Buchen

Badische Landesbühne Bruchsal eröffnete Spielzeit in Buchen Auftakt mit "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" in der Stadthalle

Ist die Würde des Menschen unantastbar?

Mit der von Margarethe von Trotta dramaturgisch bearbeiteten Heinrich-Böll-Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" eröffnete die BLB in Buchen ihre neue Spielzeit "Das bin alles ich?"

Buchen. "Wie Gewalt entstehen kann und wohin sie führen kann" ist der Untertitel der Erzählung. Katharina Blum, Jahrgang 1947, hat kein leichtes Leben. Die zarte Hausangestellte (Nadine Pape) wuchs bei ihrer Tante Else Woltersheim (Evelyn Nagel) und deren Lebensgefährten Konrad Beiters (Stefan Holm) auf.

Sie arbeitet nach ihrer Scheidung bei Anwalt Blorna (Markus Hennes) und seiner Frau Trude (Lydia Fuchs). Den Alltag dominiert seelenlose Leere. Da kommt eine Karnevalsparty genau richtig: Tante Else lädt ein. Zufällig ist ein Mann da, den keiner kennt. Katharina verbringt mit ihm den Abend, er heißt Ludwig.

Sie verbringen eine Nacht, aus der sie jäh gerissen werden: Kriminalkommissar Beizmenne (René Laier) und Staatsanwalt Hach (David Meyer) stürmen die Wohnung. Im Raum steht eine Frage: Wo ist Ludwig, gegen den wegen Bankraub und Mord ermittelt wird?

Hach und Beizmenne schämen sich: Ludwig ist ihnen entwischt. Obwohl sie die Wohnung seit geraumer Zeit observierten, türmte er. Was für eine Schmach. Der junge, ehrgeizige Hach ist tief gekränkt. Ausgerechnet ihm misslingt etwas so eine Routineaufgabe.

Er hat das Gefühl, seine Ehre verloren zu haben. Das lässt er nicht auf sich sitzen.

Auf dem Revier staucht er Katharina in rauem Tonfall zusammen. Sie habe den Anarchisten Ludwig Götten versteckt. Und außerdem: Wie kann sie sich diese exklusive Wohnung leisten? Sicher von der Beute des Bankraubs, mutmaßt Hach. Deswegen glaubt er auch, in Katharinas Domizil einen Bandentreff und Waffenumschlagplatz erkannt zu haben.

Lieber in der Zelle

Der Staatsanwalt überschlägt sich in kühnen Vorstellungen. Nach seiner Meinung ist Ludwig zudringlich gewesen, aber Katharina spricht von zärtlichen Momenten. Die Kollegen Moeding (Martin Behlert) und Pletzer (Lydia Fuchs) sowie Beizmenne bleiben besonnen. Man bietet Katharina eine Tasse Kaffee an, doch sie lehnt ab. Die Mittagspause verbringt sie lieber in der Zelle.

Als Beizmenne das Büro verlässt, betreten es die Sensationsjournalisten Tötges (Markus Hannes) und Schönner (Stefan Holm). Ihnen folgt Wilhelm Brettloh (Martin Behlert), mit dem Katharina 1968 kurz verheiratet war.

Werner Tötges gibt sich als Polizist aus. Er fragt dies und das, Brettloh fängt zu reden an. "Sie wollte mehr, als ich ihr bieten konnte", brummt der Arbeiter.

Die "Zeitung" unübersehbar ein Abziehbild der Hamburger Boulevardpresse - schlachtet alles aus. Was andere über Katharina sagen, dreht sie ins Gegenteil. Mit fatalen Folgen: Aus einer bis dato angesehenen Frau wird eine Geächtete.

Nach dem letzten Verhör wird Hach gegenüber Katharina milde: "Wollen wir was trinken?", will er wissen. Sie zieht wieder die Zelle vor, aber Hach lässt sie nach Hause gehen.

Nur ein Vorwand

Aber auch das ist nur ein Vorwand. "Lassen wir das Blümelchen laufen, macht es einen Fehler und führt uns zu Götten", glaubt Beizmenne. Unterdessen druckt die "Zeitung" eine Auflage nach der anderen. Auch Alois Sträubleder (René Laier) - eine böse Karikatur, die sämtliche deutschen Politiker der jungen Bonner Republik in sich vereint - liest die Berichte. Er schlägt bei Verleger Lüding (David Meyer) auf und garantiert die Unschuld der Katharina Blum. Kurz danach gesteht er ihr seine Liebe. Der feine Herr geizt nicht mit Anzüglichkeiten, er verpackt sie aber gewählter als Hach, Tötges und Brettloh.

Ein Rettungsanker ist Pater Urbanus (Stefan Holm), der Katharina neue Kraft schenkt: "Ich kenne und schätze Sie", sagt der Geistliche. Die Polizei glaubt, dass Katharina "ihren" Ludwig irgendwo versteckt. Tatsächlich: Sie finden ihn. Er wird verhaftet.

Jetzt dreht Katharina den Spieß um: Wie hasserfüllt sie ist, zeigt sie nicht und vereinbart mit Werner Tötges einen Interview-Termin. Er macht keinen Hehl daraus, ein Mann zu sein; viril und frech will er ihr an die Wäsche. Katharina kennt kein Pardon. Als sie den Ort des Geschehens verlässt, ist Werner leblos. Sie irrt durch die Straßen, sucht das Gefühl, sucht die Reue. Aber sie findet keine Gefühle und keine Worte.

Überzeugender Einstand

Der Aufbruch in die neue Spielzeit mitsamt dem überzeugenden Einstand der neuen Ensembledarsteller Nadine Pape und David Meyer kann als solide bezeichnet werden; der 1975 durch Volker Schlöndorff verfilmte Stoff ging mit scharfen Dialogen, nahezu perfekten Rollenbildern und der feinfühlig auf die Siebziger abgestimmten Requisite zu Herzen. Eine Frage wurde provoziert: Ist die Würde des Menschen wirklich unantastbar?