Krankheiten sind viele von der rheumatoiden Arthritis betroffen. Bei dieser fortschreitenden Entzündung der Gelenke wird die Innenhaut von Gelenken, Sehnenscheiden und Schleimbeuteln angegriffen. Geschwollene, gerötete und warme Gelenke gelten als erste konkrete Anzeichen. Im Verlauf der chronischen Krankheit können sich die Gelenke jedoch verformen, versteifen und dadurch starke Schmerzen verursachen. In Baden-Württemberg sind etwa 20 000 Menschen davon betroffen, so die baden-württembergische Rheuma-Liga. An Rheuma selbst leiden 2,5 Millionen Betroffene, darunter auch 2500 Kinder.

Es fehlt an Experten

Das größte Problem, so die Rheuma-Liga, sind fehlende Rheumatologen, weshalb viele Betroffene jahrelang auf eine richtige Diagnose warten müssen. Dieter Fichter bringt weitere Probleme auf den Punkt und sagt: „Eine Diagnose ist auch deshalb so schwer, da vieles darüber noch nicht erforscht ist. Manchen haben beispielsweise Schübe, die immer wieder kommen.“

Mit einer gesunden Ernährung könne das Leiden positiv beeinflusst werden, doch wissenschaftlich sei das nicht bewiesen. Betroffene sollten unter anderem nur selten Fleisch essen, da sich darin viel entzündungsfördernde Arachidonsäure befindet. Regelmäßiger Sport dagegen hilft vielen Menschen, Schmerzen einzudämmen und die Gelenke „beweglich“ zu halten.

Wenn nur noch Tabletten helfen

Doch bei manchen Betroffenen hilft nur der Griff zu Schmerzmitteln. So wie bei Marti Adela, die seit zehn Jahren am Fibromyalgiesyndrom (FMS) leidet. „Am ganzen Körper Schmerzen“, beschreibt sie ihr Leiden und damit eines der Symptome. Zu den chronischen Muskel- und Gliederschmerzen gesellen sich Müdigkeit, Ein- und Durchschlafstörungen und Schwellungsgefühle sowie weitere körperliche Symptome wie Herz- und Atembeschwerden. Adela erzählt, dass sie mit der Krankheit nur schlecht klarkomme. „Seit dem Sommer besuche ich die Gymnastikkurse. Sie tun gut, aber die Schmerzen gehen nicht weg“, meint die 58-Jährige aus Buchen.

Viele, die an den Kursen in der Walldürner Straße teilnehmen, geben nicht zu, dass sie Rheuma haben, sagt Traudel Stolz. Erschreckend sei auch, wie viele Jugendliche und Kinder von Rheuma betroffen seien. „Wahrscheinlich ist die Dunkelziffer noch größer, da sich viele die Krankheit nicht eingestehen wollen“, befürchtet sie. Zusammen mit anderen ehrenamtlichen Helfern organisiert sie die Übungseinheiten, rechnet die Kurse mit den Krankenkassen ab oder hat einfach nur ein offenes Ohr für die Betroffenen.

Auch Elvira Schmitt ist an Bord: Die 54-Jährige aus Ahorn führt die Übungen durch, animiert, erklärt, motiviert. „Wir fangen immer mit einem Herz-Kreislauf-Training an, danach folgt eine gezielte Ganzkörpergymnastik“, beschreibt die Gesundheitstrainerin den Verlauf einer typischen Kurseinheit. Zum Abschluss gebe es immer noch Übungen zur Entspannung.

Von so viel Herzblut profitiert auch Margrit Fertig. Die 74-Jährige kommt aus Limbach und ist seit vier Jahren dabei, wie sie freudig sagt. Bei ihr fing es damit an, dass sie nicht mehr laufen konnte. „Ich hatte keine Kraft mehr und habe mich richtig steif gefühlt.“ Sie habe auch viele Medikamente ausprobiert, so die Seniorin. „Wenn ich ein paar Mal nicht zum Sport kann, merke ich das sofort, dann fühle ich mich nicht mehr so ,gelenkig’.“

Ähnliches geht es auch Maria Warik. Ohne Training kämen die Schmerzen wieder, meint sie. „Das ist mittlerweile wie Essen: Ohne geht es nicht“, lacht die Frau, schmeißt locker ihre Sporttasche über die Schulter und schreitet aus dem Rehazentrum.

In der Turnhalle macht sich dagegen die nächste Gruppe bereit, um etwas für die Beweglichkeit, für die Gelenke, gegen das Leiden zu unternehmen. Nicht alle werden Erfolg haben.