Buchen

Neues Projekt Dr. Isabell Arnstein schreibt gerade über die „Entstehung des badischen Gewerbeschulsystems am Beispiel der ZGB“

„Die Arbeit am Buch ist für mich wie Erholung“

Archivartikel

Nach dem Projekt Kinderbuch widmet sich Dr. Isabell Arnstein einer ganz anderen Sache. Sie schreibt über die „Entstehung des badischen Gewerbeschulsystems am Beispiel der ZGB“.

Buchen. „Entstehung des badischen Gewerbeschulsystems am Beispiel der ZGB“ – das klingt trocken und nach viel Archivarbeit. Aber regionalhistorisch zu schreiben macht Dr. Isabell Arnstein Spaß. „Die Arbeit am Buch ist für mich wie Erholung“, sagt sie im Gespräch mit den Fränkischen Nachrichten. Und als Lehrerin an der Zentralgewerbeschule habe sie mit der Zeit mitbekommen, wie facettenreich diese Schulform ist und dass sie auch auf eine lange und vielfältige Geschichte zurückblicken kann, gerade in Baden. Man sehe auch, wie vieles mit der Zeit unwiederbringlich verloren gehe. Und wenn niemand die Quellen manifestiere, sei manches in 20 bis 30 Jahren nicht mehr lesbar. Eigentlich war die Veröffentlichung für das 175-Jahr-Jubiläum der Schule in drei Jahren geplant, doch wenn Isabell Arnstein einmal dabei ist, dann gibt es kein Halten mehr, schließlich falle das Schreiben auch leichter, wenn man den Gesamtüberblick habe.

Größerer Kontext

Sie versuche die Geschichte der ZGB in einen größeren Kontext einzubetten, denn vieles an der Entwicklung der ZGB sei typisch für alle Gewerbeschulen. Die Sprachwissenschaftlerin beginnt in der Zeit nach dem Mittelalter. „Wie sah damals die Ausbildung in den Zünften aus, und welche kritischen Stimmen im Zuge der Neuzeit wurden diesbezüglich laut?“, sind Fragen, denen sie nachgeht. „Gerade während der Industrialisierung konnte das alte Prinzip der ,Imitatio’, also der Nachahmung des Meisters von seinen Lehrlingen, den neuen Anforderungen der Wirtschaft nicht mehr Genüge leisten“, so die Studienrätin.

Die wichtigste Quelle für die Geschichte der ZGB war ein Aufsatz des ehemaligen Schulleiters Erhard Brötel, dem Vater von Dr. Achim Brötel, der anlässlich des 150-Jahr-Jubiläums einen Aufsatz dazu geschrieben hat. Auch aus seiner persönlichen Erfahrung als langjähriger Schulleiter, immerhin 25 Jahre, wusste er viel zu berichten. Sonstige Quellen sind die zuständigen Archive in Buchen, Mosbach und Karlsruhe, die Zeitungsarchive und die Berichte von Zeitzeugen.

Nicht „nur“ Berufsschule

Landläufig verwende man das Wort „Gewerbeschule“ als Äquivalent zur Bezeichnung „Berufsschule“. Doch sie sei nie „nur“ Berufsschule gewesen. „Die alte Idee der Gewerbeschule fußt auf dem Ideal, dass die Gewerbeschule das geistige Zentrum des Gewerbes einer Region ist. Dass also neben einem der Lehre zuträglichen Schulunterricht auch vielfältige Fortbildungskurse angeboten werden“, stellt Dr. Arnstein klar. Das seien in den Anfängen Zeichen- und Modellierkurse gewesen, heutzutage fallen diese Kurse unter das Angebot des Fördervereins, der im Prinzip diese traditionelle Idee weiterlebe. „Baden ging im Bereich der Gewerbeschulentwicklung eigentlich einen höchst fortschrittlichen Alleingang“, ist sich die Sprachwissenschaftlerin sicher.

Die badischen Gewerbeschulen seien bereits zu Weimarer Zeit im Sekundarbereich II angesiedelt gewesen, hatten also laut Arnstein den gleichen Stellenwert wie die Gymnasien, nur mit einer anderen Ausrichtung, eben auf das Berufliche hin, zum Beispiel als Vorbereitung auf einen Ingenieursstudiengang. „Bedingt durch das Dritte Reich büßte die badische Gewerbeschulidee doch leider sehr ein. Aber so langsam nähern wir uns ihr wieder an“, meint die Autorin.

Verschiedene Schularten

Das berufliche Schulwesen fristet ihrer Meinung nach zu Unrecht ein Nischendasein. An der ZGB gebe es acht bis neun verschiedene Schularten, die Berufsschule sei mit ihren verschiedenen Berufsfeldern lediglich eine davon. Daneben gebe es zahlreiche Vollzeitschulen, an denen man Abschlüsse von der Hauptschulreife über das Allgemeine Abitur bis zum Staatlich geprüften Techniker ablegen könne. „Natürlich haben alle diese Schularten eine gewerblich-technische Ausrichtung, es werden aber auch allgemeinbildende Inhalte vermittelt, so kommt das Deutsch-Abitur des TG aus dem gleichen Aufgabenpool wie beim BGB“, erklärt die Studienrätin gegenüber den FN.

Auf den Buchmarkt soll das Werk im Sommer gebracht werden – als Nummer 36 in der Schriftenreihe des Bezirksmuseums „Zwischen Neckar und Main“. Vorträge darüber wären dann im Herbst denkbar. „Das Grundgerüst steht mittlerweile, und alle Quellenarbeiten sind getan“, blickte die Autorin gegenüber den FN zurück. Rund 400 Stunden hat sie schon in das Werk investiert, 100 weitere werden folgen.

Was die Bilder betrifft, könnte das Werk aber noch ein wenig Auflockerung vertragen. Denn Bildquellen sind laut Arnstein höchst selten. „Oder auch, wenn sich der ein oder andere Zeitzeuge aus den Nachkriegsjahren noch finden könnte, wäre das prima. Ich habe schon ein paar interviewt und dabei manch interessante Geschichte erfahren“, sagt Isabell Arnstein. Zum Beispiel eine aus den 1920er Jahren. „Ein Buchener Gewerbeschüler wurde zu Karzerarrest verdonnert. Sonntags nach dem Kirchgang musste er für vier Stunden in den Karzer, was aber bestimmt für den Aufsicht haltenden Lehrer auch nicht so angenehm war. Der freie Sonntag war für beide dahin“, erzählt Dr. Arnstein. Generell sei die Disziplin – gemessen am heutigen durchschnittlichen Oberstufenschüler – , wohl höher gewesen, nicht zuletzt bedingt durch die autoritäre Erziehung im Hinblick auf Gehorsam und Tüchtigkeit. „Die Lehrer durften auch noch körperlich züchtigen, wie mir manche Zeitzeugen noch aus den 1960er und 70er Jahren berichteten“, schildert die Sprachwissenschaftlerin aus dem Inhalt.

Für die Kapitel des Buches, die sich mit der Neuzeit befassen, suchte sie den Kontakt zu ehemaligen Gewerbeschülern aus Buchen beziehungsweise Walldürn. „Die Gespräche waren höchst spannend und aufschlussreich und stellen wertvolle Quellenzeugnisse dar, die es wert sind, festgehalten zu werden, auch für zukünftige Historiker“, ist sich die Autorin des Werkes sicher.