Buchen

Leserbrief Der ehemalige Buchener Dr. Gerhard Steigerwald erinnert sich an 1938

„Ging alles herzlos an uns vorüber?“

Wir lebten in der Nähe des Gasthauses „Löwen“ in der Vorstadtstraße. Das Haus existiert heute nicht mehr und ist der Straße zum Krankenhaus an der Walldürner Straße gewichen. Ich erinnere mich noch gut an folgende Einzelheiten, obwohl ich damals erst etwas mehr als fünf Jahre alt war. Die Erinnerungen begleiten mich bis heute, also über 80 Jahre lang.

Am Morgen des 9. November spielte ich mit ein paar Buben auf der Straße vor unserem Haus und geriet dabei bis vor die Synagoge, die nicht weit von unserem Haus war, links vom Gasthaus „Löwen“, wo heute der Synagogenplatz sich befindet. Die Türe stand sperrangelweit auf und wir rannten in die Synagoge. Es war halbdunkel. Es war einiges kaputt. Noch heute sehe ich vor mir diese dunkelblauen Fenster und spüre die eigenartige Atmosphäre. Dann als wir wieder draußen waren, sah ich unter der Tiefeneinfahrt des Gasthauses „Löwen“ auf der rechten Seite direkt vor dem Tor zum Keller ein paar Leute stehen. Ich meine heute, das waren die wenigen Juden, die noch in Buchen waren und gefangen worden waren. Bald nach Beginn des Frankreich-Feldzugs wurden die Buchener Juden nach Süd-Frankreich, nach Gurs in ein KZ gebracht und dort wahrscheinlich umgebracht.

Wenn ich durch die Marktstraße heute gehe, sehe ich ein bestimmtes Haus, an dem ich am Morgen des 9. November folgendes erlebte: Ich ging mit meiner Mutter zur heiligen Messe. Da wurde aus dem obersten Stock dieses Hauses ein Radio, damals Volksempfänger genannt, auf die Straße geworfen. Ich fragte meine Mutter: Mama, wer schmeißt denn da ein Radio raus, wir haben keines. Wahrscheinlich wurde oben eine jüdische Familie gerade von Nazis überfallen. Was mir immer wieder zu denken gibt, auch heute 80 Jahre danach, ist, dass ich so gut wie keine Erinnerung daran habe, dass man über die Judenverfolgung bei uns sprach, auch nicht in geheimen Zirkeln des Kolping, an denen ich mit meinem Vater teilnahm, aber erst recht nicht in meiner ganzen Schulzeit im Gymnasium in Tauberbischofsheim bis von 1945 bis 1953. Ging alles herzlos an uns vorüber?