Buchen

In der Buchhandlung Volk in Buchen Stefan Müller-Ruppert griff einmal mehr in die Bücherkiste und empfahl Lesenswertes

Die Figuren mit der Stimme zum Leben erweckt

Buchen.Ein „kleines“ Fest vor dem „großen“ Fest: Das ist für Buchhändler Johannes Volk die vorweihnachtliche Lesung mit Stefan Müller-Ruppert, die er schon von seinem Vater übernommen hat. Die treuen Buchliebhaber sehen das – die Reihe „Das erste Kapitel“ gibt es seit rund 20 Jahren – genauso: Noch nie, so Johannes Volk, waren die Platzkärtchen so schnell vergeben diesmal.

Einmal mehr erweckte Stefan Müller-Ruppert seine literarischen Figuren allein mit seiner eindrucksvollen, wandlungsfähigen Stimme zum Leben; ein Paradebeispiel dafür war das lange verschollene, erst im Mai veröffentlichte Manuskript „Der Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete“ des verstorbenen Kinderbuchautoren Otfried Preußler. Kasperl und Seppel, die Großmutter, Wachtmeister Dimpfelmoser – Müller-Ruppert versah jede einzelne Figur bei seinem Vortrag mit einem ganz eigenen Charakter.

Aber der Reihe nach: Mit dem Klassiker „Knecht Ruprecht“ von Theodor Storm startete Stefan Müller-Ruppert nach Volks Begrüßung in den Abend. Der weiter ging mit einem 13-jährigen übergewichtigen Teenager, der Anfang der 70-er Jahre seine Pubertät samt erster Liebe durchlebt und durchleidet. „Rückwärts durch die Knie betrachtet war die Welt immer am schönsten“, ist einer der denkwürdigen Sätze in diesem neuen Roman des Österreichers Wolf Haas.

Wer lieber schöne Bilder anschaut und sich zudem für Geschichte interessiert, der kann sich mit „Legendäre Reisen in Deutschland“ auch vom heimischen Sofa aus an den Schönheiten des Landes – früher und heute – erfreuen. Zwei gänzlich unterschiedliche Welten, ein kleines Dorf im Madonnenländchen und ein geheimnisvolles Hexenland, beschreibt Marie Veith aus Rippberg in ihrem Kinderbuch „Hexenblutkinder“ mit Lokalkolorit. Hexenblut gehört nicht zu den ansonsten durchaus ungewöhnlichen Kochzutaten Nigel Slaters, aus dessen „Das Wintertagebuch“ in der Folge vorgelesen wurde. Ganz begeistert zeigte sich Müller-Ruppert von Alex Capus´ „Königskinder“: „Ein wunderschönes Buch, das ich vor allem deshalb genossen habe, weil es keine großen Probleme darin gab.“ Max erzählt darin der leicht nervigen Tina vom Außenseiter Jakob, der 1779 hoch in den Bergen eine wunderbare Liebesgeschichte erlebt hat. Mit der Liebe hat sich neben so vielen anderen auch Heinrich Heine beschäftigt. Und wie die anderen auch scheiterte er an einer logischen Erklärung, was die Liebe denn nun tatsächlich sei – nachzulesen in der Sammlung „Wo die Liebe hinfällt“.

Locker leicht und vor allem weihnachtlich wurde es mit dem Büchlein „Josef, er hat schon follower“ aus einer Reihe, die den weihnachtlichen Trubel Jahr für Jahr auf die Schippe nimmt und in „Herz aus Filz“ den Bastelwahn der Freundin humorvoll-tragisch thematisiert. Das gleiche Genre, aber mit mehr Anspruch bedient Joachim Meyerhoff mit „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“. Darin erzählt er von seiner Kindheit in einer Nervenheilanstalt – als Sohn des Chefarztes. Unkontrollierbare, im Chaos endende Glückseligkeit am Weihnachtsfest; Begeisterungsstürme im Psychiatriegottesdienst; eine Maria in Zwangsjacke beim Krippenspiel - skurril, aber warmherzig beschrieben. Eine nüchterne, sehr wahre Feststellung hat der Bestatter Peter Wilhelm zum Buchtitel gemacht: „Wer zu uns kommt, hat das Gröbste hinter sich“. Auch hier hatte sich Müller-Ruppert für eine anrührende Geschichte vom „Krippen-Opa“ entschieden, der so mit seiner Krippe verbunden war, dass seine Trauerfeier als Weihnachtsgottesdienst gestaltet wurde.

Erstmalig im Publikum war Werner Doyé. Der „alte ZDF-Recke“ mit enger Bindung zum Odenwald hat kurzfristig ein morgendliches Stimmungsbild Buchens beigetragen und alle, die im „Städtle“ irgendwie beheimatet sind, werden viele, wenn nicht alle Szenerien erkannt haben. Die Zugabe schließlich – „Was will ich mehr?“ von Harald Hurst aus dem Buch „Mol gucke“ – ist unabhängig von seiner humoristischen Begabung ein weiterer Beweis für dessen scharfe Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, sehr gescheit Wahrheiten auf den Punkt zu bringen: Ein Plädoyer für mehr Zufriedenheit in einem chronisch unzufriedenen Nörgel-Deutschland – wahre Sätze nicht nur, aber gerade auch an Weihnachten. sis