Buchen

Kreisseniorenrat Die Gerontologin Ulla Reyle war zu Gast / Thema war „Alternative Wohnformen für Frauen und Männer in der dritten Lebensphase“ / Podiumsdiskussion

„Langes Leben muss man lernen“

Archivartikel

„Langes Leben muss man lernen“ Die Gerontologin Ulla Reyle sprach am Mittwochabend auf Einladung des Kreisseniorenrats vor rund 50 zumeist älteren Menschen im Wimpinasaal.

Buchen. „Was man sich als junger Mensch unter Altern vorstellt, entspricht nicht unbedingt der Wirklichkeit“, sagte Bernd Ebert, Vorsitzender des Kreisseniorenrats Neckar-Odenwald, in seiner Begrüßung. Deshalb organisiere man seit vier Jahren die Veranstaltungsreihe „Lebenstraum – Alterswirklichkeit“. Dieser Abend war „Alternativen Wohnformen für Frauen und Männer in der dritten Lebensphase“ gewidmet. Auch Benjamin Laber, Beigeordneter der Stadt Buchen, betonte, wie wichtig es sei, sich mit dem Älterwerden auseinanderzusetzen. Früher landeten pflegebedürftige alte Menschen als Endstation im Altersheim. Heute existierten andere Wohnformen als Alternative. „Ziel ist ein selbstbestimmter und würdiger Lebensabend“, sagte Benjamin Laber.

„Wir werden vermutlich alle sehr viel älter, als wir es uns vorstellen können“, stellte die Tübinger Gerontologin Ulla Reyle zu Beginn ihres Vortrags fest. Auf kurzweilige Weise ging sie auf die Folgen des Alterns und einer alternden Gesellschaft ein. Jeder altere anders. Denn jeder befinde sich in einer anderen Lebenssituation. Altwerden sei deshalb von einer hohen Individualisierung geprägt. Außerdem seien ältere Menschen heute fitter als früher. „Die 70 ist die neue 60“, sagte Reyle. Sie warnte vor einer zu frühen „Entberuflichung“ und sprach von einer „Feminisierung“ des Altseins. Frauen würden älter als Männer und lebten häufiger allein.

„Unterjüngung“

Auch wenn immer mehr alte Menschen in unserem Land leben werden, so lehnt die Gerontologin den Begriff „Überalterung“ als diskriminierend ab. „Wir haben zu wenige Kinder“, stellte sie fest. „Diese Entwicklung müsste also korrekt ,Unterjüngung’ genannt werden.“ Um mit möglichst hoher Lebensqualität zu altern, riet Reyle ihren Zuhörern, möglichst lange autonom zu bleiben und zum Beispiel auch als älterer Mensch vielfältige Kontakte zu pflegen. Seine Gesundheit sollte man durch Bewegung und eine gute Ernährung fördern und seine kognitiven Ressourcen stärken. Außerdem sollten sich auch ältere Menschen auf das Internet einlassen. Denn es biete die Möglichkeit, mit Menschen in Kontakt zu treten, auch wenn die Körperkräfte nachließen.

Ulla Reyle ging auch auf den Begriff des „Phantom-Selbsts“ ein. Dieser bedeute, dass das Altersempfinden von Menschen abweiche. Viele fühlten sich um etwa zehn Jahre jünger. Andererseits werde das Altern von Männern in den Medien positiver dargestellt als das von Frauen. Auch gelinge es Männern im Alter zwischen 50 bis 65 häufiger, eine neue, meist jüngere Partnerin zu finden, als Frauen in diesem Alter einen neuen Partner.

„Im Alter beschäftigen uns die Themen von früher“, sagte Ulla Reyle und teilte die Altersstufen in Zehn-Jahres-Kohorten ein. Die 90-jährigen seien von Kriegserlebnissen in ihrer Jugend geprägt. Die 80-Jährigen hätten als Kriegskinder eigene Bedürfnisse zurückstellen müssen. Die 70-Jährigen seien als heutige Alt-68-er besonders durchsetzungsfähig. Die Babyboomer von vor 60 Jahren dagegen hätten die Erfahrung gemacht, dass sie schon immer zu viele gewesen und deshalb tendenziell zu kurz gekommen seien.

Auch auf die Herausforderung des Ruhestands ging die Gerontologin ein: „Die Männer kehren ins Reich der Frau zurück.“ Dort seien allerdings schon alle Rollen belegt. Sie riet Ehepaaren in dieser Lebensphase, Raum zwischen sich zu lassen. Jungen Menschen riet Reyle dazu, sich rechtzeitig zu überlegen, wie man im hohen Alter Leben möchte. Dabei spiele das Wohnumfeld eine wichtige Rolle. Ein mehrstöckiges Reihen- oder ein großes Einfamilienhaus könne zur Last werden. „Ein Umzug mit Entrümpelung braucht Trauerarbeit und Eingewöhnung“, stellte die Gerontologin fest. Deshalb sollte man diese Maßnahme zeitig angehen. Auch sollte man mit seinen Kindern über eine mögliche Pflegebedürftigkeit sprechen. „Eine Entpflichtung der Kinder von der Pflege ist ein Zeichen von reifer Elternliebe“, stellte Ulla Reyle fest.

Gesprächsrunde

In der sich anschließenden Gesprächsrunde auf der Wimpinasaal-Bühne befragte Susanne Schweiger, Bürgermeisterin von Aglasterhausen, fünf Personen, die in unterschiedlicher Weise mit dem Thema Alter befasst sind. So lebt der 72-jährige Kreisseniorenratsvorsitzende Bernd Ebert in Erlenbach in einem Haus aus dem 17. Jahrhundert, das nicht barrierefrei ausgebaut ist. In seinem Dorf ist er als Ortsvorsteher sozial stark eingebunden. Sollte er aus Altersgründen in dem Haus nicht mehr wohnen könnten, will er es verkaufen und umziehen. In der Seniorenarbeit setzt er sich auf politischer Ebene für ein selbstbestimmten Leben von alten Menschen ein.

Ulrike Linke leitet den Kindergarten „Regenbogen“ in Buchen. Sie hat vor 16 Jahren ein Reihenhaus mit mehreren Etagen gekauft und dort vor kurzen die Räume vergrößert. Gemeinsam mit ihrem Mann denkt sie darüber nach, ab wann es sinnvoll wäre, in eine kleinere Wohnung zu ziehen. Michael Winnewisser, Geschäftsführer der EVA-Seniorendienste und Leiter des Helmuth-Galda-Hauses, sieht einen hohen Bedarf an wohnortnahen Wohn- und Pflegeplätze für alte Menschen. Bei der Wahl einer passenden Einrichtung sollte man sich auch von seinem Gefühl leiten lassen. Ein Heim sollte über eine gute und wohnliche Atmosphäre verfügen. Rentnerin Anna Schick aus Mosbach hat im Alter von 77 Jahren ihr Familienhaus verkauft und ist in eine Mietwohnung mit 84 Quadratmeter Fläche gezogen. „Ich bin froh, dass ich den Absprung rechtzeitig geschafft habe“, sagte sie. Cornelia Krüger-Lang dagegen hat sich gemeinsam mit ihrem Mann für eine ganz andere Wohnform entschieden. Sie wird mit weiteren vier Ehepaaren und drei Singles als „Hausgemeinschaft Henschelberghof“ ein großes Haus für alle bauen. Erste Überlegungen dazu tätigte sie bereits im Alter zwischen 50 und 60 Jahren. „Man muss sich früh auf den Weg machen, um Menschen zu finden, die mitmachen“, stellte sie fest.